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    Ludwigsburger Schlossfestspiele: Concerto Zapico

    03.06.2012

    Kunst statt Militär

    Es gibt Konstellationen, die ohne Absicht symbolträchtig werden. Ludwigsburg war eine Garnisonstadt. Neben dem barocken Schloss prägen die zahlreichen Kasernen ihr architektonisches Bild. Die massiven Ziegelbauten haben ihren Zweck verloren. Hier wohnen keine Soldaten mehr. Sie wurden nach und nach neuen Bestimmungen überführt, nicht zuletzt kulturellen Zielen. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Die Filmakademie ist in einer Kaserne untergebracht, die jüngere Akademie für dramatische Kunst, mehrere Medieninstitutionen haben in den Bauten Unterschlupf gefunden, in der Karlskaserne pflegt man den modernen Tanz, aber auch andere kulturelle Angebote haben hier ihre Heimat gefunden. Was, wenn nicht dies, ließe sich als Symbol interpretieren: dass die auffälligsten Gebäude einer Stadt nicht dem Krieg, nicht der Tötung von Menschen dienen, sondern den Künsten, der Bereicherung des Lebens. Warum wirbt die Stadt nicht mit diesem Erbe? Sie könnte glaubhaft machen, dass just eine Barockstadt eine zukunftsweisende Utopie realisiert.

     

    In der Karlskaserne auch, nicht im Barockambiente des Schlosses, trat das auf Barockmusik spezialisierte Concerto Zapico auf – ein schöner Kontrast. Concerto Zapico, hervorgegangen aus dem größeren Ensemble Forma Antiqva, das sind die Brüder Pablo, Daniel und Aarón Zapico, die auf Gitarre, Theorbe und Cembalo oder Orgel Stücke spanischer und italienischer Komponisten des 17. Jahrhunderts interpretieren. In der Mitte des Programms spielt das Trio eine Variante der „Folias“, die man kurz zuvor bei den Schlossfestspielen in der Version von Vivaldi hören konnte. Dem Prinzip dieser „Folias“ folgen auch die anderen Stücke des Abends: sie repetieren ein kurzes Motiv und variieren es. Das verleiht ihnen den Charakter von Tänzen, und sie erinnern an eine Zeit, als es noch keine Kluft zwischen höfischer, also „hoher“ Kunst und Volkskunst gab.Später hat man mehr und mehr verlernt, die folkloristischen Elemente wahrzunehmen, von denen auch die großen Komponisten des 19. und sogar des 20. Jahrhunderts gezehrt haben. Di Verachtung eines Teils ihres Publikums für die „einfachen Menschen“ haben sie nicht geteilt.

     

    Zurück in die Barockkulisse, in die Schlosskirche. „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ ist Joseph Haydns vielleicht schönstes Werk, jedenfalls eine seiner komplexesten Kompositionen. Es entspricht so gar nicht dem Klischee vom heiteren Papa Haydn. Chor und Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter Michael Hofstetter und die Solisten Kirsten Blaise, Ruth Sandhoff, Daniel Johannsen und David Jerusalem verliehen der ebenso aufwühlenden wie ergreifenden späten Oratorienfassung dieses Werks jene fast opernhafte Dramatik, die es mit Mozarts fünf Jahre vor der Oratorienversion entstandenen Requiem teilt. Beim fünften Satz „Jesus ruft: Ach, mich dürstet!“ stockt auch dem Agnostiker der Atem. Er lässt Raum für Assoziationen, die weit über die Heilsgeschichte hinausgehen.

     

    Unmittelbar, ohne Pause an Haydns Meisterwerk angehängt wurde eine Auftragskomposition, das „Oratorio. die sieben letzten worte... in anderen worten“ des Südafrikaners Richard van Schoor. Handelt Haydns Oratorium vom Leiden eines einzelnen Menschen, so macht van Schoor das Kollektiv der Christen zum Opfer, das freilich das Leben nicht wie der Gottessohn freiwillig und für die Erlösung der Menschheit hingibt. Der Text berichtet, größtenteils mit Agenturmeldungen und Statistiken, von Christenverfolgungen unserer Gegenwart, und der Komponist findet dafür einen zugleich zeitgenössischen wie hochdramatischen musikalischen Ausdruck, der gesprochene Partien ebenso einbaut wie Schreie und Seufzer. So wird aus der religiösen Anregung ein politisches Werk. Es hat Religion und da vor allem die christliche zum Thema, ohne selbst religiös zu sein. Zwar wird erwähnt, dass die schlimmsten Verfolgungen von Christen nicht in islamischen oder hinduistischen, sondern in christlichen Nationen stattfanden, aber die Verfolgung von Menschen anderer Religion durch Christen ist van Schoors Problem nicht.

     

    Das Konzert wird heute in Ludwigsburg, am 22. Juli in der Klosterkirche Beuron und am 9. September in der Pfarrkirche Wolfegg wiederholt.

     

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