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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 14:06

    Vom Jazzopen in Stuttgart

    30.07.2009

    Inner- und außerhalb der Nische

    Die Veranstalter von Jazzopen waren diesmal demonstrativ entschlossen, mit ein paar Großen des Jazz Flagge zu zeigen. Daneben setzt man in Stuttgart auf Bewährtes.
    Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Nehmen wir zur Kenntnis: Jazz, jedenfalls im größeren Rahmen, trägt sich ökonomisch nicht mehr. Die Verluste, die das Stuttgarter Theaterhaus heuer bei seinem ambitionierten Osterjazzfestival einfuhr, waren doppelt so hoch wie vorauskalkuliert. Private Veranstalter treten die Flucht nach vorne an, zu den erfolgreichen Namen der Popmusik. Montreux hat’s vorgemacht, die anderen ahmen es nach. Man darf noch von Glück sprechen, wenn der Popanteil nicht allzu flach ausfällt und der Jazz daneben nicht ganz in der Versenkung verschwindet. Mit einer Geringschätzung der Popmusik hat das, wie deren Verteidiger mit der Arroganz der Verächter von „Hochkultur“ behaupten, nichts zu tun. Man darf aber darauf bestehen, dass Pop und Jazz zwei Kunstformen mit ihrer je eigenen Daseinsberechtigung sind, dass Pop, weil in den meisten Ausprägungen schlichter und leichter konsumierbar, verkäuflicher ist als Jazz und dass das weniger Verkäufliche nicht vollends dem Profitablen geopfert werden soll. Nur darum geht es: um die Erhaltung einer bedrohten Spezies.

    Es gibt auch eine latente und manchmal manifeste Aggressivität von Rock-Fans gegenüber dem Jazz, die das wohlfeile Argument des Erfolgs zu seinen Gunsten bucht und sich zugleich, ähnlich wie der Jazz einst gegenüber der „Klassik“, aus einem Minderwertigkeitskomplex speist. Als schlösse das eine das andere aus. Als könnte man nicht Rock, Jazz und, jawohl, Klassik gleichermaßen lieben und genießen. Bedauernswert, wer meint, sich entscheiden zu müssen. Nicht einmal das soziale Argument sticht mehr. Besucher eines Rockkonzerts, die mehr als 100 Euro an der Kasse abgeben, sind nicht weniger „bürgerlich“ als die Hörer von Klassik Radio, und es gibt sicher mehr vom englischen Königshaus geadelte Rockmusiker als Jazzer.

    Kleine diskriminierte Minderheit

    Die Veranstalter von Jazzopen waren diesmal demonstrativ entschlossen, mit ein paar Großen des Jazz Flagge zu zeigen. Für Sonny Rollins oder McCoy Tyner würden viele Fans der strengen Abteilung eine längere Anreise in Kauf nehmen. Avantgarde ist das nicht, aber immerhin kommt die Jazzgeschichte da zu ihrem Recht. Daneben setzt man in Stuttgart auf Bewährtes. Mit Lenny Kravitz und Joe Jackson ging man kein Risiko ein. Die waren eben erst, vor einem Jahr im gleichen Rahmen, Zugnummern. Man kann sie schon gut und gern alle Jahre wieder hören. Freilich: manch Andere, die noch nicht da waren, sähe man gerne auch. Es hat keinen Sinn, gegen die Mischkalkulation anzumotzen. Sie bringt zumindest in die Stadt, was ohne sie nicht käme. Jedenfalls so lange nicht, wie die öffentliche Hand und die öffentlich-rechtlichen Anstalten sich ihren Verpflichtungen zu einer angemessenen (finanziellen) Jazzpolitik entziehen. Ginge man mit dem Sport so um wie mit dem Jazz, würde man die nächsten Wahlen nicht überleben. Die Jazzgemeinde ist eben eine kleine diskriminierte Minderheit ohne lautstarke Lobby.

