TITEL kulturmagazin
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Sonnenrot Festival in Eching

22.07.2010

Life is Live!

Auf der Suche nach dem perfekten Musiksommer

 

Hat man erst mal ein paar Jährchen Livemusik erlebt, wird es schwieriger, in Begeisterung auszubrechen, nur weil ein paar Rotzbengel die Bühne entern. Von TOM ASAM

 

Das hat mehrere Ursachen. Nur eine ist die bis hier bereits herauslesbare Nörgeligkeit der Faltigen vor der Bühne. Im Sinne von: „Ach des is ja gar nix, des ham ja (Band einsetzen) vor (zweistellige Zahl einsetzen) Jahr´ scho besser g´macht!“ Natürlich besitze ich diese Besserwisserei in gewissem Maße auch. Aber ich gehöre definitiv nicht zu denjenigen, die behaupten, es gäbe keine gute Musik mehr und „früher war noch alles handgemacht und ehrlich!“ Und was die technische Umsetzung eines Livekonzertes anbelangt, muss man einfach zugeben, dass heute ein durchschnittlicher Juze-Gig besser gemischt und ausgesteuert  ist als ein mittelgroßes Konzert vor 25 Jahren. Aber neben einem Abnutzungseffekt nach geschätzten 847 live verfolgten Gitarrenbands, kommen andere Faktoren hinzu, die einem in einem gewissen Alter die Begeisterung erschweren. Klar, der Rücken tut nach einer Stunde `Rumstehen weh und Stagediving bzw. das Mitmischen im Moshpit müssen vorab mit der Krankenkasse abgesprochen werden. Von Tinnitus-Erfahrungen ganz zu schweigen.

 

Publikum mit Spaß an der Selbstinszenierung
(c) Tom Asam Publikum mit Spaß an der Selbstinszenierung
(c) Tom Asam

Hinzu kommen die dünner werdenden Nervenstränge, die vor allem mit neuen Ritualen des Publikums nicht mehr klar kommen. Gedrängel und warmes, überteuertes Bier aus Plastikbechern sind nichts Neues. Aber das Bühnengeschehen in den Displays der elektronischen Geräte der Gäste vor einem betrachten zu müssen ist definitiv lästig und lächerlich. Zudem scheinen viele Jüngere Konzertbesucher (zumindest in München) in erster Linie zu kommen, weil irgendwer behauptet hat, die Band wäre hip – oder es wäre hip irgendeine Band in dem speziellen Club zu sehen. Und so was behauptet heutzutage eigentlich ständig irgendwer! Während sich eine Band früher jahrelang den Arsch abspielen musste, um vom Pub-Gig in die mittelgroße Halle aufzusteigen oder auf einem anderen Kontinent aufzutreten, genügen heutzutage oft ein paar Mausklicks oder der Werbevertrag - der unterzeichnet wird, bevor man ein Studio von innen betrachtet hat!

 

Jede Woche werden unzählige neue Sauen durch die Dörfer der Musikwelt getrieben. Das Publikum ist zwangsweise übersättigt, die Aufmerksamkeitspanne kurz. Da wird bei der Ankündigung des nächsten Songs kreischend gejubelt, als würde Bob Dylan einen selten im Set stehenden Song erstmals seit 37 Jahren wieder live spielen – bei einer Newcomerband, die ihr Debutalbum in der Vorwoche veröffentlicht hat und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nichts anderes darbieten wird als das, was darauf zu hören ist! Hat die Band dann den ersten Akkord angespielt, unterhält man sich bis zum Ende des Songs über das neue Intimpiercing, um am Ende des Songs seiner Begeisterung in exakt jener Form Ausdruck zu verleihen, die man - wie auch die Playlist der Tour - online einstudiert hat.

 

(c) Tom Asam (c) Tom Asam

Festivals mit überschaubaren Besucherzahlen in angenehmer Umgebung!

