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Donnerstag, 24. April 2014 | 15:49

 

Stig Dalager im Gespräch

01.05.2010

Jon Baeksgaard und die brennenden Türme des WTC

Stig Dalager wurde 1952 in Kopenhagen geboren, wo er nach längeren Aufenthalten in Leipzig, New York und Wien auch heute wieder lebt. MONIKA THEES sprach mit Stig Dalager über „harte“ Fakten, literarische Fiktion und den Erfolg des politischen Thrillers Im Schattenland.

 

Mit 50 Veröffentlichungen, darunter Prosa, Theaterstücke, Lyrikbände und Drehbücher, gilt Stig Dalager als einer der namhaftesten Schriftsteller Dänemarks. Seine Arbeiten wurden in 22 Ländern verlegt und errangen internationale Publizität. Auf Deutsch sind bisher das Bühnenstück Ich zähle die Stunden (1994), der Gedichtband Provinzidyllen (1994) und vier seiner Romane, Zwei Tage im Juli (2004, über Graf von Stauffenberg und den 20. Juli 1944), Reise in Blau (über H. C. Andersen) sowie die beiden Jon-Baeksgaard-Bände Das Labyrinth (2007) und Im Schattenland (2009), erschienen.

 

Herr Dalager, viele Ihrer Werke wurden weltweit, in Europa und den USA, in der Türkei, Pakistan, China und Japan, publiziert oder für Bühne und Film adaptiert. Wie erklären Sie sich das Interesse? Sind es die Themen? Oder ist es das Wie Ihrer Darstellung?

 

Für einen Schriftsteller ist es manchmal schwer zu sagen, warum die eigenen Werke so weit verbreitet sind. Aber ich möchte gerne glauben, dass meine Bücher und Theaterstücke allgemein gültige, existenzielle Emotionen und Erfahrungen berühren, die viele Leser grenzübergreifend ansprechen. Meine Bücher und Stücke behandeln sehr unterschiedliche Themen, und ich vermute, der Reiz liegt in der Art, wie sie erzählt werden. Auf der einen Seite sind sie sehr realitätsnah, auf der anderen Seite konzentrieren sie sich sehr auf das Gefühlsleben der Figuren. Ich mag den amerikanischen Ausdruck „telling a true story“, allerdings in dem Sinn von Zeugnis über die Realität oder eine Art von Realität abzulegen. Das heißt aber nicht, keine fiktiven Figuren einzusetzen.

 

Außerdem glaube ich, dass in einer Welt, in der die Globalisierung stetig fortschreitet, viele der Themen meiner Romane und Theaterstücke, wie das Schicksal eines jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto oder die Ereignisse des 11. September in New York, Leser auf der ganzen Welt ansprechen, egal ob Deutsche, Pakistani oder Japaner. In gewisser Hinsicht sind das grenzüberschreitende traumatische Ereignisse, die in der Literatur verarbeitet werden können.

 

Als Schauplatz Ihrer Baeksgaard-Romane wählen Sie Orte und Schlüsseldaten der jüngeren Gewaltgeschichte (Auschwitz, Vietnam, die Terroranschläge des 11. September, der Nahostkonflikt) und verbinden diese mit einer erfundenen Romanhandlung. Sollte man da nicht säuberlich trennen? Oder bietet die literarische Bearbeitung Vorteile, die das Sachbuch oder die Reportage nicht erfüllen kann?

 

Natürlich kann es problematisch sein, Fakten und fiktive Elemente in einer Geschichte zu vermischen, aber schon die „alten“ Schriftsteller wie Zola haben für ihre Geschichten viel recherchiert, um Vorurteile sowie gesellschaftliche Konventionen infrage zu stellen, und den Lesern so auf unerwartete aber realitätsnahe Art und Weise, bedeutende gesellschaftliche Ereignisse näher zu bringen. Auch für mich ist die Recherche, auf der ich meine Geschichten über Jon Baeksgaard aufbaue, die Grundlage, auf der ich versuche, eine „menschliche Geschichte“ innerhalb eines zeitgeschichtlichen wichtigen Geschehens, wie z. B. die Ereignisse des 11. September, zu erzählen. Und ich denke, hier hat die Literatur in Abgrenzung zum Journalismus, der Reportage oder dem Sachbuch ihre Stärke. Sie versucht, mit ihrer ganzen kreativen Kraft neue Worte zu finden für die existenzielle Erfahrung, die Menschen mit den Konflikten der Gesellschaft und der existierenden Welt machen. So können alte griechische Mythologien als Handlungsrahmen der Hauptfiguren wieder verwendet werden, so wie ich es auch in meinen Romanen tue.

 

Im Roman Im Schattenland habe ich mich von dem Mythos von Orpheus und Eurydike inspirieren lassen, um die Geschichte zu erzählen, wie Jon Baaksgaard mit tatkräftiger Liebe seine Frau Eve sozusagen aus dem Schattenland des Todes zurückzuholen versucht. In vielerlei Hinsicht ist Im Schattenland für mich eine Geschichte über die heilenden Eigenschaften der Liebe. 

