Der ANONYMOUS-Essay (Teil 2)
19.01.2011
Und der Himmel wird sich verdunkeln vor Kätzchen
Der neue Aktivismus und der lange Fall eines kollektiven Bewusstseins: Eine Kriegsberichterstattung von den digitalen Fronten, an denen Anonymous sich formten. Von JAN FISCHER
Der Beginn des Niedergangs
Die Aktionen gegen Scientology, so ehrbar sie auch sein mögen, waren aber schon der Beginn vom Niedergang: Anonymous, so, wie es begonnen hat und lange Zeit weitergegangen ist, auch nach der Unabhängigkeitserklärung, wollte nie politisch sein, außer vielleicht zufällig. Anonymous brauchte nie einen Grund für seine Aktionen, außer dem, Chaos zu stiften und dabei Spaß zu haben. Genau das war es auch, was vor allem bei Scientology für Verwirrung sorgte: In der Anfangszeit des „Project Chanology“ gab es zwar Attacken, aber es wurde nie ein Grund genannt: /b/ war darauf aufmerksam geworden, dass Scientoloy versuchte, ein Video löschen zu lassen, in dem Tom Cruise Blödsinn über Scientology brabbelte, fand das irgendwie nicht in Ordnung, und daraus resultiere der jahrelange Krieg, dem die Gründe erst hinterher – im Zuge der Ideologisierung von Anonymous – aufgepfropft wurden.
Es waren die Medien, die - als die Aktionen und die Feinde langsam größer wurden - dazu neigten, die politische Dimension von Anonymous zu überhöhen, und die chaotische, unberechenbare zu ignorieren oder als groben Unfug abzustempeln. Schlicht, weil es unverständlich ist, weil es schwierig ist, ein kollektives Bewusstsein, wie Anonymous es ist, zu verstehen und medial verwertbar auf eine Linie zu bringen: Gerade, weil Anonymous nur ein Schutzbegriff für alle möglichen Sorten von Chaosstiftung war, ist es lächerlich, in irgendeinem Kontext von der Ganzheit von Anonymous zu reden. Anonymous spielte ein bisschen im US-Wahlkampf mit, als plötzlich Sarah Palins Emails in 4chan auftauchten. Sie protestierten gegen die Praktiken von Scientology. Sie bekannten sich 2010 zur uneingeschränkten Meinungs- und Informationsfreiheit, als sie versuchten alle Websites, die nicht mehr mit Wikileaks kooperieren wollten oder durften zeitweilig vom Netz zu nehmen, und sich dabei, mehr oder weniger erfolgreich, in unterschiedlichen Kontexten, mit Mastercard, Amazon, PayPal, Australien, Tunesien und Simbabwe anlegten. Außerdem fand der Youtube-Porn-Day statt, in dessen Verlauf tausende von Pornovideos von Anonymous auf Youtube hochgeladen wurden, um gegen die Löschung von urheberrechtlich geschützten Videos zu protestieren.
Die Medien stürzten sich darauf, völlig sicher, hier möglicherweise einen »militanten Arm der keimenden Internetbewegung rund um Bürgerrechte, Kampf gegen Überwachung und Zensur« (Spiegel Online) ausgemacht zu haben. Im gleichen Zeitraum fand der Krieg gegen tumblr statt - zwar ausgehend von 4chan, trotzdem aber unter dem Label Anonymous - außerdem nahm Anonymous ein 11jähriges Mädchen namens Jessi Slaughter ins Visier, das eigentlich gar nichts gemacht hatte außer ein etwas komisches Youtube-Video hochzuladen, und brachte sie zum Weinen, und ihren Vater dazu, durchzudrehen. Es gibt Videos von beidem, und Remixes der Videos. Außerdem wurde 2010 wieder 4chan attackiert, zeitgleich mit den Attacken auf Mastercard und PayPal. Ob Anonymous dahintersteckt, /b/ selbst oder jemand ganz anderes, darüber wird noch diskutiert.