    Nehmen wir also die Realität zur Kenntnis. Man muss deshalb ja noch nicht über jedes Mittelmaß in Euphorie und eine superlativische Stammelsprache verfallen, wie das manche Berichterstatter tun, als wollten sie sich für das Catering in abgegrenzten Zonen revanchieren. Joe Jackson etwa hat jedes Lob verdient, zumal nach einer amateurhaft lätscherten Vorgruppe, deren Sänger die Ansagerin nach einer Stippvisite bei YouTube, der Hauptinformationsquelle heutiger Popexperten, eine „sexy Stimme“ attestierte und der das freundliche Publikum dennoch vernehmlich Beifall spendete; ein Publikum, das brav von seinen Sitzen aufsteht, wenn man es dazu auffordert, und die Behauptung, das Jazz-und-Pop-Publikum sei nonkonformistisch, in den Bereich der Legenden verweist.

    Anheizerin als Wetterfrosch

    Joe Jackson aber: welch eine Power, welch eine rhythmische Präzision, welch eine musikalische Bandbreite (da hätte sich die Vorgruppe etwas abschauen können). Er ist kein bisschen gealtert, jedenfalls nicht in seiner Musik zwischen Rock und Jazz, und er hat es nicht nötig, eine Schau abzuziehen. „The man does ist“, heißt es unübersetzbar im englischen Idiom. Genauer: er tut’s mit zwei Begleitmusikern aus frühen Tagen nur, die zusammen mit Jackson hinter dem Steinway ohne Mühe eine größere Band ersetzen. Einen Joe Jackson lassen wir uns sehr wohl auf einem Jazzfestival gefallen, auch wenn er im Plattenladen unter Rock eingeordnet sein mag – gerne auch im nächsten Jahr. Und dann bitte, wie er es wünscht, ohne Ansage. Ein Joe Jackson braucht keine Stimmungsmacherin, die, mit gut sichtbaren Täfelchen ihres Radiosenders in der Hand, als hätte sie eine Talkshow zu moderieren, das Publikum dafür lobt, dass es auch bei warmem Wetter klatscht, nachdem sie es im vorausgegangenen Jahr für seine Standhaftigkeit gegenüber dem Regen gepriesen hatte: die Anheizerin als Wetterfrosch.

    Lenny Kravitz, der mit seiner hervorragenden Band, in Hörschäden verursachender Lautstärke, jenen unverfälschten Rock bot, den man von ihm erwarten durfte, muss an den berühmten Satz aus Schillers Wallenstein gedacht haben, als er auf Anna F. als Vorprogramm bestand: „Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.“ Die Wiener Gruppe wäre ein achtbarer Anwärter für den Trostpreis bei einem Nachwuchswettbewerb. Den Rest gab ihr die Akustik, die den Verdacht nahe legte, dass das Wort „Halle“ sich von „Hall“ ableitet. Bei Kravitz himself schienen Überraschungen unerwünscht. Was freilich den Kritiker der Stuttgarter Zeitung im vergangenen Jahr zu unverhohlener Begeisterung hinriss, erscheint seinem Kollegen heuer im gleichen Blatt nur „abgeschmackt“: „Diese Show war ausgebufft und abgezockt, der Mann weiß, wie er sich und sein Charisma am besten verkauft. Das ist's.“ Was da „ist“, war 2008 fast aufs Haar ebenso. Ja was denn nun? „Ein einziges Fest“ oder „ausgebufft“? Es kommt nicht darauf an. Dem einen gefällt’s, dem anderen nicht. Der objektive Aussagewert solcher Kritiken entspricht der Behauptung: Kutteln schmecken gut. Die bekannten Hits von Lenny Kravitz wurden jedenfalls mit Jubel begrüßt, und wiederum hielt das individualistische, die Massengesellschaft verabscheuende Publikum artig die Feuerzeuge hoch, sobald es dazu aufgefordert wurde. Als Lenny Kravitz sich unters Publikum mischte, berührten ihn junge Mädchen, als wäre er ein wundertätiger Jesus, und kreischten wie in den Tagen der frühen Beatles und Rolling Stones. Die Grenzen zwischen Begeisterung und Hysterie sind da schwer auszumachen. Schwerer jedenfalls als die Grenzen zwischen Rock und Jazz, deren letzterer nicht allein dadurch ins Unrecht gesetzt wird, dass er, was die einen bedauernd, die anderen höhnisch vermerken, „Nischenmusik“ ist.

