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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 10:59

    Kennzeichen T - 28.10.2011

    28.10.2011

    »Ins wilde Kurdistan!«

    Keine Woche ist es her, da hat Barack Obama angekündigt, dass Schluss ist im Irak. Am 31. Dezember ist ›Ami go home‹-Tag. Bei George W. Bush hieß das noch ›Mission Accomplished‹ – Auftrag erfüllt. Aber so ist das Leben: Wenn man ein Ziel erreicht hat, tauchen fünf neue auf. Erst wurden die Massenvernichtungswaffen, die nicht da waren, beseitigt, dann Saddam, jetzt soll auch noch Stabilität her – irgendwann reichts auch dem geduldigsten Helfer, und er geht nachhause. Sollen sich doch andere ausnützen lassen.

     

    Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

     

    Die Türken, zum Beispiel. Die fangen grade erst an, Ziele im Irak zu entdecken. Also, nicht direkt Ziele, sondern Kurden. Es geht mal wieder um Ausbildungslager. Bei George W. Bush warens Al-Quaida-Terroristen, die von Saddam das Jumbofliegen beigebracht bekommen hatten, bei den Türken sind es die Dunkelmänner von der PKK. Die verstecken sich in den Erdlöchern, in denen Saddam nicht mehr wohnt; und kriegen Geld von deutschen Stiftungen. Das meint zumindest Regierungschef Erdogan. Es soll sogar Gerüchte geben, Tausende PKKler seien im Nordirak solange im Takt gehüpft, bis in Van die Erde bebte; im Dorf irakischen Haftanin jedenfalls stellten türkische Soldaten eine CD der deutschen Bumstechno-Kapelle Scooter sicher.

     

    Ja, wie bei jedem schnellen Aufsteiger kommt mit dem Erfolg auch die Paranoia. Die Türkei hat mehr Wirtschaftswachstum als die FDP Prozente, Istanbul gilt als coolste Stadt der Welt, selbst die deutsche Comedyszene wird von Spaßosmanen aufgerollt. Da ist die Missgunst groß. Mit dem Erzfeind Griechenland ist nix mehr anzufangen – was läge für die Deutschen also näher, als die Kurden einzuspannen?

     

    So daneben, wie er aussieht, liegt er nicht, der Erdogan Verfolgungswahn. Ein bisschen Grenzkrieg käme Schwarz-Gelb nicht ungelegen. Alles, was ablenkt, hilft. Und jemand, der den Nachbarn überfällt, den kann man keinesfalls in die EU lassen. Von den Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. Es heißt, Heckler und Koch haben grade erst einen Großkunden verloren. Die PKK dagegen könnte eine Marktinitiative starten.

     

    Und nicht nur für Waffenhändler. 31 Standorte will Verteidigungsminister de Maiziere der Bundeswehr wegnehmen. Bald stehen hunderte Staatsbürger in Uniform auf der Straße. Wohin mit denen? Gut, katholische Internate könnten ein paar brauchen, aber es ist ja nicht jeder in Coesfeld ausgebildet worden. Der ein oder andere Pionier wird in ostdeutschen Verkehrsämtern unterkommen. Aber das wars dann auch schon.

     

    Wenn wir allerdings die PKK unterstützen, dann ändert sich vielleicht die Auftragslage. Da können wir von den Amerikanern lernen: Saddam und bin-Laden, das waren zwei riesige Konjunkturpakete. Erst hochgepäppelt, um sie dann bekämpfen zu können. Allein der Irakkrieg war acht Jahre Arbeitsplatzgarant.

     

    Die Bundeswehr selber wird nicht gegen die Kurden eingreifen, so reduziert wie sie ist. Dreieinhalbtausend sind in Afghanistan, die andere Hälfte baut die Kasernen ab. Umso mehr können unsere erwerbslosen Soldaten eine neue Aufgabe finden. Im deutsch-türkischen Verhältnis ist es jetzt mal an uns, Gastarbeiter zu schicken. Die türkische Armee bietet Aufstiegschancen, die es hier nicht mehr gibt. Und wenns erstmal nur an der Kebab-Kanone ist. Welcher Rekrut mit Hass auf den Feldwebel wollte nicht schon immer mal den Spieß umdrehen? Ja, man muss Ziele haben. Und da können wir uns ’ne Scheibe abschneiden.

     

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