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Warsaw Film Festival

17.10.2010

Der Elefant in einer Gefängniswelt

Junge Osteuropäer beim Warschauer Internationalen Filmfestival. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Wenn Filme die Wahrheit sagen und Gefängnisse als Metapher für die sie umgebende Gesellschaft zu verstehen sind, dann ist Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums ein einziges großes Gefängnis. Die Filme, die im Gefängnis spielen oder von entlassenen Gefangenen erzählen, häufen sich auffällig, und wenn einmal kein Gefängnis vorkommt, so sind die Umstände, etwa in einem schwedischen Asylantenheim oder in Krankenhäusern, gefängnisähnlich und jedenfalls äußerst unerfreulich.

 

Dass Warschau eines Tages mit Cannes, Venedig und Berlin konkurrieren könne, wird wohl ein Wunschtraum bleiben. Aber immerhin füllt das Filmfestival in der polnischen Hauptstadt zehn Tage lang neun Säle, und das Programm kann sich buchstäblich sehen lassen. Besonders reizvoll für den westlichen Besucher ist die Möglichkeit, sich über die jüngsten Entwicklungen in Osteuropa zu informieren, die bei uns – trotz den verdienstvollen auf Osteuropa spezialisierten Filmfestivals in Cottbus und Wiesbaden – immer noch sträflich vernachlässigt werden. Eigentlich sollte die Geschichte des 20. Jahrhunderts diese westliche Arroganz gegenüber einer Kultur, die immer wieder Repressionen ausgesetzt war, schon aus moralischen Gründen verbieten.

 

Um es im Klartext zu sagen: nicht nur die Juden, auch die Polen, die Tschechen, die Russen waren Opfer der nationalsozialistischen Mörder und verdienen „besondere Beziehungen“. Und nun möge sich jeder überprüfen, wie viele polnische Schauspieler er beim Namen nennen kann. Soll man daraus schließen, dass sie weniger begabt sind als amerikanische Stars, deren Namen jeder kennt? Unsinn. Festivals wie das von Warschau bieten Gelegenheit, sich davon zu überzeugen. Im Übrigen lief just während des Festivals in der Warschauer Oper Mieczyslaw Weinbergs „Passagierin“, koproduziert mit den Bregenzer Festspielen und eine echte Entdeckung. Sie basiert auf dem selben Hörspiel wie der gleichnamige Film von Andrzej Munk von 1963, eines der aufregendsten Werke der polnischen Filmkunst, ein Fragment, das jeder kennen muss, der über die künstlerische Auseinandersetzung mit der KZ-Problematik faselt, ein geniales Gegenstück auch zu Bernhard Schlinks „Vorleserin“.

 

Nationaler Bonus?

Jagd auf kleine Verräter ist der erste Film des Bulgaren Tzvetodar Markov. Er besteht aus lauter Klischees, aber das ist kein Versehen. Indem er Situationen und Stimmung des klassischen Gangsterfilms beschwört und diese am Ende den Kindern widmet, die in den „Jahren des Übergangs“ aufwuchsen, suggeriert er die Aktualität scheinbarer Klischees. Handwerklich wie schauspielerisch weist nichts auf ein Debüt hin. Da ist ein Regisseur, von dem man (hoffentlich) noch hören wird.

 

Das gilt auch für den Polen Marek Lechki. Erratum ist sein zweiter Spielfilm – innerhalb von acht Jahren! Hier ist es eher die Stimmung als die Handlung, was den Zuschauer mehr und mehr in den Bann zieht. Der Protagonist kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück und wird durch einen Unfall gezwungen, länger zu bleiben als beabsichtigt. Erratum reiht sich ein in die Zahl der Filme über Söhne, die den Kontakt zu ihren Vätern verloren haben, wie Bergmans Sarabande oder Brizés Ich muss nicht glücklich sein. Zu der starken Wirkung dieses leisen Films trägt nicht zuletzt die Kamera von Przemyslaw Kaminski bei.

 

Es ist dagegen die mittelmäßige Kameraarbeit und die fade Montage, was Die Frau mit der gebrochenen Nase aus Serbien eher belanglos erscheinen lässt, trotz Nebojsa Glogovac in der Hauptrolle. Auch ihn haben wir schon besser gesehen.

 

Schon die Einleitungssequenz von Vladimir Karabanovs Debüt Der Elefant ist atemberaubend. Dass dieser außerordentliche russische Film in der Reihe „Entdeckungen“ und nicht im Haupt-Wettbewerb lief wie der sehr viel schwächere, aber polnische Film Die Taufe oder im Wettbewerb der ersten und zweiten Filme wie die ebenfalls polnischen Filme Lynch und Zwischen zwei Feuern, legt den Verdacht nahe, dass der nationalen Produktion ein Bonus zugestanden wird. Die drei genannten polnischen Filme schwelgen in (der Anklage von?) Gewalt. Das meist gebrauchte Wort ist „Kurwa“, auf gut Deutsch: „Fuck“. Wir kennen das: aus dem Fernsehen.

 

Fern von kommerzieller Alltagsproduktion

Im Übrigen ist es ein Irrtum, anzunehmen, Künstler müssten „dazulernen“. Erste Werke sind, im Film nicht anders als in der Literatur, oft die besten. Sie profitieren, wenn sie nicht bloß epigonal sind, von einer Unbefangenheit, einem Mangel an Routine. In der Filmgeschichte lassen sich von Citizen Kane über Das Messer im Wasser bis Der schwarze Peter zahlreiche Beispiele dafür nennen. Es spricht also Manches dafür, Anfänger nicht in Sonderreihen auszugrenzen. Sie bedürfen keiner „Nachsicht“.

