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Dienstag, 28. März 2017 | 17:43

 

Anna Netrebko und Elina Garanca in "Anna Bolena"

17.04.2011

Gipfeltreffen

Die Metapher vom Gipfeltreffen drängt sich auf, wo die beiden von den Medien zurzeit am meisten gehätschelten Opernsängerinnen gemeinsam auf der Bühne agieren. Gaetano Donizettis Anna Bolena ist dafür das ideale Material. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Wie in der fünf Jahre später uraufgeführten Maria Stuarda, stehen sich da zwei Frauen gegenüber, die nicht nur von der Fabel her, sondern auch stimmlich wetteifern und sich zum Duett vereinen können. Die Frauen heißen, beim Italiener Donizetti, Giovanna Seymour und eben Anna Bolena, und ihre schönen Verkörperungen auf der Bühne der Wiener Staatsoper heißen im bürgerlichen Leben Elina Garanca und Anna Netrebko. Die Mezzosopranistin aus Riga und die fünf Jahre ältere Sopranistin aus St. Petersburg sind über ihr Metier hinaus bekannt wie ansonsten allenfalls Fußballer oder Skispringer. Gewiss spielt die Fotogenität dabei eine wichtige Rolle, aber dass die beiden Damen aus dem Osten tatsächlich singen können, ist mit Sicherheit kein Nachteil.

 

Es wäre nun müßig, danach zu fragen, wer in der aktuellen Inszenierung – der ersten im Haus an der Wiener Ringstraße, von jener Oper immerhin, mit der Donizetti einst zum bedeutendsten Opernkomponisten seiner Zeit avancierte – besser singe, die Netrebko oder die Garanca. Es wäre borniert, wollte man nach dieser Aufführung behaupten, ihr Ruhm sei nur auf Sand gebaut. Ergänzen kann man allenfalls, dass Elisabeth Kulman in der kleinen Hosenrolle des Pagen und Hofmusikers Smeton, eines Verwandten von Mozarts Cherubino und des Rosenkavaliers Octavian, den beiden Stars in nichts nachsteht. Aus ihrer Arie auf das Porträt Annas macht sie einen musikalischen Höhepunkt. Alle drei Damen erinnern schmerzlich daran, wie häufig Sängerinnen in den Höhen unsauber intonieren. Hier passt jeder Ansatz, jeder Bogen. Und niemals schwächeln die Stimmen. Auch bei differenzierten Klangfarben, auch bei intensivster Innigkeit, verlieren sie nicht ihre Fülle.

 

Das lässt sich leider von Ildebrando D‘Arcangelo, der Heinrich VIII., italienisch etwas ungewohnt: Enrico VIII. singt, nicht mit der gleichen Unbedingtheit sagen. Der Bass besticht eher durch Lautstärke. Aber die Dynamik geht gelegentlich auf Kosten der Intonation. Dieser Heinrich ist in seiner Erscheinung eher sexy als mächtig. Er hat keine Ähnlichkeit mit Holbeins bekannten Gemälden oder mit Emil Jannings in Ernst Lubitschs Anna Boleyn oder mit Charles Laughton in Alexander Kordas The Private Life of Henry VIII. Das ist nicht der verfressene Lüstling, aber er ist auch kein bisschen komisch. Dieser Heinrich ist mehr Pirat als König. Auch seine Stimme zeugt eher von Kraft als von Macht.

 

Kein radikaler Gegenwartsanschluss

Insgesamt aber ist das Ensemble erstaunlich homogen. Wenn vor der Pause alle Akteure auf der Bühne stehen, wird die Partitur transparent. Hier hat der Dirigent Evelino Pidò gute Arbeit geleistet. Ansonsten hätte man sich von ihm und den Wiener Philharmonikern, die sich vielleicht allzu sehr auf ihre Routine verlassen, etwas mehr Vitalität gewünscht, etwas mehr Leidenschaft, Italianitá, auch aus dem Orchestergraben.

 

Die Inszenierung von Eric Génovèse erinnert daran, wie Opernaufführungen vor der Erfindung des modernen Regietheaters ausgesehen haben; was dessen Verächter freut und was dessen Liebhaber bedauern. Auch unter der neuen Direktion scheint sich die Wiener Staatsoper nicht zu einem radikalen Anschluss an die Gegenwart entschließen zu können. Dafür ist eher das Theater an der Wien zuständig.

 

Dabei ist das Libretto von Anna Bolena, geschrieben vom Librettisten mehrerer Donizetti- und Bellini-Opern Felice Romani, dramaturgisch geschickt gestaltet. Wenn Anna Bolena der Prozess gemacht wird, verlässt Heinrich VIII. das Gericht. Der Prozess findet hinter der Bühne statt. Wir sehen derweil den König mit der sich schuldig fühlenden Nachfolgerin Annas, mit der Seymour. Der private Raum steht dem Zuschauer vor Augen, der durch die Intrige verursachte öffentliche Raum ist seinem Blick, scheinbar paradox, entrückt. Am Ende wird Anna Bolena in Wien nicht wie im Libretto und wie schon die Heldinnen in der antiken Tragödie hinter der Bühne, sondern an der Rampe getötet, und zwar mit einem Fallbeil, nicht wie in der tatsächlichen Geschichte mit dem Schwert. Allein – das bringt keine Bewegung mehr in die von Statik bestimmte Inszenierung. Der Kopf bleibt dran. Er muss ja bei der nächsten Aufführung singen.

 

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