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    Freitag, 28. Juli 2017 | 15:03

    Live im nbi (Berlin)

    26.05.2011

    Fremd vorm Paillettenvorhang

    Das kleine NBI in der Berliner Kulturbrauerei liegt im Epizentrum des Prenzlauer Bergs und damit mitten im arrivierten Szenetum. Da passen kleine Indie-Bands kurz vor dem Aufstieg in die erste Liga gut ins Programm, und einige haben 50 Leute in den kleinen Club gezogen bevor sie im nächsten Jahr bereits vor 500 spielten. Ein Abend wie der heutige passt allerdings nicht unbedingt ins Raster, irgendwie stehen dann doch Fremdkörper vor dem Paillettenvorhang auf den höchstens acht Quadratmeter Bühne, die gerade mal kniehoch ist. Von KRISTOFFER CORNILS

     

    Dass das keine geeignete Kulisse für Post-Rock und andere progressive Genres mit Imposanzanspruch ist, dürfte klar sein. Dass der Sound nicht mit der Musik mithalten würde, war leider von Anfang klar. Eröffnet wird der heutige Abend von der jungen Berliner Band mentizid. Die hält sich dem arg scheppernden Schlagzeug, dem kaum zu vernehmenden Keyboard- und Synthesizerparts und dem schlicht unhörbaren Gesang zuwider doch recht gut. Hier und da klingt die Band zu konventionell oder scheint nicht wirklich recht zu wissen, worauf sie eigentlich hinauswill, aber das technische Können ist ebenso da wie die Experimentierfreudigkeit. Insbesondere die vereinzelten Noise- und Trompeteneinsätze sind ebenso erfrischend wie gut in den vielschichtigen Sound eingearbeitet. Nach dem fast einstündigen Set kann man den Fünf nicht nur das Potenzial attestieren, sondern kann ebenso gern zugeben, dass sie über die Fähigkeiten verfügen, es zu benutzen. Die zehn Schritte Verlegenheitsabstand zwischen dem kniehohen Podest und dem Publikum können mentizid allerdings doch nicht schließen, was sicherlich nicht an ihnen liegt. Sie scheinen Freunde mitgebracht zu haben, die zwar für Stimmung sorgen, aber sich nach dem letzten Song zusammen mit der Band noch ein Bier im Freien gönnen und das NBI schlagartig etwas verlassen aussehen lassen.

     

    Als die britischen Iroha ihren ersten Song beginnen, befinden sich nicht mehr als zwei oder drei Leute überhaupt in der Nähe der Bühne. Und die dreiköpfige Band um Andy Swan schafft es im gesamten Verlauf ihres Gigs partout nicht, irgendjemanden nachhaltig zu packen. Woran mag das liegen? Auf Platte sind die fetten Shoegazer-trifft-Post-Metal-Wall-of-sound-Riffs zwar nicht ohne Monotonie, aber packend genug. Klar: Das kann das System des NBI nicht unterstützen. Die beiden Gitarren und der Bass röhren aneinander vorbei, der Gesang ist gar nicht erst zu hören, nach Aussage des Technikers auf Wunsch der Band. Graben sich Iroha selbst das Wasser ab? Klar, ein lebendiger Drummer hätte besser getan als die Beats vom Laptop, aber das muss nicht unbedingt die Schuld Irohas sein. Dass sie den Begriff Shoegazing allerdings doch etwas zu wörtlich nehmen, ist leider offensichtlich. Wer hochschaut, verliert. Garniert mit dem im Laufe des Konzerts subversiv Stück für Stück hochgeregelten Gesang, der ebenso verschüchtert, verhalten und zu trocken herüber kommt wie die vorsichtigen Gitarrenparts, fallen Iroha live glatt durch. Einige Bands machen sich nun mal am besten hinter den Studioreglern.

     

    Dass The Samuel Jackson Five aus Norwegen nicht unbedingt zu diesen Bands gehören, beweisen sie von der ersten Sekunde an. Was nicht heißen soll, dass sie auf Platte langweilig klängen. In Person geben die vier Musiker richtig Gas und haben scheinbar noch eine ganze Masse von Menschen vor die Bühne gezaubert. Die feiert das technische Frickelchaos aus Math-Rock, Post-Rock und Jazz Fusion gehörig, plötzlich ist der Sound sogar annehmbar – das Wunder vom Prenzlauer Berg, scheint es. Die Skandinavier danken es Berlin mit einem zwar etwas kurzen, aber intensiven Set, in dem angefangen von Motto-Shirts (Silence, Still, Conscience und Sound prangen den Mitgliedern in entweder rot oder gelb auf der Brust) über Ausflügen ins Publikum, Instrumentenwechseln bis hin zu einer verschwitzten Zugabe, die eigentlich nur ein im Set vergessener Song ist, alles irgendwie Spaß macht. The Samuel Jackson Five beweisen sich im Gegensatz zu Iroha zu einer Quasi-Kontrollinstanz, die ihr Publikum im einen Moment noch mit sanften Grooves einlullt und ihnen im nächsten die Augenlider ordentlich aufreißt. Das NBI kann an diesem Abend in der tröstlichen Gewissheit verlassen werden, dass selbst ein katastrophales Soundsystem und ein wankelmütiges Publikum nicht die Möglichkeit eines schönen Konzerts untergraben müssen.

     

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