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Von einem Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker

20.04.2011

Böhmen an der Donau

Dass die Wiener Philharmoniker große Anstrengungen unternähmen, ihrem Publikum die Moderne, gar die Musik lebender Komponisten zu vermitteln, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Vergleicht man das Programm ihrer Abonnement-Konzerte etwa mit der eben veröffentlichten Ankündigung des Württembergischen Staatsorchesters Stuttgart für die kommende Saison, könnte man meinen, es gebe keinen gemeinsamen Nenner zwischen den Auffassungen von aktueller Musikkultur in Österreich und Deutschland. Hier wie dort ist man ja gezwungen, auf die pessimistischen Prognosen bezüglich eines Publikums für »klassische« Musik zu reagieren. Ob freilich die Flucht ins Museum auf Dauer der Ausweg ist, bleibt fraglich.

 

Der Konservatismus der Philharmoniker besagt etwas über dieses ohne Zweifel hervorragende Orchester, aber auch über die »Musikstadt« Wien, eine Stadt der Toten im Moderzustand. Es drängt sich die wahre Anekdote von Friedrich Cerha, einem der wichtigsten lebenden österreichischen Komponisten auf. Zu dem sagte ein österreichischer Ministerialbeamter einmal: »Aber Cerha, Sie sind ja begabt, – warum geh'n S' denn nicht ins Ausland?« Auch das ist schon ein paar Jahre her, aber es könnte heute jederzeit wiederholt werden. Die weniger Begabten bleiben. Zum Beispiel in den Ministerien.

 

Die renommiertesten Dirigenten stehen am Pult der Wiener Philharmoniker, aber über die Zweite Wiener Schule kommen sie (hier) kaum je hinaus, und auch das erst seit wenigen Jahren. So ist man denn dankbar, wenn die Wiener Philharmoniker ihrem Stammpublikum wenigstens selten gespielte Komponisten und Kompositionen zumuten. Dass selbst das ein Wagnis ist, bestätigt die Bemerkung einer Frau beim Verlassen des Konzerts: »Das ist ja keine Musik.«

 

Was nach Ansicht der Dame keine Musik war, ist eine Symphonie von Josef Suk. Der tschechische Komponist lebte von 1874 bis 1935, ist also ein Zeitgenosse von Richard Strauss, Jean Sibelius und Béla Bartók. Seine c-Moll-Symphonie, der er den Namen des Todesengels Asrael gab, wurde vor mehr als 100 Jahren, 1907 uraufgeführt. Sie ist also so »modern« wie auf dem Theater Ein Traumspiel von August Strindberg oder in der Literatur Unterm Rad von Hermann Hesse. Aber Suk ist außerhalb Tschechiens immer noch fast unbekannt. Dabei ist gerade Asrael ein süffiges, effektvolles Werk, in dem sich impressionistische Akkorde mit spätromantischer Dramatik mischen. Suk hatte seine zweite und letzte Symphonie unter dem Eindruck des Todes seines Schwiegervaters Antonín Dvorák begonnen und weiter daran gearbeitet, als auch seine Frau, noch ganz jung, starb. Die religiöse Thematik, die der Titel abruft und die dem ursprünglichen Plan, ein Requiem zu schreiben, entspricht, hielt den Komponisten nicht von einer gewissen Heiterkeit und einer sehr irdischen Sinnlichkeit ab. Dazu tragen auch Zitate aus dem Werk Dvoráks bei, der seinerseits gerne aus der Volksmusik schöpfte.

 

Neid und Bewunderung

Davon zeugte ein Werk, das der Symphonie Suks in einem jener traditionellen Sonntagvormittagskonzerte im Musikvereinssaal vorausging, die für die Wiener »Gesellschaft« ebenso verbindlich sind wie für die Berliner die entsprechenden Konzerte der Berliner Philharmoniker in ihrem weniger prachtvollen, dafür aber größeren Stammsitz. Im Gegensatz zu seinem Schwiegersohn hat sich Antonín Dvorák einen festen Platz im Repertoire des internationalen Konzertbetriebs erobert. Aber aus seinem umfangreichen Werk wird ein relativ kleiner Teil bevorzugt. Die Biblischen Lieder gehören nicht dazu. 1894/95 komponiert, kommen sie, anders als Suks Asrael, mit einer kleinen Orchesterbesetzung aus. Ursprünglich hatte Dvorák den Zyklus für mittlere Stimme und Klavier geschrieben. Nur einen Teil der Lieder hat er selbst orchestriert.

 

Im Mittelpunkt steht die Sängerin. In Wien ist die tschechische Mezzosopranistin Dagmar Pecková kurzfristig für die erkrankte Magdalena Kozená eingesprungen, und ihre volle Stimme, ihre dramatische Interpretation ließen ebenso wie die unaufgeregte Stabführung Peter Schneiders keine Wünsche offen. Es ist überliefert, dass Brahms seinen böhmischen Kollegen wegen der musikalischen Einfälle bewundert und beneidet hat. Die sind in den Biblischen Liedern nicht so spektakulär wie in den Symphonien oder dem viel gespielten Cellokonzert h-Moll. Verglichen mit diesen klingen die Lieder spröde, aber auch zu den Psalmen-Texten hat Dvorák Assoziationen, die eher von einer Kirchweih auf dem Dorfe als aus der Kirche selbst zu stammen scheinen.

 

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