Sie sehen, der Autor dieser Zeilen befindet sich in der Zwickmühle. Einerseits deutlich genervt, andererseits immer wieder auf der Suche nach diesem Moment, in dem Band und Publikum eins werden und die Zeit-Raum-Wahrnehmung aufgehoben wird. Das passiert immer wieder mal, aber wann weiß man vorher nicht wirklich. Das ist wie bei einem richtig packenden Fußballspiel, für das man 50 mäßige bis grottige Kicks über sich ergehen lassen muss. Aber es gibt Wahrscheinlichkeiten! Da der richtige  Kick bei einem „Event“ wie dem Rock am Ring genauso ausgeschlossen ist, wie im Stadion bei der Fifa-WM, und der durchschnittliche Club-Gig (vor allem bei Saunabedingungen) in letzter Zeit eher nervte (siehe oben), bleibt für die Sommerzeit eigentlich nur folgende Option: Festivals mit überschaubaren Besucherzahlen in angenehmer Umgebung!

 

Feuerwehr löscht Publikum
(c) Sonnenrot Feuerwehr löscht Publikum
(c) Sonnenrot

Das Sonnenrot Festival fand 2004 erstmals 30 km südlich von München auf einer wunderschönen Waldlichtung statt. Mit dem Umzug nach Eching im letzten Jahr ist es für die Münchner jetzt noch näher, die geniale Verkehrsanbindung an der A9  macht die Anreise aus allen Himmelsrichtungen auch aus dem weiteren Umland zum Kinderspiel.  Die Location: genial! Festivalgelände, Camping, Parklplatz und Badesee liegen unmittelbar nebeneinander. Das Bewegen zwischen den verschieden Arealen ist aufgrund der übersichtlichen Besucherzahlen (ca. 6000) und geräumigen Checkpoints kein Problem. Parken, Bändchen holen…alles klappt, die Sonne scheint, was soll noch schiefgehen? Erste Herausforderung: Die Sonne scheint fast schon zu viel! Bei 37 Grad im Schatten kauern sich die Besucher in die wenigen Schattenbereiche um die Stände auf dem Festivalgelände. Dieses bietet zwei Bühnen, namentlich East- bzw. West-Stage, die zu meiner Verwunderung  im Winkel von etwa 90° zueinander stehen. Der versprochene Wasseranschluss ist noch nicht installiert (die Freiwillige Feuerwehr ist Freitag Mittag wahrscheinlich beim kollektiven Weißwurstfrühstück).

 

"Einmal Hamburger, bitte!"
(c) Sonnenrot "Einmal Hamburger, bitte!"
(c) Sonnenrot

Nachdem Anajo mit ihrem absolut passenden Gute-Laune-Sommer-Sound viel zu früh auf die Bühne müssen, ist es aufgrund des durchwachsenen Nachmittagsprogramms und der Hitze Zeit für einen ausgiebigen Badeausflug. Erfrischend und erheiternd: Ein Grüppchen um einen Rainer von Vielen spricht über die Konkurrenz aus Augsburg doch glatt als „Analo“ – pfui aber auch! Bis zum Sonnenuntergang gehört der Tag dem gut gelaunten, sich selbst am meisten feiernden Publikum. Solide Leistungen von Get Well Soon und Kilians lassen die Dauerlangweiler Stereophonics vergessen. Erstes Stimmungshighlight ist die aufpolierte Pogues/Dubliners-Variante der Iren Flogging Molly. Da 2Raumwohnung und Jan Delay nicht zu meinen Favoriten gehören, mache ich mich nach drei Songs ersterer vom Acker, um trocken und seniorengerecht im Schoße der Großstadt und des Komforts zu nächtigen. Ich verpasse einen vom Gewitter unterbrochenen Jan Delay vor behuteten Jungs und Bikini-Girls und ein nächtliches Special von den Donots.

 

Abwarten und Biertrinken - oder?

