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Beethovens Neunte im Neujahrkonzert der Münchner Philharmoniker

04.01.2011

»Ihr stürzt nieder, Millionen?«

Es hat eine lange Tradition, Beethovens Neunte Symphonie an Sylvester zu spielen. Von dieser Tradition ist aber nur noch wenig übrig - und das hat verschiedene Gründe. Von BJÖRN VEDDER

 

Schon im 19. Jahrhundert war die Rezeption von Beethovens Opus Nr. 125 stark politisch besetzt. So galt es z. B. im Vormärz als Ausdruck einer »rückhaltlose[n], unbedingte[n] Hingebung an die Menschheit«, als »ächte[r] Socialismus« also, wie Franz Brendel in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift für neue Musik geschrieben hat. Auf die Nachfrage konservativer Kreise, welche Takte denn Beethovens demokratische Denkungsart deutlich machten, konnte freilich nur auf den Text von Schillers Ode an die Freude verwiesen werden (»Alle Menschen werden Brüder«), die Beethoven zum Anlass seiner Komposition genommen und als Chor ihr hintendran gegeben hat. Der flüchtige Reiz der Musik gibt solche Bestimmungen nicht her.

 

Sei’s drum. Gerade dieser Text, der zwar auch Beethoven begeisterte, ihn aber doch bis zum Schluss zweifeln ließ, ob er ihn – und den Chor am Ende – nicht doch besser weglasse, hat es insbesondere den Linken angetan. Nicht, dass nicht auch die Nationalisten in ihrem Bestreben, alle deutsche Kultur, die ihnen doch eigentlich so fern stand, wie der Kuh das Mäuse melken, zu vereinnahmen, dieses »urdeutsche« Stück für sich beanspruchten. Allein, auch sie scheiterten damit am Text. War doch von ihrer Seite die Forderung, dass alle Menschen Brüder seien, mit gewissen Einschränkungen versehen.

 

Der Text schien also die Übertragung der emotional begeisternden Wirkung der Musik nur auf einen »ächten Socialismus« zu zulassen und daran erinnerte man sich während der Novemberrevolution 1918 in Leipzig, die schließlich zur Gründung der ersten deutschen Republik aus dem Freiheitsgeiste eben Schillers führte, der Weimarer. Das Leipziger Arbeiter-Bildungsinstitut jedenfalls organisierte für die Sylvesternacht 1918 eine fortan traditionsbildende Aufführung von Beethovens letzter Symphonie durch das Gewandhausorchester. Man begann erst um 23.00 Uhr, damit zur Jahreswende um Mitternacht die verhungerten Massen dem neuen Jahr ihre Erlösungshoffung entgegen brüllen konnten:

 

Deine Zauber binden wieder,

Was die Mode streng geteilt;

Alle Menschen werden Brüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen Millionen!

Diesen Kuss der ganzen Welt.

Brüder – überm Sternenzelt

Muss ein lieber Vater wohnen.

 

Eine intime Situation

Von diesem sozialen Enthusiasmus war beim Konzert der Münchner Philharmoniker wenig zu spüren. Es waren freilich auch keine verhungerten Massen zugegen, sondern das übliche Klassikpublikum – ergänzt durch ein gewisses Surplus aus elend dreinblickenden Kindern an der Hand ihrer Eltern, Reisebussen aus dem Umland und manch anderen, die dem Gasteig seltener die Ehre geben. Im Foyer etwa erfreute ein Trio blonder Mädchen, nicht mehr ganz frisch, dafür aber stzramm verpackt. Die größte und älteste von ihnen (und es ist übrigens interessant, dass auch bei späten Mädchen die älteren größer sind) fingerschnippte ihre Begleiterinnen mit dem Ruf nach Schampus zum Tresen, alldieweil jene mit ihren Blicken den Raum nach alleinstehenden älteren Herren abgrasten. Am Tresen hatte man die Damen freilich richtig zu verstehen gewusst und ihnen ordinären Prosecco serviert. An der Fähigkeit der Damen zur »rückhaltlosen und unbedingten Hingebung an die Menschheit« oder zumindest einzelne ihrer Vertreter, soll aber nicht gezweifelt werden und so wehte doch noch ein Hauch von Vormärz durch das Gasteig.

 

Die musikalische Aufführung hatte damit wenig zu tun, wenngleich in der Arbeit des Dirigenten Juraj Valcuhas der Versuch ausgemacht werden konnte, an ein wie auch immer geartetes Pathos anzuknüpfen.  Dabei war die musikalische Präsentation äußerst dynamisch und präzise, setzte scharfe Akzente und gab das Stück in sehr raschem Tempo – zumindest lag die Aufführungszeit von ungefähr 65 Minuten, die manchen Besucher verwunderte, der seinen Bus erst auf halb Sieben bestellt hatte, knapp zehn Minuten unter der Furtwänglers von 1951. Diese wiederum ist recht bekannt, weil sie zur Festlegung der Standard-CD-Spielzeit  auf 74 Minuten geführt hatte.

