• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:24

     

    Cecilia Bartoli live in Baden-Baden

    12.11.2010

    Wenn Engel singen

    Wir wissen nicht, wie Engel singen, aber das dürfte ziemlich nahe herankommen oder – wer weiß? – es gar übertreffen. Cecilia Bartoli ist ein Stimmwunder ganz eigener Art. Ihr zuzuhören ist jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis, das kaum einen Vergleich zulässt. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Manche Kritiker und auch Kolleginnen der italienischen Sängerin sagen, sie hätte keine „große Stimme“. Mag sein. Aber darauf kommt es überhaupt nicht an. Ein Konzert mit der Bartoli, die sich in den Medien rar macht und auf Schlagzeilen gerne verzichtet, die auch als Entdeckerin und Interpretin vergessener Kompositionen reüssiert hat, liefert stets eine Lektion, dass es beim Gesang nicht auf Lautstärke ankommt, sondern auf die Gestaltung des Tons und der Melodie, auf Ausdruck und Nuancen. Die Philosophie des ECM-Labels, dass seine Musik der schönste Klang nach Stille sei, könnte auch für Cecilia Bartoli gelten.

     

    Dass es nur wenig Mezzosoprane gibt, die sich im Koloraturgesang mit der Bartoli messen können, ist offenkundig. Aber wäre es nur dies, könnte man die Sängerin auch als Zirkuskünstlerin betrachten. Was Cecilia Bartoli so außergewöhnlich erscheinen lässt, ist die vollendete Symbiose von Technik und „Seele“, was immer man darunter verstehen mag. Im Programmheft des Festspielhauses Baden-Baden erklärt uns die Anzeige eines Bekleidungshauses, Stil sei „der äußere Ausdruck einer inneren Harmonie der Seele“. Nun ja. Dass auch die Harmonie der Seele, die man sich gemeinhin „innen“ vorstellt, inner sein muss, ist wohl ein bisschen viel Innerei. Im Zweifel aber ließe sich die Seele in Bartolis Gesang finden.

     

    Man kann es auch „gebändigte Leidenschaft“ nennen oder subtile Expressivität. Wie Cecilia Bartoli einen Ton anschwellen lässt, ihre Messa di Voce ist mehr als eine Angelegenheit der Dynamik. Ihre Stimme ist atemberaubend schön. In den Höhen ist sie ebenso präzise, beherrscht sie das Timbre ebenso genau wie in den Tiefen. Gepresste Töne gibt es da nicht, und der Sängerin merkt man keine Anstrengung an. Die ungeheure Anspannung übersiedelt ganz zum Zuhörer. Die komplette Gefühlsbreite von Zorn, Trauer und Liebesverzückung liegt in diesem Gesang, wird von der Bartoli in Musik verwandelt. Und in den Rezitativen hört, sieht man sogar, wie die Bartoli mit den Göttern und mit irdischen Widersachern hadert.

     

    Magische Einheit

    In Baden-Baden gastierte Cecilia Bartoli diesmal mit einem Händel-Programm, begleitet vom formidablen kammerorchesterbasel unter der Leitung der Konzertmeisterin Julia Schröder, mit dem sie, im Wechsel mit dem Orchestra La Scintilla, zurzeit unterwegs ist. Das Festspielhaus, das so heißt, weil es entgegen der ursprünglichen Planung keine Festspiele gibt, und an dessen Akustik, mit der es sich brüstet, einem leise Zweifel kommen, wenn man bemerkt, dass Karten in der 4. bis 6. oder gar 8. Reihe der dritten Preiskategorie, Karten jedoch in der 1. bis 3. und dann erst wieder in der 11. bis 19. oder 20. Reihe der ersten Kategorie zugerechnet werden, konnte seine rund 2000 Plätze bei nicht eben bescheidenen Eintrittspreisen füllen, es gab am Ende Standing Ovations, massenhaft Blumensträuße von (vornehmlich weiblichen!) Verehrern und den zielgruppensicher platzierten Hinweis, dass am folgenden Tag der Vorverkauf für das nächste Konzert der Cecilia Bartoli, ein neues Vivaldi-Projekt, im Juli des kommenden Jahres beginne.

     

    Weil man in Deutschland nicht nur das Innere, sondern auch die Tiefe liebt und einem Regisseur verübelt, wenn er eine Shakespearsche Komödie als Komödie inszeniert, wurde der Wettkampf zwischen Händel und Bach längst zugunsten des Letzteren entschieden. Nun ist Bach zweifellos der mehrseitige und der komplexere von den beiden Zeitgenossen. Aber der dramatischere im doppelten Sinne ist Händel allemal. Den Vorwurf des Mechanischen, den man Bach – zu Unrecht – gelegentlich gemacht hat, kann einem bei Händel gar nicht in den Sinn kommen. Auch ein Konzert mit Cecilia Bartoli führt einen geradewegs auf die Opernbühne, für welche die hier ausgewählten Arien geschrieben wurden. Und wenn sie als eine der Zugaben ihr „Lascia la spina“ im Pianissimo vorträgt, dann ist das einer der magischen Momente, in denen Komposition und Interpretation eine unauflösliche Einheit bilden und aus der Zeit – ja wohin bloß? – entführen. Da versagt die Kritik und die Schwärmerei erscheint als einzige mögliche Reaktion.


    Flattr this

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Nachgereichtes Wunder

    Dank eines Deals der Künstlerin mit Domino Records bekommen nun auch hiesige Fans die Möglichkeit, dieses im Frühjahr erschienene ...

    Heiße Ausgrabungen

    Lassen sie sich entführen in die Zeit des frivolen Chansons und des Schurken-Schlagers oder heben sie ab mit Space-Age-Psych-Beat. Mit Major TOM ASAM.

    Kühle braune Zwerge und Würzpaste

    Der Mann wird in wenigen Wochen 70, seine Arbeit entzieht sich immer mehr irgendwelchen Kategorien – und die Kritiker überschlagen sich. TOM ASAM über das ...

    Glam, Mathe und Lethargie

    Glam-Rock-Epigonen, verfrickelte Post-Punks und Im-Bett-Gebliebene: Hauptsache interessant! Findet KRISTOFFER CORNILS – und nimmt im vierten Teil seiner ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter