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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 19:26

    Interview mit Benjamin Schreuder und Felix Mertikat - Macher von »Steam Noir«

    28.03.2012

    Steampunk Made in Germany

    Benjamin Schreuder und Felix Mertikat nehmen sich in Steam Noir – Das Kupferherz des oft stiefmütterlich behandelten Steampunk-Genres an. PETER KLEMENT hat den beiden ein paar Fragen zu Schlapphüten, IP-Bibles und demolierten Türen gestellt – und spannende Antworten bekommen.

     

    Steigen wir ganz locker mit einer Vorstellungsrunde ein: Felix, du bist der Zeichner von Steam Noir und wolltest eigentlich nie Comics machen. Was muss man noch über dich wissen?

     

    Felix: Von Müssen kann ja keine Rede sein. Vielleicht kann ich erzählen, dass ich liebend gerne mit meiner Freundin Filme schaue oder dass ich endlich den Wunsch nach einem hellen und offenen Arbeitszimmer in die Tat umgesetzt habe. Es arbeitet sich um so vieles besser, wenn man ein großes Fenster hat, durch das die Sonne hereinscheint.

     

    Kommen wir zu dir Benjamin: Wir haben uns ja schon zu Rust Raiders unterhalten und interessanterweise wolltest auch du eigentlich nichts mit Comics machen. Wie kam es zum Sinneswandel?

     

    Benjamin: Ich war nie ein großer Comic-Leser. Als ich im Herbst 2008 an die Filmakademie kam, war mein Ziel, Drehbücher zu schreiben. Kaum war ich in Ludwigsburg, entwickelte ich mit einem Regie-Studenten ein Fantasy-Film-Projekt, zu dem Felix bald als Art Director hinzustieß. Ich war total erstaunt, wie schnell er sich in die Figuren und die Storywelt hineinversetzen und sie als Zeichner sofort mit lebendigen, unverwechselbaren Details bereichern konnte. Felix und ich merkten, dass wir den gleichen Spaß am freien Fabulieren haben und für groteske, düstere Märchenwelten brennen. Für mich war es damals eine neue Erfahrung, dass jemand meine Ideen im Handumdrehen in Bilder verwandeln kann.

     

    Natürlich war ich sehr geehrt als Felix wenige Wochen nach unserem Kennenlernen die Geschichte vom kleinen Jungen Jakob, der seine Mutter suchte, an mich herantrug – Felix´ Diplomprojekt am Animationsinstitut. Ich war sofort dabei und er gab mir freie Hand, die Geschichte so zu schreiben, wie ich es für richtig hielt. Aus dem Fantasy-Film wurde nichts, stattdessen hatte ich im Frühjahr 2009 ein Drehbuch geschrieben, das Felix als Mischung aus Storyboard und Comic umsetzte. Als der Cross Cult-Verlag das Projekt dann auch noch unter seine Fittiche nahm, wir im Comicsalon Erlangen eine große Ausstellungsfläche bekamen und die ersten Tageszeitungen über Jakob berichteten, war ich auf einmal Comic-Autor. Dabei hatte ich gerade mal drei, vier Comic-Alben gelesen …

     

    Steam und Noir, eine interessante Kombination. Woher kam die Idee und warum gerade Steampunk?

     

    Benjamin: Felix und ich haben lange nach dem richtigen Namen gesucht. Eine Zeit lang war z.B. Ätherwelten im Gespräch. Entscheidend war aber letztlich, dass der Name international funktioniert und sich leicht schreiben lässt. Außerdem sollte die .com-Adresse noch zu haben sein und es sollte keine rechtlichen Probleme geben. Ich selbst bin ein großer Film Noir-Liebhaber – und Felix liebt Steampunk. So wurde Steam Noir »verbrochen«.

     

    Schlapphüte müssen - noch - draußen bleiben

    Ich muss gestehen, dass ich eher etwas in die Richtung »Hardboiled Detective« erwartet habe. Doch die Figuren sind ja alle recht locker unterwegs; sogar  strenge Ordensanhänger haben Zeit für einen kleinen Scherz. Wird Steam Noir noch grimmige Monologe im strömenden Regen bringen?

     

    Benjamin: Die Film Noir-Einflüssen sind schon da, aber das existentialistische Endzeit-Pathos und die extreme Stilisierung finde ich nicht mehr zeitgemäß. Nicht ohne Grund findet man die entsprechenden Filme unter dem Label »Film-Klassiker«. In 2011 ist der »Hardboiled Detective« nur noch ein Zitat vom Zitat irgendwo in einem fernen Dachboden.

     

    Genre-Figuren, die immer nur ernst sind oder vom Autor völlig ernst genommen werden, funktionieren für mich generell nicht. Figuren werden für Felix und mich dort spannend, wo sie »atypisch« sind, wo sich Risse auftun, wo das Selbstbild einer Figur mit der Außenwahrnehmung kollidiert. An dem Punkt entsteht das Groteske und Mehrdeutige, das wir mögen. Aber zurück zu deiner Frage: Würdest du ernsthaft einen Comic, der Steam Quichotte heißt, kaufen wollen? (lacht)

     

    Hatte Jakob Einfluss auf euer neuestes Werk, eine gewisse Nähe zum Kunstmärchen gibt es in Steam Noir ja, mit den wiederkehrenden Seelen und der mysteriösen Toteninsel.

