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Godspeed You! Black Emperor im Berliner Astra Kulturhaus am 20.01.2011

27.01.2011

Das ist und bleibt stimmig

Die kanadischen Godspeed You! Black Emperor haben das, was wir heute unter Post-Rock verstehen, maßgeblich definiert. Nur, um im selben Zug sofort damit zu brechen. 2003 lösten sie sich für unbestimmte Zeit auf. Nach sieben Jahren gingen sie wieder auf Tour und trafen dabei auf ungeheure Erwartungshaltungen. KRISTOFFER CORNILS hat sie in Berlin gesehen und fand sie großartig (konnte sich aber den einen anderen missmutigen Gedanken nicht verkneifen).

 

Ich hab gute acht Jahre auf diesen Tag gewartet. Ich werde Godspeed You! Black Emperor live sehen. Drinnen ein Gewühl von Menschen unterschiedlichster Couleur, überraschenderweise ein Merchstand mit T-Shirts. Für 20 Euro. Früher haben sich GY!BE geweigert, Shirts herzustellen.

 

Im Konzertsaal empfängt mich ein monotones, kratziges Gewaber, es wird nicht lauter, es sind eigentlich nur zwei Töne, die im redundanten Auf und Ab den stockdusteren Raum beschallen. Der Geruch von ungefähr einem Dutzend Joints liegt schon eine halbe Stunde nach Einlass in der Luft und verteilt sich in der verschwitzen Enge. Das Konzert ist restlos ausverkauft. Es dauert, bis die Mitglieder der Band auf die Bühne kommen.

 

»Siehst du was?«, fragt hinter mir jemand seinen Begleiter, als wäre das wichtig. Applaus brandet auf, steigert sich zu einem frenetischen Johlen, als hätte das Konzert nicht schon längst mit der Klangcollage angefangen. Dann, nach einem kurzen, wenig beeindruckenden Intermezzo erklingen die ersten Töne von Storm, dem 22-minütigen Opener des Überalbums Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven. Ich erinnere mich, dass mir einmal ein Bekannter schrieb: »The first five minutes of this song are the best five minutes in music, ever.« Er hat recht, aber viel Leben steckt heute nicht dem Song, er kommt steril rüber, zu glatt, konservenhaft.

 

Gute zwei Stunden spielen GY!BE und ich bin nicht mittels der Musik in einer anderen Welt angekommen. Ich hab einen leichten Schnupfen, ein Zuschauer neben mir stützt ab und zu seinen Arm auf meiner Schulter ab, um Fotos zu machen, na klar: Mit Blitzlicht. Aber das Gefühl ist wieder da, das sich einstellte, vor guten acht Jahren, als ich die ersten Töne von Dead Flag Blues gehört habe. Diese morbide Beklemmung, die sich ebenso in Euphorie auflöst wie sich die dissonanten Melodien in die energetischen Crescendi betten, die nie die befreienden Abschluss, sondern allerhöchstens Brüche erfahren. Das ist und bleibt stimmig, obwohl die Band an diesem Abend nicht immer ganz den Takt hält.

 

Sie enden mit Moya und Blaise Bailey Finnegan III, ihren vielleicht konventionellsten, aber auch besten Songs. Draußen wundere ich mich dann schon: Diese Band, die dafür bekannt war, ihre Songs nie auf dieselbe Art und Weise zu spielen, hat für zweieinhalb Stunden ihre Platten reproduziert und trotz all der Störfaktoren (und biestigen Gedanken zwischendurch): Es war das großartige Konzert einer großartigen Band, wenn man seine Erwartungshaltung zu Hause gelassen hat.

 

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