    Auch die Fans von James Morrison wollten offenkundig die Hits hören, deren Texte sie mitmurmeln konnten, und der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass es nicht allein die musikalischen Qualitäten sind, die beim überwiegend weiblichen Publikum des 25-jährigen die Augen zum Leuchten brachten.

    Faithfull enttäuschte

    Wer an der Improvisation als unverzichtbarem Bestandteil des Jazz festhält, der kam beim 78-jährigen Sonny Rollins auf seine Rechnung. Und wenn da manche an der Aktualität des Jazz zweifeln, wüsste man gerne, was daran weniger „heutig“ ist als an einem Händel-Konzert von Cecilia Bartoli oder einem Klavierabend von Lang Lang. Gegenüber den 5-Minuten-Stücken der vorausgegangenen Rockkonzerte konnte sich hier im 20-Minuten-Format etwas entwickeln. Dabei fand Sonny Rollins in Clifton Anderson einen kongenialen Partner. Der Posaunist erinnert an J. J. Johnson, von dem auch ein Titel auf dem Programm stand, aber, vor allem in der Intonation, auch an Urbie Green. In dem Calypso „Don’t Stop the Carnival“ durfte sich der Perkussionist Victor Y. See Yuen mit einem fulminanten Solo auf den Congas profilieren. Und der Drummer Kobie Watkins, der mit seinen Grimassen Art Blakey selig überbot, war sowieso von Anfang bis Ende ein Erlebnis. Wer da glaubt, es gebe bei den Schlagzeugern keine großen Unterschiede, sollte ihm mal genau zuhören. Dagegen fielen der Gitarrist Bobby Broom und der an sich lange bewährte Bassist Bob Cranshaw etwas ab. Nach dem Stück von J. J. Johnson applaudierte Sonny Rollins gen Himmel, um jenen zu danken, die sich um den Jazz verdient gemacht und ihm so viele schöne Kompositionen geschenkt haben, wie Coltrane, Miles Davis und Thelonious Monk. Er ist einer von ihnen, aber zum Glück lebt er noch und spielt wie ein Gott. Wie ein Gott des Jazz, wohlgemerkt.

    Bei Brian Auger stellt sich die Frage „Rock oder Jazz?“ in der Tat nicht. Der legendäre Hammond-Organist, der einst zusammen mit Julie Driscoll Rockgeschichte schrieb, ist von dem Jazzer Jimmy Smith nicht weiter entfernt als von dem Deep Purple-Kollegen Jon Lord. Sein Oblivion Express ist ein Familienunternehmen. Zur Tochter Savannah (voc) und zum Sohn Karma (dr) kommt lediglich Andreas Geck am E-Bass. Aber Star des Quartetts ist natürlich Brian Auger, ein Virtuose auf seinem Instrument, voll von Einfällen und Energie.

    Dann die große Enttäuschung: Marianne Faithfull. Nach dem verschwitzten Brian Auger im Buschhemd – eine biedere Dame am Notenpult, deren Band im Hintergrund fade Arrangements herunterspielt. Das ist Musik wie ein lauwarmes Fußbad. Wie sie Randy Newmans makabre Peter-Kürten-Ballade „In Germany Before The War“ interpretiert, eingeleitet mit der Melodie von Kurt Weills „Moritat“ aus der „Dreigroschenoper“ auf der „singenden Säge“, ist Geschmackssache. So weit, so schlecht. Wäre da nicht Faithfulls Stimme, die immer noch zu faszinieren vermag. „Bilden Sie sich ein, dies sei ein Nachtclub“, ruft sie dem Publikum in der Halle zu. Vielleicht ist das das Problem. Dort hätten ihre Songs möglicherweise hingepasst und auch Wirkung entfaltet.

