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Foto: Riccardo Crimi Foto: Riccardo Crimi

Song Conversation bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

02.06.2011

AB, AC und BC und die Toilettenfrage

Es gibt gewiss Argumente nicht nur für, sondern auch gegen Thomas Wördehoffs Konzeption und Programm. Wenn aber ausgerechnet ein Stadtrat von den Grünen im vergangenen Jahr seine Kritik an den Ludwigsburger Schlossfestspielen daran festmachte, dass »ein Publikum, das zu diesen Schlossfestspielen gehört, … zum großen Teil weggeblieben« sei, und dem Oberbürgermeister vorwirft, »dass er seinem neuen Intendanten nicht in den Vertrag geschrieben hat, dass er die Säle zu füllen hat«, dann muss man nicht nur an der kulturellen Kompetenz, sondern auch am politischen Verstand einer Partei zweifeln, die offenkundig mit Bäumen mehr im Sinn hat als mit Menschen. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

In Kategorien der vollen Säle, die man sich wohl wünschen, aber nicht zum Kriterium einer gelungenen Festivalgestaltung machen kann, denken gemeinhin die Apologeten des Kommerzes und der Rentabilität, zu denen die Grünen offenbar keine Distanz mehr haben. Was ihnen nach der baden-württembergischen Landtagswahl attestiert wurde, dass sie nämlich in der bürgerlichen Mitte angekommen seien, trifft zu. Man muss das aber nicht positiv bewerten.

 

Das Publikum von traditionellen Institutionen verändert sich und schichtet sich erfahrungsgemäß um, wenn ein Wechsel in der Leitung stattfindet. Das war auch so, als Michael Gielen und Klaus Zehelein die Frankfurter Oper, als Claus Peymann das Burgtheater oder Gerard Mortier die Salzburger Festspiele übernahmen. Sie alle mussten sich ihr neues Publikum erst erwerben. Dafür bedarf es drei bis vier Spielzeiten. Wer sich schon davor, gar nach dem ersten Anlauf, zum Advokaten des – im doppelten Wortsinn – alten Publikums macht, ist schlicht ein Reaktionär, welcher Partei er auch angehört. Das heißt nicht, dass die Bedürfnisse dieses alten Publikums nicht bedient werden sollen. Nur können sie nicht zum verbindlichen Maßstab für Festspiele werden. Was sich der Grüne inhaltlich wünscht, wird jahrein jahraus im Großraum Stuttgart angeboten. Und wenn er auf eine verstärkte Nutzung des Schlosses drängt und zugleich Experimente ablehnt, dann muss man sich fragen, ob er schon in der Republik angekommen ist oder noch in feudalen Träumen schwelgt.

 

Foto: Lili Roze Foto: Lili Roze

Wechselseitige Befruchtung versprochen

»Warum brüskierte Herr Wördehoff das Stammpublikum mit der Arroganz, es gehe nicht darum, schön gekleidet und gepflegt mit Sektgläsern beisammen zu stehen?« Diese Frage stellt nicht ein CDU-Abgeordneter oder ein Sprecher des Industriellenverbands, sondern – man glaubt es kaum – der Parlamentarier einer Partei, deren führende Funktionäre einst zu einem nicht geringen Teil als Mitglieder von K-Gruppen davon träumten, den Klassenfeind an die Wand zu stellen. Mortier übrigens hat sich über jene Salzburger Festspielbesucher, die sich schon vor Beginn eines Konzerts auf das Essen im Goldenen Hirsch freuen, weitaus despektierlicher geäußert. Es passt ins Bild, dass der grüne Stadtrat »Halbzeitpausen« vermisst, »obwohl dies der größte Teil des Publikums sehr schätzt, um sich zu stärken, zu erfrischen, sich im Gespräch auszutauschen und um die Toilette aufzusuchen«.

 

Und er kommt zur Sache: »Warum wurden die erzielbaren Gastronomie-Erlöse damit so sehr gering gehalten?« Von dieser Denkungsart zeugt die Ludwigsburger Kulturpolitik jenseits der Festspiele. Am 1. Mai, der traditionell als Kampftag der Arbeiterklasse gefeiert wurde, darf die Gastronomie hemmungslos dafür sorgen, dass die Nachbarschaft mit Blasmusik beschallt wird und dadurch der Ort »mittelfristig nicht aus dem sozialen Gleichgewicht« fällt, wie die Veranstalter in einem Schreiben erklären. Gut für deren Bierumsatz, wohl auch für den Besuch der Toiletten. Aber – um von den Gastronomen wieder zum besorgten Stadtrat zurückzukehren – für die »nachhaltig-spezielle Zielorientierung auf ein junges Publikum«? Jedenfalls wird davon niemand durch »allzu kultur-revolutionäre Programme verschreckt«. Der Spießer im Grünen kann zufrieden sein.

