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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 16. August 2017 | 17:28

    Die 18. Ausgabe des Jazzopen Stuttgart

    09.07.2011

    Hi-De-Ho und Puccini unter dem Schirm der Bank

    Über dem Wort »Jazz« steht der Name einer Bank. Es war in früheren Jahren schon einmal ein anderer Name. Auch von einer Bank. Wer sich im Internet durch die »kontinuierliche Förderung von Jazz, Rock und Pop« der Landeshauptstadt Stuttgart klickt, stößt noch auf einen Link, der diese Bank in der Adresse trägt. Wenn er diese freilich aufruft, ist die Website »vorübergehend nicht erreichbar«. Die Bank ist offenbar gerade damit beschäftigt, anderswo zu »fördern«. So ist das halt, wenn man – also die Politik und der Veranstalter selbst – die Kultur von Sponsoren abhängig macht. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Deutlicher als mit dem Banknamen an der Spitze lässt sich der Status quo nicht abbilden. In der Kultur hat längst die Ökonomie Priorität. Auf sie kommt es an. Ohne Sponsoren läuft nichts mehr. Kultur muss sich rechnen. Die Kriterien der Banken sind die Kriterien der Kulturpolitik. Wer leise dagegen aufbegehrt, wird harsch belehrt: Das geht nicht. Das ist unmöglich.

     

    Komisch. Es war ja schon einmal möglich. Wo sind sie geblieben, die wöchentlichen Open-Air-Veranstaltungen und Konzerte, bei denen allenfalls ein Rundfunksender, der sich die Übertragungsrechte gesichert hatte, sein Logo aufstellen durfte? Wohin sind sie verschwunden, die Umsonst-und-draußen-Festivals, die den Kommunen wichtiger waren als ein neuer Supermarkt auf der grünen Wiese? Wenn das heute »nicht mehr geht« –  woran liegt es? Eine Genmutation? Oder wird dieser Zustand erzeugt, weil er den Interessen einer verschwindenden (aber leider nicht verschwindenden) Minderheit dient? Und wie lautet dann der Befund über die Menschlichkeit der Gesellschaft, in der wir leben?

     

    Irgendwie bedenklich

    Fast könnte man auf die Idee kommen, die Programme seien auf den Geschmack der Sponsoren abgestimmt, die bei Catering inklusive Sekt auf der Tribüne hocken und manchmal mit ihrem Gequatsche sogar die hervorragende Anlage übertönen. Weil die Ökonomie die Wertigkeiten bestimmt, sind die Konzerte des Stuttgarter Jazzopen nach einem Schema angekündigt. An erster Stelle steht nicht etwa, wer als erster spielt, sondern wer den höchsten Marktwert hat. Im Konzert selbst gibt er den Schluss, den erwarteten Höhepunkt. Mit der tatsächlichen Qualität hat das nichts zu tun. Mothers Finest sind bekannter und auf alle Fälle lauter als James Hunter, der in der Ankündigung hinter ihnen figuriert und im Konzert vor ihnen auftritt, aber besser als dessen Rhythm & Blues ist ihre Mischung aus Funk und Hard Rock, die mit Jazz so viel zu tun hat wie eine Bank mit einem Wohltätigkeitsverein, mit Sicherheit nicht.

     

    Und B.B. King, der die Sensation des Abends sein sollte, war eine einzige Enttäuschung. Gewiss, er ist eine Legende, aber man hätte diesen 85-jährigen Gitarristen, der nur noch belangloses Zeug schwätzt und offenbar nicht mehr spielen kann, nicht engagieren dürfen. Das grenzte an Betrug gegenüber dem Publikum und an Grausamkeit gegenüber dem Künstler. Nein, es folgte dem Gesetz der Ökonomie. In Stuttgart, wie in Wien, wie in Montreux, wie in St. Moritz, wie fast überall auf der Welt, wo gestern noch an einen Jazz geglaubt wurde, der sich quer stellt zu einer Welt der Banken und des Profits.

     

    Doch der Erfolg scheint dem Kalkül ja recht zu geben. Die Leute strömen in Scharen auf den für das Jazzopen erstmals bewilligten Schlossplatz, während man den anspruchsvollsten Jazz des Abends, das Chico Freeman & Fritz Pauer Trio im Jazzclub BIX mit seinem sehr begrenzten Fassungsvermögen versteckt. Wie soll man auch dem Publikum Musiker zumuten, deren Namen man im Programmheft noch nicht einmal richtig buchstabiert. Paur, Pauer – egal, Hauptsache, die Ökonomie stimmt. Ob das auch so glimpflich abliefe, wenn der Hauptsponsor im Programmheft Sperma-Bank hieße?