    Erstmals in neuer Halle

    Und dann, tags darauf: deutlich übergewichtig sitzt er im roten Glitzeranzug auf einem Thron in der Mitte der Bühne und singt, während ihm eine seiner zahlreichen Enkelinnen den Schweiß von der Glatze abtrocknet: Solomon Burke, eine Legende des Soul, die – man glaubt es nicht – als Opening Act zu Joss Stone angekündigt ist. Eine Stimme wie ein Junger, Akribie des Rhythmus, Meisterschaft der Phrasierung: das ist in höchstem Maße artifiziell und, jawohl, kommerziell, aber es ist ohne den Blues, aus dem es entsprossen ist, nicht denkbar. Joss Stone danach, gewiss, hübsch anzuschauen, aber man fragt sich, ob es noch Wertmaßstäbe gibt, wenn sie und nicht Solomon Burke als der Star gilt. Die Musikindustrie musste sie erfinden, als zu befürchten war, dass sich das Ablaufdatum für Norah Jones nähern könnte. Jeden Tag neue Schlagzeilen, eine respektable Stimme durchaus, aber auch nicht mehr. Solomon Burke, das konnte man in Stuttgart überprüfen, spielt in einer anderen Klasse.

    Erstmals ist das Jazzopen – notgedrungen – in die neue Messe am Flughafen ausgewichen. Die Halle, die bis zu 8.500 Zuschauern fasst (theoretisch sogar bis zu 13.500), war meist nicht zu füllen. Dafür setzt sich allmählich im öffentlichen Bewusstsein fest, dass mit der Open-Air-Bühne am Mercedes-Benz Museum, die 1000 Besuchern Platz bietet, ein fast idealer Ort für solche Veranstaltungen gefunden wurde – vorausgesetzt das Wetter spielt mit. Und wenn nicht, hat unsere Ansagerin immerhin etwas zu plappern.

    Technik ist bloß die halbe Miete

    Auch heftiger Regen konnte das Konzert nicht verhindern, bei dem auf John Scofield Lee Ritenour folgte, zwei prominente Gitarristen, beide in Quartettformation. Und so hatten die unverzagten Zuhörer in den hellblauen und roten Plastikponchos Gelegenheit, zu vergleichen. Technisch sind beide Amerikaner perfekt. Aber die Technik allein ist bloß die halbe Miete. Während Scofield mit einem Programm von Gospelmelodien nicht nur improvisatorisch, sondern insbesondere auch klanglich atemberaubende Girlanden flocht und aus dem Augenblick heraus zu experimentieren schien, strahlte Ritenours Spielweise, die die Werbung (und die Ansagerin, versteht sich) „kalifornischen Sunshine-Sound“ nennen, eine seelenlose Oberflächenglätte aus. Für einen Jazz, bei dem man aufhorcht, den man, würde diese Musik im Fahrstuhl übertragen, bewusst wahrnähme, sorgte Patrice Rushen an den Keyboards, bescheiden am linken Bühnenrand, aber konzentriert und präsent eben durch den Erfindungsreichtum ihrer Musik. Während man bei Ritenour bei aller Geläufigkeit oder gerade deswegen den Eindruck von Routine nicht verscheuchen kann, registriert man bei Scofield die Vielfalt der Anregungen, die er im Lauf seiner Karriere verarbeiten durfte. Wer George Benson solchen Gitarristen wie John Abercrombie, Terje Rypdal, Pat Metheny oder Larry Coryell vorzieht, wird freilich auch hier auf Lee Ritenour gewartet und John Scofields Quartett für eine Vorgruppe gehalten haben.

    Fragt sich, ob man angesichts der Schwierigkeiten beim Kartenverkauf gut beraten ist, wenn man Konzerte gleichzeitig statt hintereinander ansetzt. Wer Joe Jackson hören wollte, musste auf Joshua Redman verzichten. In den besten Jahren des Berliner JazzFests haben Liebhaber dieser Musikgattung gerne vom Nachmittag bis 4 Uhr früh diverse Darbietungen angehört. Sie überschnitten sich lediglich mit dem Total Music Meeting, dem Free Jazz von FMP, der mit Absicht so programmiert war: Man verstand sich als radikale Alternative zum Mainstream, mit dem man nichts zu tun haben wollte. Dass der in Stuttgart nicht vorkommt – muss man es noch betonen? Für einen Brötzmann oder einen Schlippenbach gibt es da nicht einmal eine Nische. Schlippenbach bekam zwar vor zwei Jahren den SWR-Jazzpreis. Wer ihn aber hören will, muss nach Vancouver oder Oslo fliegen.

    Fotos: www.jazzopen.com.

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