 

Der Elefant ist erkrankt. Der Zirkus, in dem er seine Kunststücke zeigt, zieht weiter, er soll in ein Tierkrankenhaus gebracht und eingeschläfert werden. Doch der Lastwagenfahrer, dem der Transport anvertraut wurde, „stiehlt“ das Tier. Ein weiblicher Clown, der bei der Abreise der Truppe vergessen wurde, drängt sich dem brummigen Lastwagenfahrer auf. Zwischen den beiden entwickelt sich nach und nach eine schwierige Freundschaft. Ein Hauch von La strada weht herein. Große Ereignisse bleiben aus. Aber Karabanov gelingt eine poetische Reise, die auf mehreren Ebenen funktioniert.

 

Der Elefant ist, ganz konkret, das mächtige Lebewesen, das wunderbare Bilder zeugt, wenn es etwa an einer Kuhherde vorbei die Dorfstraße entlang schreitet. Aber er ist auch eine Metapher, für das Glück, die Hoffnung, die Menschen zusammen bringt. Und Anastasia Bagrova als mädchenhafte Zirkusartistin ist ein wahres Erlebnis nach all den stereotypen Model-Schönheiten, die sich Regisseure ins Studio und wer weiß wohin noch holen. Der Elefant ragt aus der kommerziellen Alltagsproduktion weit heraus. Bleibt zu hoffen, dass man ihn auch jenseits von Festivals zu sehen bekommt.

 

Im Kino lebt Kafka weiter. Der Vermisste von Anna Fenchenko handelt von einem Mann, dessen Welt nach und nach auseinander bricht, ohne dass die Ereignisse einer kausalen Logik folgten. Wie das bei solchen Filmen ist, kann der Zuschauer die Symbole nach Gusto auflösen: psychologisch, indem er die Geschichte als Wahnvorstellung des Protagonisten interpretiert, religiös, indem er sie als Verlust einer sinnstiftenden metaphysischen Instanz versteht, oder politisch, indem er sie als Metapher für das heutige Russland begreift. Diese letzte Auffassung wird bestärkt durch die Schlusseinstellung, in der man „ganz normale Menschen“ auf einer Straße gehen sieht.

 

Schändlich bis schädlich

Die Chance, als artifizielles Medium wahrgenommen zu werden wie zum Beispiel der Zirkus, wurde für den Film frühzeitig verspielt. Wie schon bei der Fotografie, gilt Authentizität – oder vielmehr: vermeintliche Authentizität, denn Authentizität im strengen Sinn kann es im Kino nicht geben – bei der Masse der Zuschauer als Qualität. Nun kann von einer genauen, scheinbar unverfälschten Wiedergabe der Realität tatsächlich ein Reiz ausgehen, der Reiz der Wahrhaftigkeit, also eher eine moralische als eine ästhetische Kategorie. Das trifft zu auf den rumänischen Film Wenn ich pfeifen will, pfeife ich von Florin Serban. Auf den ersten Blick eine Gefängnisgeschichte, wie man sie schon öfter gesehen hat, ist dies ein Film über menschliche Würde, über das Recht auch eines Gefangenen, sein weiteres Leben selbst zu bestimmen und einfach mit einer jungen Frau einen Kaffee trinken zu dürfen. Dieser Film bezieht tatsächlich aus der Authentizität der Laiendarsteller rund um den Hauptdarsteller eine auch künstlerische Qualität.

 

Auch Peripher, der Debütspielfilm des in New York lebenden Rumänen Bogdan George Apetri, zeigt eine düstere Realität der Kriminalität, der Kinderprostitution und der Geldgier. Der elliptische Schluss ist zutiefst pessimistisch: es gibt keinen Ausweg aus der Misere. Peripherie ist ein weiteres Glied in der Serie von Filmkunstwerken, mit denen Rumänien seit ein paar Jahren überrascht. Peripher (englischer Titel: Outbound) erhielt gleich mehrere Preise, darunter eine spezielle Erwähnung der ökumenischen Jury, die damit ihre besondere Zuständigkeit für das zentrale Motiv des sexuellen Missbrauchs minderjähriger Knaben bekundete.

 

Bei Tilva Rosh hingegen, dem Debüt des Serben Nikola Lezaic, muss daran erinnert werden, dass die pure Abbildung von Leerlauf immer nur Leerlauf ergibt. Seit 50 Jahren ist von verlorenen Generationen die Rede, von Jugendlichen, die angeblich keine echten Lebensinhalte haben. Was früher Tischfußball und Kofferradio waren, sind heute Skateboards und Videokameras. Und wir schauen dem Treiben dieser Kids zu, 103 öde Minuten lang.

 

Warschau liegt knapp 600 Kilometer von Berlin entfernt, näher als Stuttgart. Aber was hier kulturell geschieht, scheint ferner als das Neuste aus Texas oder Oklahoma. Das ist, mehr noch als eine Schande, ein Schaden für alle, die an den Künsten, zum Beispiel am Film, ihr Vergnügen haben. Abends, im Klub Harenda, spielt Stefan Laudyn, der Direktor des Warschauer Internationalen Filmfestivals, die Gitarre. Ganz entspannt. Wir bräuchten Osteuropa dringender als Osteuropa uns braucht.


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