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    Montag, 26. Juni 2017 | 14:10

    Mnozil Brass in Ludwigsburg

    27.05.2011

    Warten auf Blofeld

    Zum Schluss spielt Mnozil Brass Joe Zawinuls geniale Komposition Birdland – und hier passt das Attribut nun einmal genau, »echt«! Da zeigt sich, dass es doch die musikalische Qualität ist, was zählt. Ohne sie wären die Späßchen von Mnozil Brass bald lau, findet THOMAS ROTHSCHILD

     

    Die Kulturveranstalter könnten von meiner Frau lernen. Wenn sie will, dass ich sie für ihre Kochkunst lobe (was mir an sich nicht schwer fällt), sagt sie: »Das ist mir nicht ganz gelungen« oder »Das ist nicht ganz so geworden wie es sollte«. Nun bleibt mir gar nichts anderes übrig, als ihr zu versichern, dass niemand besser koche als sie und dass ihre Gerichte unübertrefflich seien.

     

    Die Kulturköche aber überhäufen uns schon im Vorstadium mit so viel Eigenlob, dass es schwer fällt, nicht zu widersprechen, und sei es, weil man seine Unabhängigkeit beweisen möchte. Wer will schon zu jenen »Kritikern« zählen – und sie sind ja nicht selten –, die sich von Pressaussendungen und bei Pressekonferenzen einflüstern lassen, was sie zu schreiben haben. Die Selbstachtung verbietet die Verwendung von Vokabeln, mit denen die Macher sich selbst schmeicheln.

     

    Noch vor ein, zwei Generationen galten Einstein oder Picasso als genial. Heute ist es jeder Nachwuchspianist und sogar jede Zahnpasta. Früher bescheinigte man einem Krimi oder auch einem Fußballspiel, dass sie spannend seien. Heute ist nicht nur ein Wahlabend spannend (als käme es nicht darauf an, welche Parteien danach regieren werden, wie es im Grunde egal ist, wer sich im Krimi als Mörder entlarvt), auch jedes Konzert, jede Komödie, jede Vernissage wird als spannend angekündigt. Das Wort »spannend« wird so inflationär verwendet, dass es unbrauchbar geworden ist. Und ohnedies lässt sich Spannung nicht suggerieren, wenn sie in Wahrheit ausbleibt. Hätten die Programmgestalter auf meine Frau gehört und ihre Veranstaltung als langweilig, unbedeutend, mittelmäßig angekündigt – vielleicht wären wir angenehm überrascht, würden Qualitäten und Werte entdecken, wer weiß: womöglich sogar Spannung.

     

    Bei Mnozil Brass freilich versagt unser Widerspruchsgeist. Mnozil Brass ist ein seit 1992 bestehendes Blechbläserseptett, das sich nach dem Gasthaus in der Seilerstätte in der Wiener Innenstadt benennt, in dem sich die schrägen Vögel zu treffen pflegten. Es liefert so ziemlich das Beste an musikalischem Humor, was zurzeit in Europa zu haben ist. Es steht in der österreichischen Tradition des höheren Blödsinns à la Erste Allgemeine Verunsicherung oder Drahdiwaberl. Es knüpft aber auch an an ein Verständnis von musikalischer Unterhaltung, das im englischsprachigen Raum verbreitet, bei uns aber eher verpönt ist. Gerard Hoffnung, Peter Schickele, Spike Jones heißen einige Repräsentanten des pointierten Umgangs mit Musik, bei dem man sich für sein Lachen nicht schämen muss. Auch der in Dänemark geborene und in den USA verstorbene Victor Borge gehört dazu.

     

    Foto: Reiner Pfisterer Foto: Reiner Pfisterer

    Zuweilen im Musikclownzirkus

    Für die Ludwigsburger Festspiele entstand das Auftragswerk Blofeld. Mit dem Bösewicht gleichen Namens, der durch die James-Bond-Filme geistert, hat die Show nur äußerlich zu tun. Zwar tritt einer der Musiker mit einem Ding auf, das – so genau kann man es nicht erkennen – eine weiße Perserkatze sein könnte. Auch gibt es eine 007-Suite, deren Teile mit Mordversuchen enden. Im Übrigen aber unterscheidet sich die lockere Dramaturgie des Abends nicht grundsätzlich von derjenigen in früheren Programmen der Gruppe.

     

    Für die visuellen Gags steht der frühe Stummfilm Pate und auch die Pantomime eines Jérôme Deschamps. Zu Beginn spielen die Bläser im Dunkeln, hören plötzlich auf, es bleibt finster, das Publikum ist irritiert, spendet zögernd Beifall. Die Tuba variiert das Kinderlied Es geht ein Bi-Ba-Butzemann, während im Hintergrund ein Kollege die Zeitung liest, ein zweiter mit seinem Handy hantiert und sich ein dritter am Notenständer zu schaffen macht. Ein Marsch, bei dem das Publikum, wie man es von Deutschen erwartet, rhythmisch mitklatscht, geht über in Marilyn Monroes I Wanna Be Loved By You. Sechs Musiker singen vom Röslein auf der Heide, während der sechste eine aufblasbare Sexpuppe hereinträgt und dann zum Platzen bringt.

     

    Diverse Sportarten werden angedeutet, auch ein Boxkampf, der, wie gefilmt, zurück gespult und in Zeitlupe vorgeführt wird. Die Blasmusik, bei der man früher spießige Volksmusik oder Militärkapellen assoziierte, hat in den vergangenen Jahren durch die Balkanfolklore und Bands wie das Wedding and Funeral Orchestra von Goran Bregovic eine Aufwertung erfahren. Auch Mnozil Brass greift diese Tendenz auf, in einer Zugabe außerdem die jüdische Klezmermusik, die eigentlich nicht für Blechbläser gedacht ist. Und eine singende Säge, früher einmal fester Bestandteil von Varietéprogrammen, verweist auf eine fast vergessene Heimstatt des musikalischen Humors: den Zirkus mit seinen Musikclowns, die noch in Chico und Harpo Marx ihre Erben fanden.

     

    Am Schluss, vor den Zugaben, spielt Mnozil Brass Joe Zawinuls geniale Komposition Birdland – und hier passt das Attribut nun einmal genau, »echt«! Da zeigt sich, dass es doch die musikalische Qualität ist, was zählt. Ohne sie wären die Späßchen von Mnozil Brass bald lau. Nicht alles, worüber gelacht wird, verdient den Namen »Humor«.

     

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