     

    Dafür darf das Publikum am Schlossplatz mitmachen und auf Zuruf die Arme heben und klatschen. Gerne wüsste man, wo die Schamgrenze beginnt und man sich solchen Befehlen verweigert. Wenn man die Masse von hinten beobachtete, konnte man tatsächlich eine grafische Darstellung kollektiven Verhaltens wahrnehmen. Je näher die Zuhörer an der Bühne standen, desto dichter wurden die Hände hochgereckt. Zu den Rändern des Menschenauflaufs hin wurde die Zahl der gymnastisch bewegten Arme kontinuierlich geringer, und zwar mit mathematischer Genauigkeit nach allen Seiten hin. Vielleicht liegt es ja daran, dass die begeisterungsfähigeren Zuhörer näher an die Bühne drängen. Aber es könnte auch ein Ausdruck der ansteckenden Wirkung von Massenhysterie sein. Gewiss, sie ist, in diesem Kontext, unschädlich. Aber irgendwie bedenklich ist sie schon. Der Kontext lässt sich verändern. Ob die ausgestreckten Arme dann verschwinden?

     

    Marke, Markt und Marketing

    Zum Primat der Ökonomie gehört auch der Vorrang der Verpackung gegenüber dem Inhalt. Sein prominenter Ausdruck ist der Markenname. Wer Persil kauft, will nicht Ariel in der Schachtel haben. Dass die Berliner Philharmoniker die Berliner Philharmoniker bleiben, auch wenn kein einziger Musiker mehr dazu gehört, der dort unter Furtwängler gespielt hat, gilt als normal. Aber ist Blood, Sweat & Tears noch mit sich identisch, wenn keiner der Musiker dabei ist, die die Band berühmt gemacht haben? Wäre ein Franz Hinterbichler, der als Bob Dylan auftritt und dessen Songs Ton für Ton covert, tatsächlich Bob Dylan? Man kann die aktuelle Kopie von Blood, Sweat & Tears akzeptieren, aber dann muss man mit dem Mythos von der Einmaligkeit großer Künstler und der Authentizität von Jazz und Rock aufräumen. Es spricht ja, außer Profitinteressen (die Ökonomie!), nichts dagegen, chinesische Vuitton-Taschen zu tragen oder sich einen gefälschten Renoir ins Zimmer zu hängen, wenn sie aussehen wie die echten. Aber man soll es wissen. Blood, Sweat & Tears von 2011 ist eine perfekte Kopie, eine Marke mit gefälschtem Inhalt. Ariel, das nicht schlechter wäscht als Persil.

     

    Bei Chicago, der weichgespülten Variante von Blood, Sweat & Tears, die ihre anhaltende Popularität ein paar Schmusehits verdankt, sind immerhin noch Bläser und der Keyboarder und Sänger Robert Lamm von der Originalbesetzung übrig geblieben. Peter Cetera freilich fehlt als Stimme fast ebenso wie der unersetzliche David Clayton-Thomas bei Blood, Sweat & Tears. Man fragt sich allerdings bei beiden Jazzrock-Bands der ersten Stunde, die Bläsergruppen in den Rock einführten, wie es sich lebt, wenn man Jahrzehnte lang stets die selben Erfolgstitel notengetreu reproduziert für ein Fanpublikum, das darauf besteht, geliefert zu bekommen, was es von der Platte her kennt und mitsingen kann. Die musikalische Umsetzung von Charlie Chaplins Modern Times, so schöpferisch wie das Schraubenfestziehen am Fließband. Während Blood, Sweat & Tears und Chicago zum Vergleich herausfordern, lieferte das Vorprogramm diesmal den Kontrast. Aber auch Julia Biel provozierte einen Vergleich und ließ mit Wehmut an Julie Driscoll alias Julie Tippetts zurückdenken.

     

    Julia Biel ist nur eine der Sängerinnen, die an den diversen Spielstätten des Jazzopen auftraten. Sie alle verfügen über eine gute Stimme. Wenn man sich dennoch nach 20 Minuten nach dem Ende sehnt, so liegt das einerseits am fehlenden Ausdruck und andererseits daran, dass die jungen Damen offenbar nicht oder schlecht beraten werden in Bezug auf die Dramaturgie eines Konzerts. Beides könnten sie von An Pierlé lernen. Auf einem Ballon am Flügel sitzend, fasziniert die Belgierin, die stimmlich an Kate Bush erinnert, teils von Gitarre, E-Bass und Schlagzeug begleitet, teils im Solo, mit einem abwechslungsreichen und artistisch gestalteten Repertoire. An Pierlé gastierte im BIX. Der kleine Club war gerade halb voll. An Pierlé ist keine Marke. Und der Musikverstand des Publikums scheint seine Grenzen zu haben. Oder liegt es tatsächlich nur am Marketing?

     

    Paolo Conte steuert das Motto mit dem Titel eines seiner bekanntesten Lieder bei: Sotto le stelle del jazz. Aber der Mann mit der rauchigen Stimme, die süchtig zu machen vermag, ist kein Jazzsänger, sondern ein Cantautore. Die Herren im Smoking, die Conte begleiten, drei Gitarren, bis zu vier Bläser, Violine, Keyboards und Rhythmusgruppe, spielen den Swing eines Salonorchesters, ausgefeilt, aber ohne die Spur einer spontanen Inspiration. Muss ja nicht sein, der singende Rechtsanwalt am Flügel macht's ja, aber Jazzopen? Offen, sehr, sehr offen. Die Veranstalter müssen geahnt haben, dass da die Kategorien verwechselt wurden.

