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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 14:04

    Opernfestival Aix-en-Provence: Le Nozze di Figaro

    16.07.2012

    Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

    Alte, neue und blasse Mozartbilder des diesjährigen Festivals Aix-en-Provence

     

    Die große alte Mozarttradition von Aix-en-Provence, ich erlebte sie noch als junger Kritiker 1968 mit einem Figaro, ähnlich den sagenhaften Glyndebourne-Vorkriegstaten von Fritz Busch. Dirigent des Südwestfunk-Sinfonieorchesters war zwar nicht mehr Hans Rosbaud, aber der vergleichbar luzide Ernest Bour, und als Nonplusultra-Gräfin sang Teresa Stich-Randall in den Abendhimmel, ein in glühender Sanftheit insistierender Stern. Schauplatz war eben der Innenhof des Bischofspalastes (Theatre de l’Archeveche), der nach wie vor zu den auratischen Spielstätten der südfranzösischen Barock- und Festspielstadt gehört. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

     

    Nach vielen aixfernen und auch wieder -nahen Jahren und gleichsam auf der Suche nach der verlorenen Zeit kam es mir nun seltsam schicksalshaft vor, erneut einer Nozze di Figaro-Premiere in Aix zu begegnen. 44 Jahre einer stürmischen Mozart-Rezeption waren vergangen – was hatte sich da alles verändert! Musikalisch: Im Zuge der »authentischen Aufführungspraxis« nun keine perlenschnurartigen melodischen Ebenmäßigkeiten mehr, sondern dem Sprachimpuls nachgebildete melismatische Einheiten, sodass die ersten Ouvertürentakte des versierten Orchesters »Le  Cercle de l’Harmonie« unter der straffen Leitung von Jérémie Rhorer wie ein zarter, vibrierender Lufthauch wirkten und Cherubinos Arien (Kate Lindsey in der schlaksigen Hosenrolle eines jungen Woody Allen) mehr von Atemlosigkeit als von erotischer Jünglingsgeblähtheit erfüllt schienen.

     

    Regisseur Richard Brunel versetzt die Handlung in eine betriebsame Anwaltskanzlei von heute mit dem Grafen Almaviva (sonor und beweglich: Paul Szot) als Prinzipal, der stets ein besonderes Auge für seine zahlreichen weiblichen Mitarbeiter hat. Die Libretto-Anrede »padrone« passt einwandfrei, und überhaupt staunt man im Laufe der Aufführung, wie glaubhaft die vorrevolutionären Hierarchien auch noch in gegenwärtigen Zusammenhängen funktionieren. Vokale Virtuosität und Spiellust setzen bei Figaro (Kyle Ketelsen) und Susanna (Patricia Petibon) keinen Augenblick aus, und bei Malin Byströms Contessa fehlt auch der lyrische Schmelz nicht. Freilich darf man ihre melancholischen Anwandlungen relativieren, da sie sich dem allenthalben waltenden Flirt-Getriebe gutgelaunt anschließt. Von besonderer Finesse ist Chantal Thomas’ an Bauteilen reiches, brillant variables Bühnenbild – mit einer geradezu genialen Pointe im zweiten Finale, wenn sich der vorher geschlossene Raum öffnet und die Wände zu explodieren scheinen, analog zur anarchisch tumultuösen Situation auf der Bühne.

     

    Als zweites Freiluft-Spektakel kam im Bischofshof eine Entdeckung zum Zuge: Marc-Antoine Charpentiers dreistündige biblische Tragödie David und Jonathan von 1688, von Andreas Homoki verblüffend eindrucksvoll inszeniert als Bauerndrama im kurdisch-anatolischen Milieu. Paul Zoller steuerte schmucklose Holz-Innenräume im gehobenen Blockhausstil bei, und mit wechselnden Bildformaten entstanden geradezu filmische Wirkungen, die an die puristische Ästhetik eines Michael Hanecke erinnerten. Die Bühnenerzählung von Männerfreundschaft und blutigen Kämpfen wurde von der manchmal herzlich beiläufigen Musik eher filmmusikalisch begleitet als evoziert, und dem Dirigenten William Christie mit dem Chor und den Instrumentalisten »Les Arts Florissants« geriet ein gewiss wohldosiert-abgetönter, aber nicht gerade spannungserfüllter Ablauf. Als Titelpaar auch sängerisch auf hohem Niveau: Pascal Charbonneau und Ana Quintans.

     

    Die Schauplätze! Aix-en-Provence  ist nicht  nur ein Barockmuseum, sondern auch eine moderne Großstadt mit mehr oder weniger gelungenen neuen städtebaulichen Ausfransungen. Zu ersteren möchte man ein postmodernes Geschäfts- und  Flanierviertel  mit dem  »Grand Theatre de Provence« rechnen, einem veritablen Festspielhaus (mit reizvollem Rundhof), in dem bereits Wagners Ring zelebriert wurde. Jetzt hatte dort Written On Skin erfolgreich Uraufführung, die erste abendfüllende Oper von George Benjamin. Der 52jährige Londoner Komponist dirigierte selbst und führte mit dem exzellenten Mahler Chamber Orchestra alle Meriten seiner ebenso präzisen wie facettenreichen Instrumentalphantasie vor.

     

    Das Libretto von Martin Crimp realisiert delikate Verunsicherung durch Zeitsprünge zwischen Mittelalter und Gegenwart, tatsächlichen und imaginierten Geschehnissen. Die Personage ist auf eine Dreierkonstellation zentriert – eine Frau zwischen einem älteren und einem ephebenhaften Mann. Das driftet natürlich ins Unheilvolle. Die Singstimmen werden oft diskret geführt, doch gerade die weibliche Protagonistin Agnes (suggestiv: Barbara Hannigan) erreicht im mittleren der drei Teile gewaltige Eruptionen. In ihrer hochgetriebenen clarté gehört Benjamins kompositorische Meisterschaft zweifellos zu den bewundernswertesten Phänomenen der aktuellen Tonkunst. Katie Mitchells ansprechende Inszenierung (im gut kalkulierten Bühnenbild eines »aufgeschnittenen Hauses« von Vicki Mortimer) ließ sich von der eher behutsamen, unterschwellig katastrophischen Ausdruckswelt Benjamins inspirieren und beschränkte drastisch-brutale Aktion auf wenige Momente.

     

    George Benjamins Poetik ist dem unter formvollendeter Oberfläche brodelnden Impetus Ravels ähnlich. Im plüschigen alten »Jeu de Paume«-Theater gab es Ravels intrikaten Nachtspuk L’entfant et les sortileges, leider nicht als surreal illuminierten Psycho-Thriller, sondern in altmodisch-rumpeliger Geisterbahn-Idyllik. Zu den Aix-Marginalien zählte diesmal auch die Exkursion in das 20 Kilometer entfernte Parkgelände der charmant verfallenen Domaine du Grand Saint-Jean. Hier spielte, auf blanker Spielfläche, in die diagonal das gutsherrliche Gebäude hineinragte, die frühe Mozartoper La finta giardiniera, deren ausführliche Personenscharade vom Regisseur Vincent Boussard nur mäßig belebt werden konnte. Den Tenorpart des Grafen Belfiore versah der Frankfurter Opernsänger Julian Prégardien mit einschmeichelndem, aber wenig nuancenreichem Timbre. Mozart, ein Hausgeist, der sich auch in Aix nicht wie von selbst einstellt.

     

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