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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 10:58

    Kennzeichen T - 14.01.2012

    14.01.2012

    Der Mensch ist des Menschen Putenbrust

    Der Bund Naturschutz hat in diesen Tagen mal wieder eine dieser Studien veröffentlicht, die Gott lästern und die Schöpfung verspotten. »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach«, das weiß man als christlich sozialisierter Europäer, auch ohne dass man ein Priesterseminar besucht hat. Deshalb braucht das Fleisch Unterstützung. Der Mensch verlässt sich da auf Miederwaren und Viagra. Beides stützt das Fleisch, das weibliche gegen die Kräfte der Gravitation, das männliche – auch, so dass der Fortbestand der Art gesichert ist.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Ganz anders Hühnerfleisch. Bei Huhn und Hahn wären Bustier und Potenzverstärker nichts als gefährliche Verschwendung: In Spitzenwäsche würden sich die Chicks nur verheddern, während die sowieso schon immergeilen Gockel reihenweise am Herzinfarkt verendeten.

     

    Nein, the broiler’s little helpers heißen Antibiotika. Dies ist jetzt keine unpassende Verbeugung vor dem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum der Rolling Stones; ich bitte Sie, wenn sich jemand mit Hühnern und Medikamenten auskennt, dann Keith und die Jungs: And though she’s not really ill, there’s a little yellow pill – das musste man deutschen Geflügelzüchtern nicht zweimal sagen. Denen ist vollkommen egal, ob ihre Brut really ill ist oder nicht. Mit Antibiotika lässt sich nämlich das Wachstum steigern; da brauchts nicht erst einen verschnupften Schnabel. Also haben sie das Zeug sozusagen als Dessert verfüttert.

     

    Nicht, dass ich es den Hühnern nicht gönnte. Wer mit zwanzig anderen auf einem Quadratmeter lebt, der ist froh um alles, was ihn ein bisschen wegbeamt. Aber dummerweise ist jedes Huhn selber eine Art Massentierhalter. In ihm leben Millionen Mikroben - wenn auch unter weitaus besseren Bedingungen, als in der deutschen Geflügelzucht. Und die haben sich an den Antibiotika überfressen. Die kicken nicht mehr. Früher konnte eine einzige Pille ein ganzes Staphylokokken-Rudel platt machen. Jetzt teilt sich Coli mit Campylobakter eine 500mg-Packung – und sagt: »Scheiße, Alter, mir wird nicht mal schlecht!«

     

    Und diese Bakterien tun mir tatsächlich leid. Denn denen bleibt nun nichts übrig, als auf Menschen überzuspringen, und zwar Menschen, die Fleisch aus Hühnermastbetrieben essen. Nicht auf die lieben Biomenschen, bei denen sich immer ein lauschiges Plätzchen findet, weil sie es mit der Rasur nicht so genau nehmen; nein, auf die Ekelmenschen, in deren Körper noch das Dioxin vom Fleischskandal im letzten Januar rumschwimmt! Organismen, in denen untragbare Zustände herrschen: Dioxin, Nitrofen, Acrylamid, Reste von Gammelfleisch; all das, was die sich in den letzten Jahren reingepfiffen haben – dazwischen kann kein Bakterium mikrobenwürdig leben! Und wenn es sich die falsche Tussi ausgesucht hat, tropft ihm auch noch ausgelaufenes Silikon aufs Cytoplasma!

     

    Aber darum kümmert sich der Bund Naturschutz nicht. Im Gegenteil: Er beleidigt die Schöpfung, indem er die geschundenen Kleinstlebewesen als Risikofaktoren denunziert. Dabei ist seit Thomas Hobbes klar: Der Mensch ist das Risiko. Homo hominem lupus – der Mensch ist des Menschen Putenbrust. Oder so.

     

    Und dem wird jetzt geraten, er solle den Broiler brutzeln, bis die Bakterien verschmoren. Doch Sie vor dem Bildschirm, ich weiß es, Sie sind kein Ekelmensch. Sie lassen Kokken Kokken sein. Ihnen rate ich: Holen Sie sich ein glückliches Huhn. Von einer taubeglänzten Wiese. Mit dem Sie vielleicht vor der Pfanne selbst noch ein paar Worte gesprochen haben. Es geht. Man muss nur genug Geld dafür ausgeben. Jedes antiautoritär aufgezogene Huhn beweist: Das Fleisch ist willig, der Geist ist schwach. Und dessen Bakterien sind auch nicht resistent. Die würde schon eine Aspirin wegputzen. Mit denen können Sie ganz beruhigt kochen: Wie wärs denn heut abend mit Kokken au vin?

     

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