Das modernste ist pardoxerweise das älteste unter den aufgeführten Stücken: „The Unanswered Question“ von Charles Ives, 1906 komponiert und später für größere Besetzung bearbeitet. Der Titel lässt an Samuel Beckett denken, und minimalistisch, auf das Nötigste verknappt wie dessen Literatur ist auch Ives' Komposition für Trompete, vier Flöten und Streicher. Die anderen drei Kompositionen des Abends haben gemeinsam, dass sie sich der Filmmusik annähern, visuelle Assoziationen beschwören. Vielleicht ist dies das Charakteristikum neuerer nordamerikanischer Musik diesseits der Avantgarde, die mit Namen wie John Cage, Morton Feldman oder Steve Reich verknüpft ist, obwohl auch deren Musik gelegentlich für Filme ausgebeutet wird.
Vor Aaron Coplands tonmalerischer „Appalachian Spring“-Suite und einer Suite von Melodien aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ bekam der Star des Abends, der Ausnahmeschlagzeuger Martin Grubinger, mit einem gerade fünf Jahre alten Werk Gelegenheit, seine Virtuosität vorzuführen, mit der seine Musikalität – die Differenzierung der dynamischen Nuancen, die Auskostung der Klangfarben von diversen Perkussionsinstrumenten – absolut Schritt halten kann. Das erst macht ihn zu mehr als einem Zirkusartisten. John Corigliano, 1938 in New York geboren, ist bei uns so gut wie unbekannt. „The Conjurer“ für Schlagzeug und Kammerorchester, geschrieben für die taube Perkussionistin Evelyn Glennie, ist ein faszinierender Dialog zwischen Solist und Orchester, der das Repertoire erobern sollte – so sich neben Glennie und Grubinger Schlagzeuger finden, die den Ansprüchen dieses durchaus effektbewussten Stücks entsprechen.
Effektbewusst ist auch Martin Grubinger, aber er ist dabei so sympathisch, so locker, dass man ihm das nicht negativ ankreiden muss. Er ist, paradox formuliert, ein ernsthafter Entertainer. Ernsthaft, weil er vor der Musik unüberhörbar und unübersehbar Ehrfurcht empfindet. Und Entertainer, weil er die längst veralteten Regeln eines bürgerlichen Konzertbetriebs auf geniale Weise missachtet. So spricht er das Publikum direkt an, erzählt Geschichten, vermeidet jede falsche Feierlichkeit. Dem entsprach auch die zwanzigminütige und natürlich eingeplante Zugabe beim Stuttgarter Konzert: eine Bearbeitung von Jazz-Standards, mit denen durch die Jazzgeschichte vom Blues „Trouble in Mind“ über die New Orleans Street Parades, den Big Band Swing, den Bebop bis zum Latin Jazz geführt wird. Die Musiker haben offensichtlich ihren Heidenspaß daran, und wenn Martin Grubingers Vater, selbst auch Schlagzeuger, am Ende das Publikum zum Mitsingen einlädt, ist der Jubel vorprogrammiert. Perkussionisten bewegen sich in der Regel im Jazz wie auf gewohntem Terrain. Dass die meisten Musiker der Camerata bei einem Corigliano oder einem Copland eine bessere Figur machen als beim Jazz, für das einfach das „feeling“ fehlt (wie denn die meisten Jazzer bei Copland kläglich versagten) – sei's drum. Was im Theater en vogue ist – die Animation des Publikums, die Aufforderung zum Mitmachen – warum sollte es im Konzert verboten sein? Gönnen wir doch den Geigern und Cellisten, den Fagottisten und Hornisten jenes befreite Lachen in den Applaus hinein, wo sie ansonsten mit starrem Blick von der Bühne schauen und hoffen, dass sie die nächste S-Bahn erreichen.