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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 09:26

    Erich Mühsam Abend mit Harry Rowohlt im E-Werk Erlangen am 02.03.2011

    04.03.2011

    »Von deutschen Dichtern lies am meisten, die, die soviel wie Mühsam leisten«

    Schüttelreime, Kabarettistisches, Tagebücher, Briefe des anarchistischen Autors Erich Mühsam gelesen von Harry Rowohlt im Erlanger E-Werk. Besucht von HUBERT HOLZMANN

     

    Die Personen und ihre Darsteller: Erich Mühsam gelesen von Harry Rowohlt. Seine Stimme ist magisch, betörend, genial, niemals maniriert oder melodramatisch übersteigert. Der 1934 von den Nazis ermordete sozialistische Schriftsteller und Bohemien ersteht in der Lesung des Hamburger Verlegersohns, Schauspielers und Übersetzers zu neuem Leben. Die unsteten Wanderjahre von Erich Mühsam könnten auch auf Harry Rowohlt selbst zutreffen: Die Jahre von 1904 bis 1909 kann ich insofern meine Wanderjahre nennen, als es mir völlig unmöglich ist, ihre Erlebnisse und Begegnungen, selbst nur in der Reihenfolge der Reisen und des Wechsels der Wohnorte, chronologisch aufzuzeichnen. (aus: Unpolitische Erinnerungen, 1927)

     

    Aktueller Gehalt liegt in den Texten des linken Revolutionärs. Das Münchner Überbrettl und das Berliner Café des Westens entstehen zu neuem Leben, die Künstlerstammtische mit ihm könnten noch heute tagen. Die Tinte in Mühsams Reisebriefen ist noch nicht getrocknet. Im zweiten Teil des Abends dann der Bogen von den kabarettistischen Spielereien zu den Betrachtungen und Aufzeichnungen des politisch Geächteten: bedrückend die Festungshaft, die öffentlichen Proteste gegen ihn. Und immer wieder hat Rowohlts Ton die unterschwellige und feinsinnige Lust des Anarchisten Erich Mühsams.

     

    Marx-Bart und Schlemihls Schatten

    Thomas Ebermann, ebenfalls Hanseat, in den 70ern aktives Mitglied im Kommunistischen Bund und 1980 Gründungsmitglied der Grünen mischt Zeitzeugen, Briefpartner, Staatsanwälte ein. Seine Rolle: der knochentrockene Kommentator und Stichwortgeber. Gelegentlich setzt sich der Dialog auch ganz real hinter den Mikrofonen auf der Bühne fort: in Sticheleien. Ebermanns Schattenwurf stört den Vortragskünstler mit der Marxschen Barttracht. Wort- und Schattenspiele folgen und kulminieren frei nach Peter Schlemihls: Wenn du keinen Schatten mehr hättest, müsstest du dir Sorgen machen – in bester Tradition natürlich ohne kennzeichnende Fußnoten. Literarische Spielereien, die die improvisatorische Variationskunst des Leseduos unterstreichen.

     

    Ausufernde Altlasten

    Sorgenfalten höchstens bei den drei Musikern: Knarf Rellöm, Manuel Schwiers (School of Zuversicht) und Frank Spilker (Die Sterne) – oder ihren Zuhörern. Die Geräusch-, Rhythmus-, Toncollagen der Hamburger Punkrocker verharren in eine merkwürdig lähmender Mischung aus dürftiger Provokation gewolltem Understatement und dann wieder längst überholtem »Sponti«-Getue zu Mühsams Gedichten. E-Gitarre und Bass werden in »vollendeter« minimalistischer Kunst bedient. Die Klangergebnisse also eher zufällig, der Textvortrag betont langweilig. Das lässt sich natürlich irgendwie schon als Punk definieren. Die Musik der drei Hamburger Musiker trotzdem nur Versuch – oder vielleicht Abklatsch? – einer extremen Klanglichkeit wie bei den Einstürzenden Neubauten. Auch das Charisma Rio Reisers ganz weit weg.

     

    »Der Bürger speit und hat auch recht./ Er hat Geschmeide gold und echt. –/ Wir haben Schnaps im Bauch./ Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,/ und wer bezecht ist, der erfrecht/ zu Dingen sich, die jener schlecht/ und niedrig findet auch.« – Mühsams Lumpenlied bitterböse Kritik, sozialgeschichtliches Dokument, oppositionelle Querdenkerei. In der Interpretation am Abend unterkühlt, verlegen, ein bisschen »pseudomäßig«. Wenn eine einsame Stimme aus dem Publikum der Frage der Musiker zum Zugabe-Song »Habt ihr Bock auf Krieg?« ein »Nein« entgegenruft, ist das doch im Sinne Mühsams. Wenn der Musiker dann intellektuell ablehnend meint: »Auf diese pazifistische Antwort kann ich nicht reagieren.«, wirkt das – nicht nur in Zeiten von Afghanistan, Sudan, Lybien – nicht nur verstörend, sondern nur daneben. Da kann auch Harry Rowohlt, der in einer Nummer zur Begleitung der drei singt, nur kurzfristig drüber hinwegtäuschen. Mühsam - großartig gelesen, mühsam besungen.

     

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