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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:14

     

    Im Jazzkeller mit Lew Soloff

    20.11.2010

    Wo die Altersmeise zwitschert

    Jazz war stets eine Minderheitenkunst und ist es heute mehr denn je. Wer nach den Perlen sucht, wird kaum in den großen Konzertsälen oder gar in Kongresshallen fündig. Die Rundfunkanstalten haben sich längst, zusammen mit ihrem Kulturauftrag, auch der Pflege des Jazz entledigt und setzen sich dreist über die immer lauter werdende, immer mehr Einverständnis erzielende Klage wegen der Quotenidiotie hinweg, und die Konzertveranstalter interessiert sowieso nur, was möglichst viel Profit einbringt. Die aktuellen Stichwörter heißen „Sponsoren“ und „Idealismus“ - und beide sind eher rar. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Einer der wenigen Orte, wo man unbekümmert um Trends betreibt, was man für richtig hält, ist nun schon seit einem halben Jahrhundert der Jazzkeller in Esslingen, ein Keller fürwahr, feucht und zugig, mit unbequemen Sitzbänken, über die schmale Treppe eines alten Häuschens mitten in der Stadt erreichbar, dem zur Atmosphäre eines Jazzlokals der fünfziger Jahre nur der Zigarettenqualm fehlt. Hier trat nun einer der Giganten des amerikanischen Jazz auf, der Trompeter Lew Soloff. Jazzrock-Fans kennen ihn als langjähriges Mitglied von Blood, Sweat & Tears. Er hat aber mit so ziemlich allen Musikern gespielt, die in den vergangenen fünf Jahrzehnten Rang und Namen hatten, unter anderem bei Gil Evans, den er mehrmals respektvoll erwähnt.

     

    Soloff bevorzugt den brüchigen, spröden gegenüber dem strahlenden Ton der Trompete, aber er ist nicht auf einen Stil festgelegt. Er beherrscht unterschiedliche Spielarten und setzt sie auch ein. So imitiert er in La vie en rose, das im Deutschen so schön Schau mich bitte nicht so an hieß und vom Bassisten der Band teils in lateinamerikanischen Rhythmen arrangiert wurde, Louis Armstrong, und der Geist von Miles Davis schwebt ohnedies, wie sollte es anders sein, über Soloffs Trompete. Oft steuert er der kollektiven Improvisation nur kurze Fragmente bei, verzichtet auf ausgespielte Bögen, doch auch in 2-, 3-taktigen Bruchstücken wirkt der Klang ausgefeilt.

     

    Beziehungssache

    Aber Lew Soloff ist kein Egomane (was im Jazz sowieso tödlich ist). Zur Zeit reist er mit einem Quartett, das nichts zu wünschen offen lässt. Am Klavier sitzt der in New York lebende Franzose Jean-Michel Pilc, am Kontrabass steht sein Landsmann François Moutin, der keinen Moment den Verdacht aufkommen lässt, der Bass sei nur ein Rhythmusinstrument, und am Schlagzeug brilliert der junge Amerikaner Ross Pederson. Soloff hört konzentriert zu, wenn seine Partner improvisieren, und begeistert sich erkennbar, aber ohne Koketterie, über einzelne Passagen.

     

    Acht Stücke und eine Zugabe spielt das Quartett in mehr als zwei Stunden (die Pause nicht mitgerechnet). Es sind Fremd- und Eigenkompositionen, darunter One for Emily für Soloffs geschiedene Frau, ein einfaches, liedhaftes Thema mit gestopfter Trompete, das zwischendurch, als sich der Musiker gar nicht mit seiner Frau verstand, auch Ohne Titel hieß. Im Duo mit Moutin improvisiert Soloff über seine Lieblingsmelodie, Bachs oft verwurstetes Air aus der 3. Orchestersuite. Schmissig wird es bei einem Gil-Evans-Arrangement eines selten gespielten Titels aus Gershwins Porgy and Bess. Von Gil Evans stammt auch das Arrangement von Jimi Hendrix‘ Little Wing, und man könnte meinen, das Stück sei für diese Formation geschaffen worden. Die Lust am Zitieren teilt auch die Gruppe um Lew Soloff. So werden unter anderem Take the „A“ Train oder Aint‘t She Sweet angedeutet, wo sie nicht hingehören.

     

    Wer Lew Soloffs wegen in die Webergasse gepilgert war, kam voll auf seine Rechnung. Aber er konnte zugleich drei Musiker entdecken, die nicht nur, jeder für sich, atemberaubende Soli lieferten, technisch wie musikalisch mehr als nur außergewöhnlich, sondern auch auf einander eingingen und mit unübersehbarer Freude jazzten. Viel Geld wird es ihnen nicht eingebracht haben. Aber den heftigen Applaus eines Publikums, das für Tokio Hotel wahrscheinlich zu alt ist. Ob die Jüngeren wissen, was sie versäumen? Wir lassen den Gesang der Altersmeise erzwitschern, meint Wiglaf Droste. Sei‘s drum. Wir zwitschern weiter. Nur eins: „Swing tanzen verboten“ - keineswegs. Diesen Nazi-Schuh lassen wir uns auch vom witzigen Wiglaf nicht anziehen. Droste, Jahrgang 1961, mag mit der Jugendmeise zwitschern. Wir freuen uns derweilen beim Jazz. Von Lew Soloff zum Beispiel. Der wurde 1944 geboren und sieht noch dazu aus wie ein verschmälerter Adorno.


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