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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 10:59

     

    Foto: Reiner Pfisterer Foto: Reiner Pfisterer

    Duo Wolfgang Muthspiel & Bugge Wesseltoft / Kosmos Vivaldi auf den Ludwigsburger Schlossfestspielen

    24.05.2012

    Feier der Tonalität

    Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third Stream«, der hybriden Mischung von »Klassik« und Jazz. Der Jazz in seiner reinen Form findet anderswo statt: in Saalfelden und Willisau, in Moers und Berlin, in Wien und Montreux, wo man sich wiederum eher zur Popmusik hin öffnet als zur zeitgenössischen Musik aus jenem Bereich, den man irreführend »Klassik« nennt. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Thomas Wördehoff, der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, geht unverdrossen einen anderen Weg. Auch dieses seit 80 Jahren bestehende Festival war auf »klassische« Musik ausgerichtet. Sein Publikum war eher konservativ als aufgeschlossen, sein Image eher steif als heiter. Wördehoff versucht, seit er die Festspiele vor drei Jahren übernommen hat, die Grenzen zwischen den Genres zu überwinden, den Blick (und das Ohr) zu öffnen für das weniger Vertraute, für die Mauerblümchen zwischen den Wänden. Ohnedies ist ja die Grenzziehung zwischen »Klassik« und Jazz längst obsolet. Die zeitgenössische Musik aus dem Sektor, den man, nicht weniger missverständlich als »klassisch«, »ernst« nennt, hat mit manchen Ausprägungen des modernen Jazz weitaus mehr gemeinsam als mit Beethoven oder Liszt, und die Barockmusik verbindet, umgekehrt, mehr mit dem Modern Jazz Quartet, um ein schon historisches Beispiel zu nennen, als mit Schönberg oder John Cage.

     

    Doch das Spartenpublikum ist hartnäckig. Es meidet, was es nicht seit Kindheit kennt, wie der Vegetarier den Schweinebraten. Das gilt für beide Seiten, für die »Klassik«-Freunde ebenso wie für die Jazz-Fans. Die Schnittmenge der zwei Publika ist gering. Nur wenige Gesichter sah man bei allen beiden Konzerten, die, zwei Tage von einander entfernt, im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses stattfanden.

     

    Dabei machte es das Duo Wolfgang Muthspiel und Bugge Wesseltoft auch jenen leicht, die meinen, sie fänden zu Jazz keinen Zugang. Ihr Abend – der erste von drei in der Reihe Song Conversation, die Thomas Wördehoff von Anfang an am Herzen lag – verließ nicht die Sphäre der Tonalität und der konventionellen Hörgewohnheiten. Der Gitarrist aus Wien und der Pianist aus dem norwegischen Porsgrunn widmeten sich bekannten Melodien, die zum größeren Teil aus der Pop-Musik stammen und eins gemeinsam haben: sie sind eingängig und doch so komplex, dass sie nicht langweilen. Ob James Taylors Fire and Rain, ob Amelia und In France They Kiss On Main Street von Joni Mitchell, ob Elton Johns Come Down In Time oder das doch etwas abgenudelte Something von den Beatles – Muthspiel und Wesseltoft machen kleine Kustwerke daraus. Zu Jazz werden diese Hits durch die Bearbeitung. Denn der Jazz definiert sich nicht durch das Material, sondern durch die Durchführung. Einige Titel, die Muthspiel und Wesseltoft ausgewählt hatten, eignen sich, anders interpretiert, durchaus auch für »Elevator Music«, für »Easy Listening«.

