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Mittwoch, 29. März 2017 | 21:01

Amon Tobin / Astra Kulturhaus, 9.6.2011

16.06.2011

Euphorischer Wahnsinn

Kurz nach Mitternacht, bei einer Selbstgedrehten danach: »Also, jetzt ernsthaft: So sieht die Zukunft von Musik aus.« Ich unterlasse es, meinen Kumpel zu korrigieren und denke mir nur, dass es auf jeden Fall eine Möglichkeit ist. Aber stillschweigend dürften wir in jedenfalls einem Punkt absolut übereinkommen: Wenn die Zukunft der Musik so aussieht wie die Live-Shows von Amon Tobin, dann sind es rosige Aussichten. Von KRISTOFFER CORNILS.

 

Als wir früher am Abend eigentlich schon etwas zu spät und mit ein paar Bieren intus im Astra Kulturhaus ankommen, ist das Gelände bereits vollkommen überfüllt. Wir quetschen uns durch die buntgemischte und überaus internationale Menge und erleben noch die letzten Songs der Opening Acts, die in wenigen Minuten eine komplette Werkschau von Tobins Label Ninja Tunes abliefern. Der Sound mäandert von Dub über Trip Hop-Momente zu straighten elektronischen Beats und peitscht das Publikum ziemlich an. Es kann losgehen und irgendwann, ganz plötzlich und ohne rechte Ankündigung geht es los. Die ersten Klänge von Journeyman lassen den Saal langsam erzittern und steigern sich immer weiter. Parallel dazu wird das riesige Konstrukt, in das die Bühne verwandelt wurde, von der peinlich genau auf die Musik abgestimmten Lichtshow bestrahlt. Es die perfekte Parabel auf Amon Tobins musikalisches Schaffen, ein System aus geometrischen Figuren, die in Verbindung mit den am Beat entlangzitternden Visuals den Abend in ein Gesamtkunstwerk verwandeln. Versatzstücke aus Jazz, Samba, Trip Hop,  Glitch und so weiter, nennen wir das Ganze einfach: IDM, Intelligent Dance Music. Das schier unendlich vielschichte Amalgamat aus diversen Sounds und Versatzstücken jeglicher Richtungen kreiert schon auf Platte Räume, greifbare Strukturen, neue Dimensionen von Sound. Mehr als Musik auf jeden Fall, und heute Abend, in Verbindung mit der wahnwitzigen Lichtshow die Erfahrung von Kunst am eigenen Leib.

 

Tobin hält sich im Hintergrund, oder besser: Er sitzt im Zentrum des futuristischen Bauwerks, manchmal sieht man seine Silhouette im Stroboskoplicht, kaum zu glauben, dass er die orgiastische audio-visuelle Party, die er gestartet hat, nur mit ein paar Laptops kontrolliert und stetig weitertreibt. Vor allem das neue Album ISAM kommt zum Einsatz und trotz des leider übersteuerten Basses und der viel zu komplexen Beats werden die gut anderthalb Stunden zu einem homogenen Trip, der Bewegung einfordert. Transpiriertes Adrenalin, Grasgeruch und ein hysterisches Fluidum liegen in der Luft. Wenn Tobin auch nur für ein paar Sekunden die Musik ruhen lässt dankt ihm frenetischer Jubel eine fast archaisch-karnevaleske Synergie. Auf dem Nachhauseweg wird sich unser Kumpel noch mit den Worten verabschieden: »War schön, dass mit euch geteilt zu haben.« Das kann man definitiv unterschreiben.

 

Wer auch immer den weiten Weg aus dem Ausland oder anderen Teilen des Landes unternommen hat, um in Berlin auf einem der wenigen Konzerte von Tobins Europatour dabei zu sein, hat die Reise nicht umsonst unternommen, ist Teil des euphorischen Wahnsinns, den die von vorne bis hinten durchkonzipierte Show auslöst. Irgendwo vor uns fällt eine junge Frau in Ohnmacht. Ich kann sie nur bemitleiden und versuche gegen die paar Biere im Voraus anzukämpfen, die mich zu einem Toilettenbesuch zwingen wollen. In der Pause, kurz vor der Zugabe, halte ich es nicht mehr aus. Als ich wiederkomme, ist das Konzert wieder im vollen Gange und Tobin heizt mit älteren Songs weiter, Hip Hop und Breakbeats fließen ineinander und sorgen für die endgültige Ekstase. Kurz vor Sperrstunde ist die Show vorbei, plötzlich und eigentlich viel zu früh. Tobin kommt unter manischem Gejohle noch einmal auf die mittlerweile abgedunkelte Bühne, zeigt sich zum ersten Mal, verbeugt sich zurückhaltend. Ganz so, als wäre er nicht dafür verantwortlich, dass er einigen hundert Menschen ein perfektes, dionysisches Erlebnis verschafft, als hätte er nicht soeben einen Einblick verschafft in eine mögliche und absolut rosige Zukunft der Musik.

 

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