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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 14:10

     

    Foto: Van der Vegt Foto: Van der Vegt

    Ludwigsburger Schlossfestspiele: In Darkness Let Me Dwell. Dorothee Mields & Hille Perl

    27.05.2012

    Die Aktualität der Melancholie

    Lautenisten haben es nicht leicht. Es mangelt an Literatur. Das Repertoire für diesen reizvollen Vorläufer der Gitarre, der seine große Zeit in der Epoche der Renaissance hatte, ist überschaubar, und so begegnet man in Konzerten und auf Schallplattenaufnahmen der Virtuosen dieses Instruments immer wieder den gleichen Werken. Dazu gehören die Instrumentalstücke und Lieder von John Dowland. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Die Sängerin Dorothee Mields, der Lautenist Lee Santana, Hille Perl und ihr Gambenensemble Sirius Viols haben dem elisabethanischen Komponisten und Zeitgenossen Henry Purcells, der diesen jedoch um drei Jahrzehnte überlebt hat, einen ganzen Abend gewidmet. Als roter Faden zieht sich das einleuchtende, in diesem Zusammenhang nicht sonderlich überraschende Motiv der Melancholie durch das Programm. Es war aber ein schöner Einfall, den ebenso originellen wie präzis artikulierenden schottischen Schauspieler Graham Valentine zwischen den Musikstücken Ausschnitte aus der Anatomie der Melancholie von Dowlands Zeitgenossen Robert Burton vortragen zu lassen. Die gescheiteste Konzeption wäre freilich für die Katz ohne die Perfektion der Umsetzung. Die glockenhelle Stimme von Dorothee Mields mit ihren Crescendo-Einsätzen, ihren Legati, ihrem Verzicht auf Druck und äußerliche Brillanz scheint wie geschaffen für die Musik um 1600. Und die Musiker vermitteln auf ihren historischen Saiteninstrumenten eine Intimität, die fast ergreifend wirkt in ihrer Redlichkeit. Wenn man bedenkt, dass hier etwas zum Erklingen gebracht wird, was 400 Jahre alt ist, und dass man dabei ganz und gar im Heute sich fühlt, muss man einmal mehr nach dem Sinn oberflächlicher Aktualisierungen fragen. Dowlands Lieder sind ebenso wenig »veraltet« wie das Gefühl der Melancholie – auch wenn man heute dafür die Leber nicht mehr verantwortlich macht.

     

    Eingerahmt war der Dowland-Abend von einem Festkonzert mit Haydns Jahreszeiten mit Chor und Orchester der Festspiele unter der Leitung von Michael Hofstetter anlässlich des achtzigjährigen Jubiläums der Ludwigsburger Schlossfestspiele, die wiederum genau 200 Jahre nach Haydn »geboren« wurden, und einem Orchester- und Liederabend mit einer der zurzeit am meisten gefeierten Sopranistinnen: Christine Schäfer, wiederum mit mit dem diesmal erweiterten Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele unter Julien Salemkour. Das Programm folgte einem Prinzip, das seit einigen Jahren der Tradition der chronologischen Anordnung widerspricht, dem Prinzip der Verschränkung. Michael Gielen hat es vor mehr als dreißig Jahren in Frankfurt am Main vorgemacht, als er, damals noch schockierend, zwischen den dritten und vierten Satz von Beethovens Neunter Arnold Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau einbaute. Die einzelnen Sätze von Franz Schuberts Divertissement à la hongroise und von Anton Weberns Sechs Stücken für großes Orchester sowie Lieder der beiden Komponisten, die ein Jahrhundert von einander trennt, wurden in Ludwigsburg abwechselnd, ohne Pausen, vorgetragen. Die Problematik dieses Verfahrens ist, dass es Werke, die als Einheit konzipiert waren, zerschlägt. Der Gewinn ist die Herstellung von überraschenden Bezügen, die musikalische Analogie zum visuellen Modell der eben zuende gegangenen Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie, die strukturelle Übereinstimmungen zwischen Bildern von William Turner, Claude Monet und Cy Twombly, die einen Zeitraum von rund 150 Jahren abdecken, sichtbar machte.

     

    Foto: Uwe Arens Foto: Uwe Arens

    Wies der erste Teil des Konzerts auf Gemeinsamkeiten hin, so betonte der zweite Teil mit Kompositionen der Zeitgenossen Arnold Schönberg und Richard Strauss eher den Kontrast. Die analytische Schärfe bei jenem, die Klangschwelgerei bei diesem: das sind zwei Welten. Und doch kann man auch hier Verwandtschaften entdecken. Christina Schäfer riss das Publikum, das auf Webern und Schönberg (immer noch!) eher zögerlich reagiert, zu anhaltendem Applaus hin. Die sympathische Sängerin ist keine Diva. Sie kokettiert nicht mit dem Publikum. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie jede Phrase gestaltet, wurde Schubert ebenso gerecht wie Strauss und Webern. Und doch konnte Christine Schäfer bei den Vier letzten Liedern von Richard Strauss zu Texten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff die Ausdruckskraft ihrer klaren, absolut unmanierierten Stimme noch steigern. Der Komponist des Rosenkavaliers klang da plötzlich wie ein Spätromantiker, der eine Brücke zu Ennio Morricone schlägt.

     

    Schubert und Webern standen neben den Barockkomponisten Sebastian Bodinus, Francesco Maria Veracini und Francesco Saverio Geminiani  auch auf dem Programm des Konzerts von Rüdiger Lotter, Kristin von der Goltz und Julien Salemkour. Und wiederum wurden die beiden Komponisten mit einander vermählt: Zwischen dem ersten und dem zweiten sowie dem dritten und dem vierten Satz von Schuberts Klaviertrio Nr. 2 in Es-Dur waren Stücke für Violoncello und Klavier respektive für Geige und Klavier von Webern zu hören. Diesmal allerdings machte der Einfall, der sich nicht beliebig reproduzieren lässt, nicht so recht glücklich. Das thematische Material von Schuberts stets aufs Neue faszinierendem Trio ist, über die Sätze hinweg, so eng verflochten, dass eine Unterbrechung eher stört als bereichert. Als Zugabe wiederholten die Künstler den enigmatischen zweiten Satz des Schubert-Trios. Und einmal mehr schoben sich die Filmbilder vor das geistige Auge, denen diese Musik unterlegt wurde – in diesem Fall aus Stanley Kubricks Barry Lyndon.

     

    Dorothee Mields kann man am 29. Juni zusammen mit der Lautten Compagney in einem Programm mit englischen Volksliedern aus dem 16. und 17. Jahrhundert hören.

     

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