 

Zu Wördehoffs Versuchen, das Festspielprogramm zu strukturieren, gehört eine mathematische Operation. Drei Elemente A, B und C lassen sich bekanntlich in drei verschiedenen Paaren gruppieren: AB, AC und BC. Das ergibt auch für die Musik ein interessantes Spiel. Zum zweiten Mal hat Wördehoff unter dem Titel Song Conversation drei Musiker eingeladen, nach Amerikanern im Vorjahr nunmehr den italienischen Cantautore Gianmaria Testa, den Trompeter Paolo Fresu und den vietnamesischen Gitarristen Nguyên Lê, den man im vergangenen Jahr beim Stuttgarter Theaterhaus-Jazzfestival mit der Japanerin Mieko Miyazaki am Koto, dem Inder Prabhu Edouard an der Tabla und dem Chinesen Guo Gan an der zweisaitigen Erhu bewundern durfte. In je einem Konzert tritt jeweils ein Duett auf: AB, AC und BC.

 

Dass man Musiker zusammenführt, von denen man sich eine wechselseitige Befruchtung verspricht, ist nicht ungewöhnlich. Das Programm von Manfred Eichers Plattenlabel ECM beruht weitgehend auf diesem Prinzip, und auch die Vermittlung zwischen Sam Amidon und Bill Frisell gehört hierher. Die Folge von Konzerten mit den drei Kombinationen ermöglicht jedoch darüber hinaus, dass man, wenn man sie hintereinander hört, kontrastiv erkennt, wie sich Stil und Interpretation eines Künstlers verändern, je nachdem auf welches Gegenüber er eingehen muss. Das ist außerordentlich vergnüglich und lehrreich und – dem grünen Politiker ins Stammbuch geschrieben – weitaus festspieltauglicher, weil nicht alltäglich, als die 7628. Aufführung von Beethovens Fünfter.

 

Nicht alltäglich

Es ist gewiss bedauerlich, wenn im schönen Theater des Ludwigsburger Schlosses keine Operninszenierungen mehr stattfinden, und für Lesungen ist es gewiss überinstrumentiert. Man kann nur hoffen, dass der grüne Stadtrat und Professor für Volkswirtschaft, der sich eine verstärkte Nutzung des Schlosses wünscht, sich bei der Debatte über Budget und Zuschüsse daran erinnert.

 

Operninszenierungen sind nun einmal teuer. Zumal wenn sie mit dem Repertoirebetrieb eines 16 S-Bahn-Minuten entfernten Staatstheaters konkurrieren müssen. Was den nicht weniger prachtvollen Ordenssaal angeht, kann nur ein Banause meinen, er eigne sich lediglich für die Aufführung von alter Musik, so adäquat diese hier auch erklingen mag. Heutige Kunst, ja selbst Experimente passen hier nicht schlechter ins Ambiente als Harnoncourt oder Gardiner in das akustisch problematische Forum am Schlosspark oder in die anthroposophische Betonarchitektur der vom grünen Traditionsbewahrer herbeizitierten Stuttgarter Liederhalle. Ich erinnere mich übrigens noch sehr gut an eine Zeit, als Harnoncourts Concentus Musicus um sein Publikum kämpfen musste. Hätte man damals auf die Stadträte gehört, wären wir bis heute über Karl Böhm nicht hinausgekommen.

 

Der Ordenssaal gab auch die Kulisse ab für die erste Song Conversation, die ohne Songs auskam, wenn man bei Songs auch einen Text erwartet. Paolo Fresu mit der verstärkten gestopften Trompete und dem Kornett und Nguyên Lê an der Elektrogitarre nützen ausgiebig die Möglichkeiten von elektronischer Verzerrung, Echo- und Halleffekten und Loops. Der Computer steuert vorprogrammierte Perkussion und sogar einen Chor bei. Freie Improvisationen gehen über in Ansätze zu einem Thema, das sich wieder auflöst. Das erste Stück des Abends, eine Komposition von Paolo Fresu, heißt Fellini und erinnert mit diesem Titel an das wohl bekannteste Trompetensolo, das Gelsomina in La Strada bläst. Aber auch Monteverdi steht Pate. Sein Si dolce è 'l tormento, das Fresu bereits mit Uri Caine aufgenommen hat, dient als Grundlage für ein lyrisches Duo. Von Nguyên Lê stammt unter anderem eine pentatonische Komposition mit dem Titel Thang Long, dem alten Namen Hanois bei, und auch Jimi Hendrix liefert Material.

 

Die Besetzung Trompete mit Gitarre ist nicht alltäglich, der Zusammenklang der Instrumente nicht von vornherein plausibel. Aber es klappt vorzüglich. Es gibt Präzedenzfälle. Fresus Landsmann und zeitweiliger Partner Enrico Rava etwa hat mit John Abercrombie zusammen gespielt. Und auch Fresu und Lê haben sich in Ludwigsburg nicht zum ersten Mal getroffen. Am 3. Juni tritt Paolo Fresu mit Gianmaria Testa auf, am 4. Juni dann Gianmaria Testa mit Nguyên Lê.

 

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