     

    Anders als in den vorausgegangenen Konzerten, ist der Schlossplatz bei Paolo Conte bestuhlt. Es liegt wohl nicht daran, dass man mit weniger Zuhörern gerechnet hat. Dabei kommt, was Conte und seine Band so makellos vortragen, der Tanzmusik am nächsten. Allerdings der Tanzmusik der vierziger Jahre. Und Titel wie Via con me, Gli impermeabli, L'orchestrina oder eben Sotto le stelle del jazz gehören ja wirklich zum Besten, was das italienische Canzone hervorgebracht hat. Ganz nebenbei wäre es interessant, einmal zu untersuchen, woran es liegt, dass es im 19. Jahrhundert die strahlenden Tenöre waren und heute die heiseren Baritone, ganz nah am Mikrophon – Leonard Cohen, Ludwig Hirsch oder eben Paolo Conte – sind, die Frauen zum Vibrieren bringen. Eine Kulturgeschichte der musikalischen Erotik.

     

    Lohnenswerte Entdeckungen? Kaum.

    Für Michael Bolton war Stuttgart nur ein Zwischenhalt auf seiner weltweiten Tournee. Sein Repertoire reicht vom Soul (Sitting On The Dock Of The Bay) über Standards (Summertime, That's Life) und Rhythm & Blues bis zu Puccinis Nessun Dorma mit Playback. Jazzopen? Very, very open. Das hat mit Barry Manilow oder Bryan Adams mehr gemeinsam als mit Jazz, auch wenn Boltons Begleitband zwischendurch They Can't Take That Away From Me spielt, fehlerfrei, aber auch seelenlos, so brav und wohlerzogen wie das gesamte Erscheinungsbild des Ensembles. Michael Bolton schafft es sogar, Bob Dylan zu verschnulzen. Und im Hintergrund winden sich zwei Gogo-Girls nach einer Schwachsinns-Choreographie.

     

    Aber das Publikum ist begeistert. Immerhin ist das Jazzopen lernfähig. Auf eine Steigerung der Gogo-Debilität, nämlich die Ansagen von Rundfunkmoderatorinnen, wurde diesmal verzichtet. Selten hat man mit so viel Genugtuung registriert, was nicht vorhanden war. Dieser Schmerz blieb uns erspart. Es ist jetzt den Künstlern selbst überlassen, die überraschende Mitteilung zu überbringen, dass das Wetter in Stuttgart besser sei als in Hamburg oder Berlin, dass das Publikum ganz wunderbar sei und die Stimmung nicht besser sein könne. Einmal, nur einmal hörte man gerne, dass jemand auf die ritualisierte Frage »Do you feel good?« antwortet: nein, beschissen.

     

    Und dann kam Goran Bregovic mit seiner Wedding and Funeral Band, auch er gerade auf Tournee. Kein Geschwätz, nur Musik, und das Wetter war ohnedies kein Thema. Es regnete, aber unter den Plastikoveralls glühte die Sonne Serbiens. Goran  Bregovic ist schon seit langem eins der stärksten Argumente gegen die Dominanz der amerikanischen Popmusik, die in Wirklichkeit – Ökonomie! – Ausdruck der Dominanz amerikanischer Plattenfirmen ist. Die Alternative zum US-Pop muss ja nicht der Schuhplattler oder der deutsche Schlager sein. Europa ist reich an interessanten musikalischen Traditionen. Bregovic versetzt der Balkanfolklore und der südosteuropäischen Zigeunermusik zusätzliche Akzente, und siehe da: Das geht ab wie eine Rakete, da gibt es kein Halten. Mit Jazz hat auch das nichts zu tun, aber es ist eine mitreißende, im besten Sinne populäre Musik, die Überlieferung und Zeitgenossenschaft in sich vereint. Es ist nur halb ironisch, wenn die Bläser und zwei Sängerinnen in Trachtenkleidung auftreten. Goran  Bregovic selbst trägt einen silbergrauen Seidenanzug.

     

    Fazit: Als der viel und manchmal auch zu Recht gescholtene Joachim-Ernst Berendt die Berliner Jazztage leitete und auch noch danach, reiste man an die Spree, um die aktuelle Entwicklung des Jazz zu verfolgen. Dort konnte man immer wieder Entdeckungen machen. Der Jazz, den angeblich niemand hören will, füllte die Philharmonie mit ihren mehr als 2400 Plätzen. Heute sind die Jazzfestivals größtenteils Stationen für Musiker und Gruppen auf Tournee. Lohnenswerte Entdeckungen lassen sich kaum noch machen. Wenn unbekannte Künstler auftreten, dann meist regionale Größen, die wenig kosten. Die Zugnummern, die gleich unterhalb des Bankenlogos genannt werden, sind altbewährte Bekannte. Das war's dann auch schon. Und nächstes Jahr ist wohl wieder Lenny Kravitz dabei. Der macht gerade Pause. Am 30. September beginnt die nächste Welttour in Rio de Janeiro. Die neue CD erscheint genau einen Monat davor.

     

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