 

Die forcierte Dynamik der Musik im Gasteig wurde getragen von der expressiven Performanz Valcuhas und obwohl Beethovens Neunte eine Symphonie ist, bei der ein Dirigent einiges an Gesten aufbieten kann, bleibt doch die Frage, warum Valcuha so deutlich auf die Tube gedrückt hat.

 

Nun beherrscht ein Dirigent nicht nur das Orchester. In seiner Interpretation des Stückes, das nur als stumme Zeichenfolge, nämlich als Partitur vor ihm liegt, wird er auch zur maßgeblichen Autorität für dessen emotionalen Ausdruck. Richard Sennett hat das in seiner Studie über Verfall und Ende des öffentlichen Lebens für die Mitte des 19. Jahrhunderts eindringlich beschrieben. In seinen Gesten und Gebärden führt der Maestro dem Publikum das emotionale Erleben des Stückes vor. Dieses Publikum ist einerseits von ihm getrennt, indem es nicht selber diese Autorität des Vollzugs hat, anderseits mit ihm verbunden, indem es still in seinen Sitzen nacherlebt, was der Dirigent ihm vorerlebt. So entsteht eine intime Situation zwischen Dirigent und Publikum, die auch Valcuha herzustellen versucht hat.

 

Vom Freiheitspathos gestochen

Allerdings nicht mit dem Erfolg des Dirigenten bei Sennett, der sein individuelles Erleben dem Publikum wie dem Orchester tyrannisch aufzwingt. Vielmehr war ein Bruch zwischen dem Orchesterpodium und den Sitzreihen deutlich zu spüren, der vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass der expressive Enthusiasmus, den Valcuha dem Stück verleihen wollte, im Publikum auf keine Resonanz stoßen konnte.

 

Das hatte vielleicht zuletzt mit dem berühmten Text zutun, dessen Verständnis zudem an den nicht immer optimalen akustischen Bedingungen im Gasteig scheiterte – nämlich daran, dass man die Solisten fast ganz nach hinten gestellt hatte, hinter die akustisch dominanten Bläser und vor den zumindest sie akustisch dominierenden Chor. Und das mag vielleicht auch erst in zweiter Linie an einer gewissen Nüchternheit liegen, mit der heutige Konzertbesucher dem Freiheitspathos der Romantik begegnen. Vielmehr mag Valcuha diese Nüchternheit, so schien es zumindest, im Voraus angenommen haben und wie zum Trotz – in einem entschiedenen »Dennoch« – Begeisterung performativ herstellen gewollt haben, wohlwissend, dass dieses Unterfangen letztlich vergeblich sein wird. Zwischen dem Orchester und seinem Dirigenten und dem Publikum wiederholte sich so ein Verhältnis, das Beethovens Stück in weiten Teilen bestimmt: das Drängen eines begeisterten Ichs und sein Scheitern am Unbegeisterten Nicht-Ich.

 

Tosenden Applaus haben die Philharmoniker und ihr Dirigent freilich trotzdem geerntet. Gerade diese Trennung aufgezeigt zu haben, war das Verdienst ihrer Aufführung. Der Chor sang energisch:

 

Ihr stürzt nieder, Millionen?

Ahntest du den Schöpfer, Welt?

Such‘ ihn über’m Sternzelt!

Brüder über’m Sternezelt

Muss ein lieber Vater wohnen.

 

Doch in den Sitzreihen glaubt man nicht, dass das stimmt. Kein lieber Vater über’m Sternzelt. Vom Orchester aber weht die Erinnerung an ihn herüber. Mich fasst ein längst entwöhnter Schauer – hätte ein anderer Weimarer Dichter gesagt.

 

Und damit hätte er sich beeilen müssen. Denn kaum war der letzte Ton verklungen und das erste Klatschen geklatscht, sprangen zahlreiche Besucher – meist alte, sonst lahme! – wie vom Freiheitspathos gestochen auf. Sie folgten damit der Aufforderung des Chors, der alla marcia singt: Laufet Brüder, eure Bahn, / freudig wie ein Held zu siegen. Schließlich ist das ein Marsch, und wer will schon behaupten, dass er zwangsläufig auf einen Platz im Elysium zielt (oder in ein Heiligtum, das eine himmlische Tochter ihnen öffnete, denken wir an die drei Blondinen) und nicht viel naheliegender auf den ersten Platz in der Garderobenschlange. Zum Glück ist so keiner zum Sylvesterbüffet zu spät gekommen und verhungerte Massen wie seinerzeit in Leipzig blieben München erspart.


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