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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 10:59

     

    Christian Muthspiels Yodel Group
© Severin Koller Christian Muthspiels Yodel Group
    © Severin Koller

    Ludwigsburger Schlossfestspiele: Christian Muthspiels Yodel Group

    12.07.2012

    Jodeln ohne Lederhose

    Mit dem Jodeln verhält es sich wie mit Ziehharmonika- und Mandolinenorchestern oder mit der Blasmusik. Wer in der Nachkriegszeit in Bayern, Österreich oder der Schweiz aufgewachsen ist, ist geschädigt. Diese Musizierformen sind für ihn eng verknüpft mit einer konservativen Weltsicht, mit provinzieller Spießigkeit, mit Lederhosen, Dirndln und einem Heimat-Mief, der sich im Dreiklang erschöpfte. Dass man beim Akkordeon auch an die Valse Musette oder an das verwandte Bandoneon und den Tango, bei der Mandoline an Vivaldi, bei Blechbläsern an den Jazz und beim Jodler an amerikanische Western Music denken kann, bedurfte einer länger andauernden Überwindung der Prägungen durch die musikalische Sozialisation. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Eigentlich ist der Jodler eine solistische oder mehrstimmige Vokalmusik, gekennzeichnet durch das Kippen der Bruststimme ins Falsett über große Intervalle hinweg. Ihr praktischer Zweck war die Kommunikation auf große Entfernungen in den Bergen. Aber die typischen Jodler-Melodien lassen sich auch auf Instrumenten interpretieren. Christian Muthspiel, der experimentierfreudige Bruder des Gitarristen Wolfgang Muthspiel, der selbst Posaune und Keyboards spielt, hat mit ein paar Jazzern aus aller Welt – Gerald Preinfalk an Saxophon und Klarinetten, Matthieu Michel an Trompete und Flügelhorn, Franck Tortiller am Vibraphon, Jerome Harris am E-Bass und Bobby Previte am Schlagzeug – die Yodel Group zusammengestellt, die Jodler aus seiner österreichischen Heimat zu Jazz verwandelt, wie das andere Musiker, etwa Uri Caine oder Michail Alperin, mit Kompositionen ganz unterschiedlicher Herkunft getan haben. Mit dem Jodler hat sich auch auf höchst originelle Weise die exakt gleichaltrige Erika Stucky auseinander gesetzt, aber das Resultat ist bei ihr ein völlig anderes, visuell spektakuläreres als bei Christian Muthspiel.

     

    Nun sind Jodler als Material für den Jazz ebenso geeignet wie jede andere Musik. Allerdings sind sie auf die Dauer in ihrer harmonischen Schlichtheit, in ihrer geringen Variationsbreite weniger interessant als, sagen wir, Kompositionen von Thelonious Monk, George Gershwin oder Joe Zawinul. Wenn das Konzert der Yodel Group bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen dennoch Jubel provozierte, dann liegt das weniger an den Jodlern, als daran, was die Musiker daraus gemacht haben. Sie bedienen sich der musikalischen und technischen Möglichkeiten, die der Jazz bereitstellt, vom Swing über den Bebop und den Funk bis zur elektronischen Verfremdung und zu Loops.

     

    Mit Christian Muthspiel und seiner Yodel Group haben die Ludwigsburger Schlossfestspiele einen weiteren Akzent in ihrem ebenso ambitionierten wie ungewöhnlichen Programm gesetzt, das sich sein Publikum noch erobern muss. Die da kommen, sind begeistert. Umso bedauerlicher, dass bei den meisten Konzerten diesseits des Eingebürgerten Plätze frei bleiben. So konnte man im Ordenssaal des Schlosses die fast unbekannte „Marienvesper“ des Vogtländers Johann Rosenmüller hören. Der besondere Reiz dieses Konzerts lag in der Gegenüberstellung einer aus Zinken und Posaunen bestehenden Blasinstrumentengruppe mit einem kleinen Streicherensemble plus Fagott und Trompete, zu dem sich ein Vokaloktett unter der Leitung von Konrad Junghänel fügte. Diese Musik ist derart dramatisch, derart farbig ornamental und zugleich innig, dass man sich nur darüber wundern kann, wieso sie nicht längst ihren Platz im Repertoire der Alten Musik gefunden hat.

     

    Nicht weniger überraschte der Klavierabend von Alexandre Tharaud, der zur Gänze französischer Musik gewidmet war. Mit seiner Verkettung von Cembalo-Stücken Francois Couperins mit Sätzen aus Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“ kam der Pariser Pianist dem Konzept Thomas Wördehoffs entgegen, das Verwandtschaften über die Jahrhunderte hinweg nachweisen möchte.

     

    Nicht in der Auswahl der Titel, wohl aber in der Interpretation ungewöhnlich war die Aufführung zweier Streichquartette von Beethoven durch das Belcea Quartet. So homogen, so subtil in den dynamischen Nuancen hat man das frühe Quartett Nr. 5 A-Dur op. 18/5 und das späte Quartett Nr. 13 B-Dur op. 130 mit seiner zu Beethovens Zeit im wörtlichen Sinne unerhörten und bis heute kühn wirkenden Großen Fuge, die der Komponist auf Wunsch seines Verlegers aus dem Zusammenhang riss, nicht oft gehört. Das Belcea Quartet, das in London residiert, darf sich zu den ganz großen Streichquartetten unserer Zeit rechnen.

    Übrigens sind die volkstümlichen Einflüsse, die Beethoven selbst in seinen hochartifiziellen Streichquartetten aufnahm, nicht zu überhören. Gar so weit ist auch der „Klassiker“ schlechthin vom Jodler nicht entfernt.

     

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