Zu den österreichischen Berlinern von „Ja,Panik“ bin ich am Samstag zurück. Die Meute ist vom Schlafmangel gezeichnet, hat aber nicht den Spaß an der Selbstinszenierung verloren. Wilde Verkleidungen, Abklatschen mit Fliegenklappen, fiktives Seilhüpfen...alles easy! Bis zum lange erwarteten Hammer-Finale mit Bonaparte ,Tocotronic, Notwist und Maximo Park heißt es „abwarten und Bier trinken.“ Bloß kann man das, was die Sponsoring-Partner da als bierhaltige Brühen anbieten, nicht wirklich genießen. Der einzige Stand mit einheimischen Bier bekommt´s mit der Zapfanlage nicht gebacken – und die Idee, Weißbier in 0,4 Liter Plastikbechern zu verkaufen ist auch bescheuert. Der Hinweis eines Besuchers, es sei doch alles Kommerz, da man eigene Getränke nicht mal im Tetrapak aufs Gelände mitnehmen dürfe, die bierähnlichen, ähh, Köstlichkeiten hingegen sogar in Dosen zu erwerben seien, kontert ein Security-Mann völlig ironiefrei: „Na! Da geht’s  ehrlich g´sagt nur um´s Geld!“

 

Also weiter: Lalalalalalala-Singen mit den sympathischen Schweden von Friska Viljor, Luftgitarre spielen mit dem  Edelarschloch-Rocker Danko-Jones („I hope it will rain for the rest of the day!“) und mächtig viel Spaß mit den großartigen WhoMadWho! Ruhig bleiben (doch ein holländisches Pissbier?) bei den unsäglichen DUNE (Showtalent und gute Stimme beim Sänger, allerdings wirken die zu 117,3% bei den führenden Metalshoutern der 80ern abgekupferten Gesten im Kontrast mit Aha-Frisuren ebenso wie die sinnlos aneinandergereihten Sound-Brocken nur peinlich) und den völligen Ideenlosen The Sounds. Deren Aufguss aus 90er-Jahre-Mainstream-Pop-Plattitüden wird nicht besser durch eine in Hotpants und Highheels durch die Gegend staksende Blondine am Mikro! Zugegeben: beide Bands kommen ganz gut an! Dann endlich Bonaparte und somit auf der Bühne auch mal soviel Spaß am Verkleiden und Scheiße bauen, wie davor! Ein kurzweiliges Livespektakel! 

 

Noch scheint die Abkühlung nicht weiter zu stören ... (c) Frankenberger Noch scheint die Abkühlung nicht weiter zu stören ... (c) Frankenberger

Doch dann wird Danko Jones´ Fluch wahr, der Regen kommt - und geht nicht mehr. Ausgerechnet jetzt kühlt es zum ersten Mal seit Wochen richtig ab. Bevor Toco die Bühne entern, ist die Hälfte des Publikums geflohen. Die Poeten unter den deutschen Gitarrenbands liefern eine gewohnt solide Leistung ab und spielen zur Freude der Fans auch den ein oder anderen älteren Song. Doch nicht alle zeigen sich zufrieden: „Die sind so blöd, nicht mal meinen Lieblingssong spielen die Deppen. Ich verbrenn´ alle CD´S!“ schreit ein der Hysterie nahes Mädel im strömenden Regen immer wieder vor sich hin. Doch einziger wirklicher Anlass zum Unmut ist der Dauerregen, der mittlerweile auch die zweite -vermeintlich regenfeste- Garnitur durchnässt hat. Da bleibt leider für reifere Schönwetter-Rocker nur der Rückzug. Fazit: gemütliches, kommerziell ausgerichtetes Festival in (fast) perfektem Gelände mit entspanntem Personal und ebensolchem – über wiegend sehr jungem – Publikum. Die relativ breite Stilbreite der Bands verhindert szenige Uniformierungen aber auch die ganz große Begeisterung vor der Bühne. Nächstes Jahr noch besser mit durchgehend Sonne und einem regionalen Bieranbieter mit fähigem Ausschankpersonal!


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