     

    Benjamin: Der erste Band der Kupferherz-Saga entspringt schlicht und ergreifend denselben Köpfen, aus denen Jakob hervorging. Viele Ideen für Steam Noir waren bereits während oder sogar vor der Arbeit an Jakob da. Und was die Märchen anbetrifft, die haben uns schon in unserer Kindheit geprägt. Ganz ähnlich wie bei den Film Noir-Elementen wollten wir die althergebrachten Märchen-Schemata durchbrechen und »updaten«. Schon bei Jakob gab es daher nicht den guten König, nicht den bösen Zauberer, nicht die schöne Prinzessin usw. An ein Happy End und an eine gefällige Schlussmoral war gar nicht zu denken. Während uns bei Jakob die Grimms, Momo, Pinocchio und Der Kleine Prinz stark geprägt haben, ist die Steam Noir-Welt näher an E.A. Poe, E.T.A. Hoffmann und den technischen Märchen von Jules Verne.

     

    IP-Bibeln und wundersame Genesungen

    Felix, du hast einen interessanten Stil und eine sehr experimentelle Herangehensweise an die Beschränkungen des Mediums. Vielleicht auch gerade, weil du nie Comics machen wolltest?

     

    Felix: Ich denke auch gerade deswegen. Ich komme vom Film und habe lange Zeit Storyboards gezeichnet. Zuerst dachte ich, dass Comics nicht so viel anders sein könnten als Storyboards, aber mit der Zeit habe ich die Gestaltungsmöglichkeiten des Comics entdeckt. Ich möchte noch so einiges ausprobieren und die Grenzen des Machbaren ausloten. Dabei muss ich mich aber immer wieder beschränken, sonst wird der Comic unlesbar, und die Lesbarkeit hat immer an erster Stelle zu stehen.

     

    Auf Seite 52 habt ihr Lerchenwald mit zwei normalen Händen gezeichnet, war das Absicht oder habt ihr das übersehen?

     

    Felix: Das ist tatsächlich einfach ein Fehler und in der zweiten Auflage dann auch verbessert. Leider war es niemandem, mir eingeschlossen, aufgefallen, bevor wir gedruckt haben. Dafür können sich die Sammler jetzt über eine besondere erste Auflage freuen.

     

    Benjamin, für Rust Raiders gibt es eine ganze IP-Bibel, die die komplette Welt durchdefiniert, existiert so etwas auch für Steam Noir?

     

    Benjamin: Es gibt auch zu Steam Noir ein Welt-Konzept, das Parameter wie z.B. die Historie, Politik, Geographie, Physik und Metaphysik des Geschichtsuniversums festlegt. So ein Korsett stellt sicher, dass die Handlungswelt bei aller Versponnnenheit immer in sich stimmig bleibt. Übrigens hat uns schon damals in der Konzeption Verena Klinke, die Autorin der nächsten Bände, unter die Arme gegriffen und wichtige Impulse gegeben.

     

    Felix: Das Rollenspiel Opus Anima stellte für uns am Anfang eine Bibel dar, die wir Stück für Stück angepasst und erweitert, aber von der aus wir uns auch entwickelt haben.

     

    Benjamin, wie kommt es, dass du den zweiten Band abgibst?

     

    Benjamin: Die Arbeit mit Felix und Cross Cult war großartig. Aber ein neues Kapitel in meinem Leben hat schon parallel zu Jakob begonnen: Ich übe inzwischen einen Fulltimejob als Konzepter/Story Writer aus. Als einer der drei Gesellschafter von Zeitland media & games stecke ich mitten im Firmenaufbau. Wir machen Auftragsarbeiten u.a. für die Ravensburger tiptoi-Serie und Werbefirmen, produzieren aber auch eigene Videospiele oder aktuell einen interaktiven, spielbaren iPad-Roman in einem Science Fiction-Setting (Mars). Dass ich irgendwann mal wieder ein Comic schreiben und mit Felix zusammenarbeite werde, ist aber absolut nicht ausgeschlossen.

     

    Könnt ihr einen kleinen Ausblick auf den zweiten Band geben, der im Oktober 2012 erscheint? Wird der arme Lerchenwald wieder regelmäßig seine Türe ersetzen müssen?

     

    Felix: Die gute Nachricht zuerst: Der zweite Band der Serie wird bereits im Juni pünktlich zum Comicsalon Erlangen erscheinen. Im zweiten Band verdichten sich die Geschehnisse um Dr. Presteau und die Seele, die den Einbruch in die Villa zu verschulden hat. Heinrich muss sich vor dem Leonardsbund verantworten, was einige Hintergründe über ihn offenbart. Allem voran wird das Trio aus Heinrich, Frau D. und Hirschmann zwischenmenschlich auf die Probe gestellt, weil sich die äußeren Umstände mehr und mehr verschärfen.

     

    Wo können sich denn Interessierte über eure Fortschritte auf dem Laufenden halten, abgesehen natürlich von Interviews und Rezensionen bei TITEL?

     

    Felix: www.steamnoir.com ist die erste Adresse, aber auch Facebook ist eine sehr gute Anlaufstelle, vor allem um tagesaktuelle Informationen zu erhalten. Hier findet man unter Steam Noir eine Seite, auf der neben Bildern auch Hintergrundinformationen und Werkstatteinblicke zu finden sind.

     

    Vielen Dank für das Gespräch! 

     

     

    Foto:  Südauswahl Dialog & Idee / Jennifer Dommel

     

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