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    TITEL kulturmagazin
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    Sir James Galway und Lady Jeanne Galway in Galveston, Texas

    23.03.2011

    Ein »E« für ein »U«

    »Ernst« contra »Unterhaltung«: Vor allem hierzulande tobt einen Kampf um die Deutungshoheit des Anspruchs musikalischer Darbietungen. Andernorts geht man damit lockerer um. Eine kleine Entdeckungsreise von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Ein obsoletes Ressentiment der Popfans gegen die so genannte »Hochkultur« suggeriert, dass diese auf Kosten der U-Musik von den Medien bevorzugt werde. Das hat gewiss für die Printmedien vor vier Jahrzehnten noch gegolten. Heute muss sich ein Sender wie Klassik Radio den Präsentationsformen der Unterhaltungsmusik anpassen und Filmmusik als »Klassik« verkaufen, um Erfolg zu haben. Und die Konzertveranstalter befürchten, dass es für das Repertoire von Bach bis Bartók demnächst kein Publikum mehr geben wird. Die Grenze zwischen U und E, die ohnedies stets fragwürdig war – wie »unterhaltend« ist ein Blues von Billie Holiday, wie »ernst« Bachs Kaffeekantate oder Mozarts Musikalischer Spaß? – ist längst verschwunden und lebt nur in den Köpfen einiger Rundfunkredakteure weiter, die sich ihr Ressort sichern wollen.

     

    In der englischsprachigen Welt pflegt man seit je ein lockeres Verhältnis zu solchen Kategorisierungen, wie man dort auch keine Scheu vor Humor und Didaktik – am besten: humorvoller Didaktik – im Konzertbetrieb hat. Sir Roger Norrington ist dafür ebenso ein Beleg wie in der Vergangenheit der aus Deutschland stammende, 34-jährig verstorbene Gerard Hoffnung mit seinen Londoner Music Festivals. Auch James Galway hat sich nie darum geschert, ob und wie sich die Musik, die er auf der Flöte bläst, klassifizieren lässt. Wenn er als Zugabe auf einer Whistle irische Volkstänze zum Besten gibt, bedeutet das keinen Bruch. Schon zuvor hatte er zusammen mit seiner Frau Jeanne Galway, die ebenfalls die Flöte bläst, und seinem Landsmann Michael McHale am Klavier irische Traditionals vorgetragen.

     

    Für Unterhaltung nicht zu schade

    Bei seiner Amerika-Tournee macht James Galway Station auch in Galveston, 80 Kilometer südlich von Houston, in The Grand, dem prachtvoll restaurierten Opernhaus von 1894, das den verheerenden Hurrikan von 1900 überstanden hat. Mit dem ersten Stück ist er nicht zufrieden: die Flöte sei ein empfindliches Instrument, das auf die klimatischen Bedingungen reagiere. Galway verlässt die Bühne, holt eine andere Flöte und wiederholt das ganze Stück. Später geraten ihm die Noten durcheinander. Er setzt bei einem Satz neu an, schaut dann dem Pianisten über die Schulter in die Noten. Nach der Pause entschuldigt er sich für diesen Lapsus mit seinem Alter. Das Publikum nimmt es ihm nicht übel.

     

    Aber so sehr Galway auch ein Showman ist – er bleibt ein außergewöhnlicher Virtuose seines Instruments. Selbst wenn er mit sich selbst im Duo zu spielen scheint, indem er die Melodie und die Begleitstimmen in raschem Wechsel aus der Flöte herausholt, gelingt ihm eine nuancenreiche Palette von Klangfarben. Breiten Raum in seinem Konzert in Galveston nehmen Bearbeitungen von bekannten Melodien ein – aus Rigoletto, aus Carmen oder, ein beliebtes Salonstück – von Ein Hund kam in die Küche. Auch in diesen begegnen sich »Klassik« und Spaß.

     

    Das Konzert des Flötistenpaars, das so heißt wie eine Stadt in Irland, fand zwei Tage nach St. Patrick‘s Day statt. Dieser Tag wird in den USA zu Ehren des irischen Nationalheiligen mit Paraden und Veranstaltungen eine ganze Woche lang gefeiert. Einen Feiertag zu Ehren eines Indianergotts kennen die Vereinigten Staaten hingegen nicht. Bei aller Bewunderung für die Iren und ihre Musik, sei daran erinnert: die Palästinenser Amerikas sind die Indianer. Dass man von ihnen weniger hört, liegt an der einfachen Tatsache, dass sie fast vollständig ausgerottet wurden. Unter anderem von Iren, die ihr Land besetzten, nachdem sie der Gefahr des Hungertodes entronnen waren. Hätten die Indianer überlebt und sich vermehrt, gäbe es heute womöglich einen indianischen Präsidenten der USA und einen Iyatiku-Tag, an dem ein Indianer auf einer indianischen Flöte bläst und seine Anekdoten erzählt – in einer Indianersprache, nicht in der Sprache der Kolonisatoren. Buffy Sainte-Marie sang einst von »the genocide basic to this country's birth«. Auch daran musste ich denken, als James Galway zwei Tage nach St. Patrick‘s Day irische Volksweisen flötete. U und E liegen eng beieinander.

     

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