TITEL kulturmagazin
Mittwoch, 29. März 2017 | 20:54

Tides From Nebula / This Will Destroy You am 12.07. im Lido (Berlin)

25.07.2011

Brandrodung

Begeistert vom neuen Album Tunnel Blanket war KRISTOFFER CORNILS eigentlich nicht gerade. Allerdings klaffen ja meistens einige Differenzen zwischen Platte und Live-Performance auf und deswegen schaute er sich This Will Destroy You auf ihrem Tourhalt im Berliner Lido zusammen mit Tides From Nebula an. Gut drei Stunden lang bekam er zu sehen und hören, was er erwartet hatte – und ging sehr zufrieden nach Hause.

 

Der erfreuliche Zufall, pünktlich zu den ersten Klängen der Vorband im Konzertsaal anzukommen tritt bekanntlich selten ein, erspart aber gelangweiltes Rumstehen, Verlegenheitsbierkäufe und (aus)gedehnte Rauchereckenkonversationen. Nicht, dass man bei einer Band wie Tides From Nebula sofort nach vorne drängeln würde – körperliche Aktivität fordert die polnische Band nicht unbedingt ein. Die generische und wohlfühlige Musik kommt in einem kristallklaren Sound daher, der selbst vom etwas überregelten Drumming nicht zerstört wird. Der Schlagzeuger zieht qualitativ nicht unbedingt nach, aber das nimmt ihm hier niemand übel. Das Quartett wird zwischen den Songs laut gefeiert und liefert eine zwar sehr vorhersehbare Post-Rock-Show ab, die mit avanciertem Posing vor dem polychromen Stroboskoplicht zwar sehr konstruiert wirkt, aber gerade irgendwie deswegen Spaß macht. Tides From Nebula liefern das ab, was Publikum von ihnen erwartet und zeigen trotzdem noch Leidenschaft bei der Sache, drücken ihre Dankbarkeit durch Ansagen aus oder nehmen, wie die beiden Gitarristen der Band am Ende des Sets, das sprichwörtliche Bad in der Menge. Bei der ganzen Verwurzeltheit, Bescheidenheit und vor allem einer gut getakteten Performance löst sich die Tatsache, dass die Post-Rocker eigentlich nur Standard nach Standard abklappern und nur selten wirklich frische Aspekte zeigen, in Wohlgefallen auf.

 

Die hält sich noch fest in der Umbaupause, die etwas länger ausfällt und damit nicht nur die üblichen Analysen und Vorausdeutungen bezüglich des Headliners – allenthalben im breitesten amerikanischen Englisch – sondern auch den Nikotinkonsum unter der Berliner Abenddämmerung fördert. Als der riesige Fuhrpark an Effektgeräten des Hauptacts This Will Destroy You einmal aufgebaut und richtig justiert ist, schmettert eine noch wuchtigere Wall Of Sound auf das Publikum ein. Der dröhnende Bass, ein Fünfsaiter, brummt lang gezogen immer knapp an der absoluten Übersteuerung vorbei und die Gitarren, die schon nicht mehr nach Gitarren klingen, werden etwas verschluckt, aber: Laut ist es, und das sollte es ja auch sein. Denn der leicht überambitionierte Versuch, sich mit Tunnel Blanket von den gängigen Post-Rock-Konventionen inklusive des Gitarrenpomps zu lösen und in Ambient- und Drone-Gefilden – die sind, das muss gesagt werden, immer mehr im Begriff, zum neuesten Trendpool zu werden – funktioniert auf Platte nicht so gut wie im opulenten Live-Setting.

 

Das Anbranden und Verebben der Songs, die die vier Amerikaner ohne Applauspause ineinander überfließen lassen, erzeugt erst über 100 Dezibel seine eigentliche Wirkung und kriecht die Wirbelsäule herunter. Der nicht komplett gefüllte Saal ist vollkommen paralysiert. Natürlich würde man die sprichwörtliche Stecknadel hier nicht fallen hören, aber für einen kurzen Moment wäre es jedenfalls die einzige Bewegung. Zum Ende ihres gut einstündigen Sets kommt die Band dem Publikum doch etwas entgegen und löst die düstere Brandrodung in eingängigeren Songs auf, um dann, nach einem kurzen Outronoise, nach wenigen Sekunden wieder auf der Bühne zu stehen – um ein paar Klassiker runter zu postrocken. Damit beenden sie einen Abend, der durchaus das gehalten hat, was an Erwartungen in der Luft hing, nach den ersten Durchläufen der Alben, oder nachdem das Schlagwort Post-Rock fiel. Oder spätestens nach Überhören der Pausengespräche – aber das kann auch ruhig mal als Garant für Zufriedenheit genommen werden.

 

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