TITEL kulturmagazin
Freitag, 31. Oktober 2014 | 08:32

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

30.09.2010

Seelen, Wanderungen

Der thailändische Spielfilm gewann die Goldene Palme der 63. Filmfestspiele von Cannes 2010. Der Autorenfilmer Apichatpong Weerasethakul erzählt in traumhaft hypnotischen Bildern von Natur und Mensch, von Erinnerung und Wiedergeburt. Von MONIKA THEES

 

Frühnebel steigt aus dem satten, feuchten Grün des Regenwaldes, zieht über die sanft ansteigenden Hänge des Hochlandes und verliert sich in der Weite des Horizonts. Ein Büffel atmet schwer, sein Ruf hallt über die Einsamkeit des Morgens. Festgebunden mit einem Strick, zerrt das Tier am Seil, reißt sich vom Pflock und streift durch das meterhohe Gras. Ein Hirte folgt ihm lautlos auf unwegsamem Pfad, holt den Büffel ein und führt ihn heim. Lange verharrt die Kamera auf dieser Szene, ruhig und sacht, fast unbewegt folgt sie dem Tier und seinem Herrn. Ein Bild von archaischer Schönheit prägt sich ein, ein Bild allgegenwärtiger Natur, unbestimmt in Zeit und Raum, traum- sowie rätselhaft und zugleich von überwältigender Eindringlichkeit.

 

Noch im Nachhall dieses ersten, fremdartig faszinierenden Eindrucks folgt, in einem abrupten Wechsel von Tonfall und Stil, die nächste Sequenz. Eine Frau mittleren Alters, Tante Jen (Jenjira Pongpas) sitzt im Überlandbus, fährt mit dem jungen Tong (Sakda Kaewbuadee) durch die nordöstlichen Dörfer Thailands. Ihr Auge streift über einsame Hütten, Felder und Wälder, ihr Blick ist gefasst, gesammelt, nach innen gewandt, sie trägt Sorge um ihren todkranken Bruder. Boonmee (Thanapat Saisaymar) leidet an Nierenversagen, er hat sich auf sein Landgut zurückgezogen, will umgeben von Freunden und Verwandten seine letzten Tage verbringen. Er zeigt Jen seine Bienen, die Tamarindenbäume in voller Blüte, wechselt kurze Worte mit den Arbeitern. Danach liegt er auf dem Bett, die Fenster stehen offen, die Vorhänge sind zur Seite gezogen. Der Raum atmet Stille, Ruhe, nur ein leichter Wind bewegt den Stoff.

 

Die Kamera begleitet in langen Einstellungen, gleich meditativen Standbildern, die letzten Tage eines kranken Mannes. Boonmee nimmt Abschied, bereitet sich vor auf den Übergang in eine andere Wirklichkeit, eine, die Zeit und Raum transzendiert, eine, die den Geistern und Wesen seines Glauben vorbehalten ist, der Reinkarnation. Mit der einsetzenden Dämmerung erlischt das Tageslicht, in der Dunkelheit erscheinen Boonmees verstorbene Gattin Huay (Nattharkarn Aphaiwonk) als junge Frau, danach sein vermisster Sohn in Affengestalt, sie setzen sich zur Familie, erzählen. Er sei damals in die Berge gegangen, berichtet der Sohn, um den Geist zu treffen, der auf einer Fotografie des Vaters schemenhaft zu erkennen war. Er sei für immer draußen geblieben bei den Geistern, jetzt zurückgekommen, da er sichtbar werde für Boonmee. Die Geister existieren nicht irgendwo, sondern in der Erinnerung der Lebenden, sagt Huay tröstend am Krankenbett.

 

Hommage an die Heimat

Wiedergeburt, Seelenwanderung, Verschwinden und Erinnerung sind die zentralen Themen dieses irritierenden und den Zuschauer in einen meditativen Sog ziehenden Films des thailändischen Künstlers und Regisseurs. 1970 in Bangkok geboren, in Khon Khaen in Nordosten des Landes aufgewachsen, verbindet Apichatpong Weeresethakul in „Uncle Boonmee“, seinem sechsten, bislang zugänglichsten Kinofilm (nach „Tropical Malady“, 2004, und „Blissfully Yours“, 2002, als die beiden bekanntesten, in früheren Jahren mit dem Preis der Jury und dem Preis der Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes ausgezeichneten Werken), meisterhaft einen Filmstil und eine Filmstruktur, die ebenso eigenwillig wie persönlich sind. Inspiriert von einem kleinen Buch, „A Man Who Can Recall His Past Lives“, das ihm ein Mönch in Nabua, einem Dorf im Nordosten Thailands, geschenkt hatte, entwickelte Weeresethakul das Skript zu „Uncle Boonmee“.