     

    Vielleicht lässt sich doch einschränken, dass Jazzer, wenn sie in die Pop-Kiste greifen, solche Stücke bevorzugen, die sich durch Modulationen, durch Tonarten- und auch Taktartenwechsel auszeichnen. Das gilt für die genialen Melodien, die sich das Duo aus dem Pop ausgeliehen hat, es gilt erst recht für Kurt Weills Liebeslied aus der Dreigroschenoper (ach hätte Louis Armstrong doch diese raffinierte Komposition für den Jazz entdeckt statt der schlichten Moritat von Mackie Messer). Bei Dave Brubecks Take Five geht dann die Post ab. Dazu kontrastiert eine introvertierte Solo-Improvisation von Bugge Wesseltoft über den Standard How High The Moon.

     

    Foto: Reiner Pfisterer Foto: Reiner Pfisterer

    Kosmos Vivaldi

    Von Strawinsky wird der Ausspruch kolportiert, Vivaldi habe keine vierhundert Konzerte geschrieben, sondern nur eines vierhundert Mal. Das Bonmot ist witzig formuliert und in abgewandelter Form auch anwendbar auf die Romane von Thomas Bernhard, aber es ist natürlich eine Zuspitzung. Sein wahrer Kern besteht darin, dass Antonio Vivaldi (wie Thomas Bernhard) einen ausgeprägten Personalstil hat – aber das trifft gerade auf Strawinsky auch zu. Das verkleinerte Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele, das jeweils zum Anlass aus Musikern des Landes zusammengesetzt wird, bewies mit seinem Programm unter dem Titel »Kosmos Vivaldi«, der ein wenig an die Salzburger »Kontinent«-Reihe erinnert, wie vielfältig der italienische Barockmeister klingen kann.

     

    Eröffnet wurde der Reigen mit einem Knüller, mit der von zahlreichen Komponisten variierten Follia. Der Erfolg dieses Motivs liegt wohl darin, dass man es sich, ähnlich wie die Tonfolge von Pachelbels Kanon, auch mit geringen musiktheoretischen Kenntnissen merken und so den Variationen mühelos folgen kann. Es folgten Konzerte für Violinen und für Cello. Das bekannteste Konzert des Programms war jenes für Mandoline, Streicher und Basso continuo C-Dur. Es verdankt seine Popularität dem sentimentalen Erfolgs-Film Kramer vs. Kramer. Schon zuvor hatte der große Filmkomponist Bernard Herrmann sich dieses Stück für seine Musik zu Trauffauts Die Braut trug schwarz unter die Finger gerissen. (Ein Fall für Plagiatsjäger?) Bei Schallplattenaufnahmen wird die leise Mandoline gemeinhin »hochgezogen«. Die Technik macht's möglich. Im Konzertsaal geht das nicht, wenn man auf elektrische Verstärkung verzichtet – die zusammen mit Originalklang-Instrumenten allerdings eine Todsünde wäre. So klang das vertraute Mandolinenkonzert wie neu, und auch zu sehen gab es etwas: Die Solistin Anna Torge schien, anmutig, aber ganz ohne Berechnung, mit ihrem Instrument zu tanzen.

     

    Die Entdeckung des Abends aber war der 1986 in Rumänien geborene Valer Barna-Sabadus. Er sang Ho nel petto un cor sì forte aus Vivaldis Oper Il Giustino und Gelido in ogni vena aus Il Farnace – beide Arien hat Cecilia Bartoli auf ihre gefeierte Vivaldi-CD aufgenommen – sowie, als Zugabe, Venti turbini aus Händels Rinaldo. Der junge Countertenor bestach durch eine lupenreine Intonation, die ihm auch in den Höhen keine Probleme zu machen scheint, durch virtuose Koloraturen, die vor allem bei Händel voll zur Geltung kamen, durch eine differenzierte Dynamik und durch ein erstaunliches Volumen. Hier könnte Andreas Scholl einen Nachfolger auf Augenhöhe gefunden haben.

     

    Bugge Wesseltoft ist am 14. Juni in einer Song Conversation mit dem Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef und mit Wolfgang Muthspiel als Gast zu hören. Der Kosmos Vivaldi wird am 23. Juni in Ludwigsburg sowie am 8. September im Schloss Wolfegg wiederholt.

     

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