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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 06:44

    Raphael in Bilbao

    28.11.2012

    Verteidigung des Schlagers

    Klar, man kann sagen: der Schlager geht musikalisch über das kleine Einmaleins der Harmonielehre nicht hinaus, seine Texte haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun, er ist ein konservatives Genre, das ablenkt von den politischen Notwendigkeiten. Und das stimmt sogar. Aber man kann im Schlager auch eine moderne Form der urbanen Folklore sehen, eine reduzierte Kunstform, in der sich jene Schichten wieder finden, denen die Segnungen einer kulturellen Bildung weitgehend vorenthalten wurden. Etwas muss schon dran sein, wenn im ausverkauften Arriaga-Theater von Bilbao drei Generationen mehr als zwei einhalb Stunden ohne Pause dem Sänger Raphael zujubeln. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Raphael ist 69 Jahre alt und seit 50 Jahren im Geschäft. Auch äußerlich ähnelt er ein wenig dem im gleichen Jahr geborenen belgischen Kollegen Adamo. Sein Repertoire ist typisch für den spanischen Schlager der vergangenen Jahrzehnte, aber er singt auch Volver von Carlos Gardel oder Gracias a la vida von Violetta Parra, und in manchen seiner Lieder nähert es sich dem Chanson eines Jacques Brel oder eines Gilbert Bécaud. Auch deren Pathos und Sentimentalität beherrscht er.

     

    In den fünfziger Jahren wurde der Schlager vom Rock ins soziale Abseits gedrängt und der Verachtung preisgegeben. Der Rock beanspruchte Authentizität. Bei genauerer Betrachtung erweist auch er sich in den meisten Fällen als Pose. Der Schlager benennt zwar die großen Gefühle, aber er hat niemals vorgegeben, Ausdruck des wirklichen Lebens zu sein. Gerade darin könnte seine Stärke liegen. Auch die Show von Raphael, der im Übrigen nach wie vor über eine kraftvolle, biegsame Stimme verfügt, ist perfektionierte Künstlichkeit.

     

    In einer Zeit, da das Theater zunehmend auf Artifizialität verzichtet und die Gesellschaft eins zu eins abbilden möchte, verteidigt die Trivialkunst paradoxerweise, was Theater einst ausmachte: die Überschreitung der Erfahrungswirklichkeit. Zugespitzt könnte man sagen: das Konzert von Raphael ist der Deklamation des klassischen Theaters näher als das postnaturalistische Theater auf den Bühnen und bei den freien Gruppen der Gegenwart.

     

    Flucht vor der Wirklichkeit? Vielleicht ist es das. Vielleicht aber beweisen die Großmütter und Enkelinnen, die Raphael applaudieren mehr Kunstverstand als seine Verächter. In der »Flucht vor der Wirklichkeit« ist stets auch die Alternative zu ihr, die Utopie mitgedacht. Die Kunst kann sie in ihrer Sprache der Verfremdung ahnen lassen.

     

    Foto: AICH28

     Lizenzen: CC BY-SA 3.0 BY-SA 2.5 BY-SA 2.0 BY-SA 1.0

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