 

Autobiografische Bezüge (der Vater starb an Nierenversagen, Boonmees Schlafzimmer wurde dem des Vaters nachempfunden) und Reminiszenzen an frühe Kinoerlebnisse lassen den im Frühjahr 2010 mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Spielfilm zu einer Hommage an Weeresethakuls Heimat und das Kino jener Tage werden. Legenden, wie die von der hässlichen Prinzessin, dem Soldaten und dem Wassergeist in Gestalt eines Welses, mengen sich mit dokumentarischen Hinweisen auf die jüngste politisch-soziale Geschichte Thailands. Wie ein ruhig fließender Bewusstseinstrom entfalten die grandiosen Natur- und Traumsequenzen eine hypnotische Kraft, atmosphärisch dichte Bilder vermitteln eine Gestimmtheit, die liebevoll tröstend die Reise Boonmees zu Ursprung und Wandel begleitet.

 

Der Film als Reinkarnation

Zusammen mit seiner Familie bricht Boonmee zur Höhle auf, in der sein Leben begann. Wasser rinnt über den Stein, tropft auf den Boden, mächtige Felsblöcke stellen sich in den Weg, der Gneis schimmert in glitzernden Farben, riesige Hohlräume öffnen sich, Licht fällt ein und bricht sich im Strahl. Ruhig, verhalten sind die Schritte, die Kamera zeigt in übergroßen Nahaufnahmen die erhabene Schönheit der Höhle, kein Wort wird gesprochen, nur der durchgängig präsente Sound (Ton und Sound-Design: Akritchalerm Kalayanamitr) untermalt das Magisch-Rituelle der Rückkehr, des Übergangs. Erschöpft lassen sich Boonmee, Jen, Tong und Huay nieder an der steinernen Wand, sie teilen die Früchte und Speisen, essen gemeinsam und schweigend zum letzten Mal.

 

Für Boonmee hat sich der Kreis geschlossen, Tante Jen und Tong kehren nach der buddhistischen Totenfeier zurück ins Hotel. Vom Bett aus sehen sie zusammen mit Tongs Freundin fern, er legt sein orangefarbenes Mönchsgewand ab, reinigt sich gründlich unter der Dusche, streift sich langsam Jeans und T-Shirt über, scherzt mit den Frauen. Ein Standbild friert die auf dem Hotelbett sitzende Dreiergruppe ein, verleiht ihr Dauer, Erinnerung, während im Parallelbild die Gruppe aufbricht ins pastellbunte Imbissrestaurant mit Glitzerlicht und Plastikmobiliar. Der Augenblick hält an, gräbt sich ein in Bewusstsein und Gedächtnis, während das Leben weiterläuft. Die Fotografie und der Film bannen die Zeit, sie fangen den Lauf des Lebendigen, erschaffen weitere Ebenen der Realität, eine, ganz im Sinne Weerasethakuls, magische Welt der anderen Wesen, die jederzeit, soweit es unsere Bereitschaft zulässt, teilzuhaben verstehen als Geister, lebendige Erinnerung, als winzige Teile der Unsterblichkeit.

 

Uncle Boonmee schafft eine neue Poesie des Films. Die moderne Bildersprache des Kinos verbindet sich mit der traditionellen Kunst der fernöstlichen Welt. Visuelle und akustische Elemente überwiegen, die Sprache und die Darsteller, letztendlich auch die Handlung, treten zurück. Die Titelfigur als auch Jen, Tong, Huay und weitere Nebenrollen wurden mit Darstellern besetzt, die außerhalb ihrer Filmarbeit anderen Berufen nachgehen. Weniger auf das Schauspiel fokussiert, sondern primär auf ausdrucksstarke filmische Elemente wie Hell-Dunkel-Kontraste, Arrangement der Szenen zu Stillleben und einen das Atmosphärische unterstreichenden Sound setzend, verzaubert dieser Film und befähigt gleichzeitig, zwischen den Zeiten und Wirklichkeiten vor- und zurückzugehen, fließend, in sich selbst hineinhorchend, das sichtbar Unsichtbare dieser Welt zu sehen.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...

»Alles liegt im Blick«

»Das Publikum ist wie ein Hund«, sagt Marina Abramovic einmal: »Es riecht Angst und Schmerz. Es kann fühlen, wenn man nicht anwesend ist«. ...