TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. März 2017 | 02:44

 

Colosseum im Stuttgarter Theaterhaus

29.06.2011

Fast komplett

Es waren die Jahre, als der Rock noch erfinderisch war, als er noch nicht mit Schablonen gestanzt und für den schnellen Massenabsatz gefertigt wurde. Da kamen aus England ein paar junge Musiker und nannten sich Colosseum. Was sie machten, klang aufregend neu und knüpfte doch an Vorhandenem an. Damals wusste man nicht so recht, wie man das nennen sollte. Rockjazz? Jazzrock? Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Vom Jazz lieh sich Colosseum die Freiheit der Improvisation zwischen einprägsamen Themen und Riffs und komplexere harmonische Strukturen, als sie bei Rockbands – mit Ausnahmen wie etwa Soft Machine – üblich waren. Auch galt das Saxophon gegenüber Gitarre und Keyboards im Rock nicht als satisfaktionsfähig. Dem Rock schuldete Colosseum den Beat, die Dominanz des Schlagzeugs sowie die Auskostung von Lautstärke und rhythmischem Akzent.

 

Jetzt ist Colosseum im Stuttgarter Theaterhaus – nicht zum ersten Mal – auferstanden, fast komplett in der Besetzung von 1970 (!), mit Jon Hiseman am Schlagzeug, Dave Greenslade an den Keyboards, Clem Clempson an der Gitarre, Mark Clarke am E-Bass und dem inzwischen siebzigjährigen Sänger Chris Farlowe. Nur für den schon vor sieben Jahren verstorbenen Dick Heckstall-Smith ist Barbara Thompson eingesprungen, die Frau von Jon Hiseman, eine der weltweit aufregendsten Künstlerinnen am Saxophon (und zwar keineswegs nur im Vergleich mit den wenigen Frauen, die es an diesem Instrument zu internationalem Ruhm gebracht haben), die zudem in Stuttgart eine Fan-Gemeinde besitzt: Wie auch Hiseman gehört sie zum Stamm von Wolfgang Dauners United Jazz and Rock Ensemble, das, wie Hiseman mit erkennbarem Respekt betonte, im Theaterhaus seine Heimat hat.

 

Kein Wunder. Werner Schretzmeier, der Leiter des Theaterhauses, war von Anfang an nicht nur ein Bewunderer dieser längst in die Annalen eingegangenen Big Band, sondern auch ein Fadenzieher hinter den Kulissen. So gesehen konnte Colosseum gar nicht anderswo auftreten als im Theaterhaus. Es machte freilich auch bewusst, wie selten Konzerte dieser Qualität und dieses Anspruchs geworden sind. Das junge Publikum zieht offenbar andere Kost vor. Im vollen Saal saßen vorwiegend Repräsentanten jener Generation, der die Musiker auf der Bühne angehören, und da die schon vor mehr als 40 Jahren unterwegs waren, kann man sich leicht ausrechnen, wie alt sie sind. Dennoch: Es bleibt bedauerlich, wenn Gruppen von diesem Format im Programm des Theaterhauses die Ausnahme geworden sind wie auch die Freien Theatergruppen, die mit großem Erfolg etwa in den drei Häusern des Berliner HAU gastieren. Es gab Zeiten, da sie – und nicht die üppig sich vermehrenden Comedians – den Spielplan des (alten) Theaterhauses bestimmten. Es will nicht einleuchten, dass die Stuttgarter dümmer sein sollen als die Berliner oder dass ein junges Publikum nicht zu derlei Herausforderungen erziehbar sein sollte. Man muss sie nur kontinuierlich und mit Geduld – gewiss: auch mit den dann gerechtfertigten Subventionen – anbieten.

 

Aus den heroischen Jahren

Das Erstaunliche ist ja, dass die Musik von Colosseum, obwohl größtenteils mehrere Jahrzehnte alt, also wenn man so will: museal, moderner klingt als die Fließbandproduktion der heutigen Musikindustrie. Die Solisten von Colosseum ziehen keine Show ab. Was sie zu sagen haben, sagen sie mit ihrer Musik. Die geht allerdings durch den Körper, durch den der Interpreten, aber auch durch den der Zuhörer. Chris Farlowe hat nicht mehr das charakteristische Vibrato in den Höhen, aber immer noch eine kraftvolle Stimme. Er ist gewiss eher ein Rock- als ein Jazzsänger, aber, wie er im Theaterhaus überzeugend bewies, auch ein hervorragender Interpret jener Musik, in der Jazz und Rock ihre gemeinsamen Wurzeln haben – des Blues. Wenn Farlowe Morning Story und Theme For An Imaginery Western (manchmal auch als Theme From An Imaginery Western zitiert) singt, dann erinnern er und die Band an einen weiteren großen Namen aus den heroischen Jahren des Rock, an Jack Bruce, den genialen Bassisten von, unter anderem, Cream, der diese Songs geschrieben hat.

 

Und dann, unvermeidlich, die Valentyne Suite von 1969, die übrigens in Europa in veränderter Form auf den Markt kam. Das aus drei Teilen bestehende siebzehnminütige Stück hatte seinerzeit Kultstatus wie vielleicht nur noch das ein Jahr davor erschienene und ebenso lange In-A-Gadda-Da-Vida von Iron Butterfly. Ist dieser Meilenstein der Rockgeschichte überbietbar? Ja, durch ein Schlagzeugsolo von Jon Hiseman. Das ist musikalisch gestaltet, technisch kaum übertreffbar, aber keinen Augenblick nur artistisch. Der Aufbau dieses Solos ist zwingend, über lange Strecken hält Hiseman das Tempo, ehe er zu einem Accelerando plus Crescendo aufläuft – und Hiseman weiß genau, dass er den Applaus ins Unermessliche steigern könnte, wenn er dem Affen da Zucker gäbe. Zu den Drum Computern des Synthie Pop verhält sich solche Drummer-Virtuosität wie eine Blume auf der Wiese zu einer Plastikrose. Sie hat menschliches Maß. Vielleicht ist das es, was die Musik von Colosseum bis heute am Leben erhielt.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Nachgereichtes Wunder

Dank eines Deals der Künstlerin mit Domino Records bekommen nun auch hiesige Fans die Möglichkeit, dieses im Frühjahr erschienene ...

Heiße Ausgrabungen

Lassen sie sich entführen in die Zeit des frivolen Chansons und des Schurken-Schlagers oder heben sie ab mit Space-Age-Psych-Beat. Mit Major TOM ASAM.

Kühle braune Zwerge und Würzpaste

Der Mann wird in wenigen Wochen 70, seine Arbeit entzieht sich immer mehr irgendwelchen Kategorien – und die Kritiker überschlagen sich. TOM ASAM über das ...

Glam, Mathe und Lethargie

Glam-Rock-Epigonen, verfrickelte Post-Punks und Im-Bett-Gebliebene: Hauptsache interessant! Findet KRISTOFFER CORNILS – und nimmt im vierten Teil seiner ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter