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    Freitag, 26. Mai 2017 | 09:27

    Live-Konzert: Wayne Shorter Quartet

    25.07.2012

    Von der Ernsthaftigkeit des Jazz

    Ein Gigant des modernen Jazz war hier: nicht in einem großstädtischen Konzertsaal, nicht in einem der verbliebenen Jazzkeller, die tapfer gegen die Aushungerung durch die keineswegs generöse öffentliche Hand ankämpfen, auch nicht bei einem Festival unter freiem Himmel, sondern im entlegenen Neckarsulm, in einer jener architektonisch auffälligen Mehrzweckhallen, mit denen sich die Nobelmarken der Autoindustrie neuerdings ihr Denkmal setzen. So findet zusammen, was nicht zusammengehört: die Musik, die aus den Slums kam, und das gepflegt nüchterne Ambiente einer Einrichtung, die Kultur zur Imagepflege fördert und Luxuskarossen zur Kassenpflege verkauft, und mit der der verdienstvolle Jazzclub Cave 61 aus Heilbronn kooperiert. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Und dennoch fanden die Fans – nicht gerade massenhaft, wie bei Andy Borg, aber doch in beachtlicher Zahl (hätte man das Konzert im 50 Kilometer entfernten Stuttgart beworben, wären es mehr gewesen) –, dennoch fanden die üblichen Verdächtigen den Weg in die Industriewüste, unweit jenes von der Autobahn aus den Horizont beherrschenden Kraftwerks, das vergleichsweise jede Windkraftanlage wie eine kunstvolle Skulptur erscheinen lässt. Denn Wayne Shorter, der demnächst 79 Jahre alt wird, war begehrter Partner von, unter anderem, Art Blakey und Miles Davis und Mitbegründer der legendären Jazzrock-Formation Weather Report.

     

    In Neckarsulm trat er mit zwei Mitgliedern seines aktuellen, schon seit mehr als zehn Jahren bestehenden Quartetts auf, mit dem Pianisten Danilo Pérez aus Panama und dem New Yorker Bassisten John Patitucci. Der Schlagzeuger Brian Blade, wegen Unsicherheiten bezüglich der Tournee anderweitig verpflichtet, wurde durch den erfahrenen Spanier und alten Kompagnon von Danilo Pérez Jorge Rossy ersetzt, der ein wenig wie Ringo Starr aussieht und sich ebenso unaufdringlich wie fantasievoll in das Quartett fügte.

     

    In einer gut eine Stunde dauernden unterbrechungslosen Folge von Titeln unterschiedlichen Charakters, von der intellektuell introvertierten Sorte bis zum Funk, verzichtet Shorter auf weit ausholende Improvisationen, auf lange Ausschweifungen. Er beschränkt sich weitgehend auf kurze, fast aphoristische Einschübe, die wie Fragmente wirken. Eine Reverenz an den Miles Davis von Bitches Brew, jenem revolutionären Album von 1970, an dem auch Wayne Shorter beteiligt war? Nur zwei, drei Mal und dann bei den Zugaben gibt er, auf dem Sopransaxophon eher als auf dem Tenorsaxophon, dem Affen Zucker.

     

    Den großen Bogen steuert für das Medley der Pianist bei, ein höchst disziplinierter Tastenkünstler, dessen Harmonien über den Jazz hinaus auf die zeitgenössische Musik verweisen. Dabei unterstützt ihn der offenkundig bestgelaunte John Patitucci am Kontrabass mit atemberaubenden Läufen. Jedenfalls ist dies nicht eine Begleitband für einen Star, sondern ein Kollektiv von faszinierender Stimmigkeit. Die Jazzgeschichte hat in seiner Musik Spuren hinterlassen – der Bebop ebenso wie der Cool Jazz und der Jazzrock der siebziger Jahre.

     

    Wayne Shorter hat es nicht nötig, seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Dem gedrungenen Mann im lockeren blauen Habit, das ein wenig an einen Mao-Anzug erinnert, geht es um Musik im emphatischen Sinne. Mit kurzen Seitenblicken wendet er sich seinen Partnern zu, lauscht ihrem Spiel, freut sich erkennbar über schöne Einfälle. Wenn mehr und mehr behauptet wird, ohne Spektakel gehe es nicht, das Publikum giere nach der Show, dann liefert der Auftritt des Wayne Shorter Quartets einen Gegenbeweis. Das lässt hoffen. Und sei's zwischen Autos aus Neckarsulm.

     

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