Die Zwangsidiologisierung von Anonymous
Es ist schwer zu sagen, wieviele Generationen Aktivisten Anonymous schon gesehen hat. Ideologisch sind es mindestens drei: Die des groben Unfugs und der Selbstbewusstwerdung von 2003 bis 2006, die mit dem Exodus aus 4chan endete. Die der ersten Politisierung, von 2006 bis 2008, in der begonnen wurde, die Waffen, die man sich während der ersten Generation erarbeitet hatte gegen größere Ziele einzusetzen, einfach, weil man bemerkte, dass sich damit Aufmerksamkeit generieren ließ, was wiederum den Spaß an der ganzen Sache enorm vergrößerte und neue Ziele wie die Fox News lieferte. In der es aber immer noch hauptsächlich um den groben Unfug ging. Dann die dritte Generation, von 2008 bis heute, in der der klassische, hauptsächlich irgendwie linke Aktivismus beginnt unter dem Namen und mit Techniken von Anonymous seine eigenen Ziele zu verfolgen. Oder, umgekehrt, in der Anonymous beginnt herauszufinden, dass die digitalen Waffen, die sich die vorhergehenden Generationen erarbeitet haben – letztendlich nur eine Erweiterung des Repertoires klassischer Medienguerilla, die immer darauf abzielt, etablierte Kommunikationsstrukturen zu stören oder umzufunktionieren - sich ganz vorzüglich dazu einsetzen lassen, bei den Großen mitzuspielen, tatsächlich Einfluss zu nehmen.
Vor allem auch, weil Anonymous eine Massenbewegung ist, weil sich ganz bequem und relativ sicher vom Schreibtisch aus aktiv werden lässt, aber auch, weil in der digitalen Welt Anonymous an Waffen, Wissen und Möglichkeiten seinem Gegner gleichwertig oder sogar überlegen ist, sind seine Techniken effektiver als alles, was es vorher gab. An der Entstehung der dritten Generation waren die Medien nicht ganz unschuldig, die bereitwillig die mystische Aura von Anonymous weitertrugen, aber Ziele behaupteten, von denen die Bewegung selbst nicht wusste, dass sie sie hatte. Die Medienaufmerksamkeit ist in den letzten Jahren, vor allem aber 2010 im Zuge der Wikileaks-Attacken zu einem wahren Fluch für Anonymous geworden, ein Fluch in dem Sinn, dass Anonymous massenweise Zulauf erhielt von Aktivisten, die mit dem Effekt ihres, des klassischen, hauptsächlich irgendwie linken Aktivismus, nicht mehr zufrieden waren, und, auf der Suche nach etwas neuem, wirksamen, Anonymous zu ihrer Bewegung machten. Und sie damit, wenn auch diffus, zwangsideologisierten.
Die Wurzeln der radikalen Forderungen von Anonymous nach absoluter Freiheit im Netz waren zwar schon immer da – aber sie waren nie klar formuliert worden, und waren immer eher aus der Not entstanden, daraus, dass Anonymous lieber freie Hand für den groben Unfug wollte, den es praktizierte, und auch aus dem Wunsch heraus, der Tabubruch, den man zelebrierte möge doch bitte wenigstens einigermaßen legal sein. Und daran sind auch die Restriktionen, de 4chan seinen Usern 2006 auferlegte nicht ganz unschuldig. In der dritten Generation der Bewegung aber wurde die Forderung zum Selbstzweck, vor allem, weil sie sich auch wunderbar mit dem gerade angefachten Diskurs um Zensur, Überwachung und Leistungsschutzrecht überlappte, und damit in den Fokus nur mäßig recherchierender Medien rückte: Vor dem Dezember 2010 hatte Anonymous keine Agenda. Die entstand erst, als die Berichterstattung sie verlangte, und ist größtenteils von ihr vorformuliert. Es war auch während dieser dritten Generation, in der sich der Protest von Anonymous nicht mehr nur aufs Netz beschränkte: Anonymous tauchte auch auf ganz herkömmlichen Demos auf, gerne in Guy Fawkes-Masken, die sich irgendwie zum Erkennungszeichen der Bewegung gemausert hatten.
Eingepasst in Schemata
So hat sich lustigerweise Anonymous zeitgleich mit seiner medialen Entdeckung als radikaler Flügel einer sowieso erst in Entstehen begriffenen Bewegung eher entradikalisiert, und wurde von einer Bewegung, die sich Schemata immer verweigert hatte und daraus einen großen Teil seiner Kraft und seines Mythos bezog, zur einer Bewegung, die sich optimal in bestehende Schemata einpasst. Denn obwohl ein kleinerer Teil von Anonymous mit Aktionen wie dem Krieg gegen tumblr und der Aktion gegen Jessi Slaughter die Fahnen des groben Unfugs ohne Sinn und Zweck außer der Lust am Tabubruch und der Schaffung von Chaos noch hochhält, sieht es eher so aus, als würde der größte Teil sich endgültig von den zahlreichen /b/s - hauptsächlich aus 4chan, 7chan und 420chan – lossagen. Und sich damit nicht nur von seinem Geburtsort emanzipieren, sondern auch von einem seiner wichtigsten Grundsätze: Dass Anonymous keinen Grund für das braucht, was es tut.

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