 

Jon Baeksgaard kämpft allein, er ist mutig, moralisch integer. Doch er ist auch ein innerlich zerrissener Held mit Zweifeln, einer, der Irrwege geht, der sich selbst und auch andere gefährdet (er trägt z. B. Mitschuld am Tod seiner Kollegin Michelle). Was motiviert ihn, was treibt ihn an? Und wie viel Jon Baeksgaard steckt in Ihnen, dem Autor Stig Dalager?

 

Ein skandinavischer Kritiker hat Jon Baeksgaard mit Fürst Myschkin aus Dostojewskis Der Idiot verglichen – in dem Sinn, dass auch Jon Baeksgaard versucht „das Richtige und Gutes“ zu tun und viel Mitgefühl mit denen hat, die durch die Vergehen der Starken und Mächtigen ins Abseits geraten sind. Außerdem hat er ein Problem mit Autoritäten, ein Umstand, der ihm oft Ärger mit den steifen Behörden einbringt. Als so eine komplexe Persönlichkeit, die bis zum bitteren Ende für Gerechtigkeit einsteht, verletzt er manchmal durch seine Abwesenheit ihm nahe stehende Menschen oder bringt seine Kollegen in Gefahr. Seine melancholische Art lässt ihn außerdem manchmal am Sinn seiner Arbeit und am Leben im Allgemeinen zweifeln.

 

In all diesen Aspekten kommt meine eigene Haltung zum Ausdruck, ich benutze Jon Baeksgaard als Spiegel und setze mich so mit meinen eigenen Ansichten und grundlegenden Zweifeln in dieser sich sehr schnell wandelnden Zeit auseinander. Seit meiner Jugend wurde ich von Schriftstellern wie Heinrich Böll inspiriert, und als Schriftsteller bin ich fasziniert von den Konflikten, die sich zwischen Individuen und der Gesellschaft ergeben, und was Menschen zu ihrem Verhalten veranlasst. So wie Böll sehe ich den Roman als eine Art moralische Stellungnahme, die ethische Fragen der Schuld, Gerechtigkeit und Bestrafung zur Sprache bringt sowie politisches und menschliches Verhalten spiegelt.

 

Sie arbeiten mit langen Traumsequenzen Ihrer Protagonisten. Diese Passagen erlauben einen Blick in die Tiefenschichten der Psyche. Sind Ihre „Helden“ Sinn- und Seelensucher in einem komplizierten Weltgeschehen, dessen Sinnhaftigkeit sich uns mehr und mehr verschließt?

 

In einigen der längeren Traumsequenzen in jedem dieser Romane gebe ich dem Leser wie auch den Hauptfiguren die Möglichkeit, auf eine gewisse Art die Gegenwart zu verlassen und in eine andere Zeit einzutauchen, und dort vielleicht Anhaltspunkte für die Lösung der Probleme der Gegenwart zu finden. Indem ich sie in historische Umgebungen stecke, will ich dem Leser neue Dimensionen der Figuren zeigen und außerdem klarstellen, dass die Konflikte der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht nicht so sehr von denen der Gegenwart verschieden sind. Weil wir dazu neigen, uns vor spirituelleren und auch metaphysischen Dimensionen unserer Existenz zu verschließen, berauben wir uns selbst der Freuden der Natur, der Kunst und auch religiöser Werte. In meinem bald erscheinenden fünften Roman sind meine Figuren mit alldem konfrontiert, ebenso mit der Suche nach einer Gemeinschaft und einem Sinn im Leben. Inspiriert wurde ich von Odysseus, der aufgrund vieler innerer und äußerer Konflikte ein Leben lang auf Reisen war, weit weg von seiner geliebten Frau Penelope, auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens. Eigentlich gab es das alles schon einmal.  

 

Ein politischer Thriller wie Im Schattenland setzt auf spannende Unterhaltung, Action, aber auch auf Glaubwürdigkeit und Plausibilität. Wie viel schöpferische Freiheit gewähren Sie sich im Umgang mit historischen Fakten und Quellen?

 

Ich glaube es ist möglich, literarische Qualität mit Spannung und unterhaltenden Elementen zu kombinieren. Der „Thriller“ muss nicht einem bestimmten Stereotyp entsprechen und mit eindimensionalen Figuren arbeiten. Mit den bis jetzt erschienenen vier Romanen über Jon Baeksgaard und seine weiblichen Gegenpole Sine und Eve, die in heutigen (und manchmal vergangenen) Zeiten spielen, habe ich versucht, das zu beweisen. Ich betreibe sehr viel Nachforschungen, um meine Romane glaubwürdig zu gestalten und dem Leser einen wahren, auf Tatsachen beruhenden, und sinnlichen Eindruck der heutigen Landschaft und vieler großen Städte wie London, Wien, New York oder Bagdad zu ermöglichen. Ich schreibe meistens über Städte und Landstriche, die ich schon bereist, oder in denen ich bereits für einige Zeit gelebt habe. Als ein Autor, dem die literarische Qualität und die Figuren am wichtigsten sind, bin ich, wie der amerikanische Regisseur John Ford einmal formuliert hat, eher für den Mythos als für die tatsächliche Realität.

 

Ich bin Romanschriftsteller und kein Wissenschaftler. Die Mythen, die die Literatur und Kunst hervorbringen, beinhalten zum Teil eine größere Wahrheit über den Menschen und die Existenz als je in positivem Wissen liegen könnte.   

 

Herr Dalager, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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