• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 07:26

     

    Julien Gracq: Witterungen II

    10.03.2005

    „Die Poesie kennt kein Alter“

    Der fünfundneunzigjährige Julien Gracq ist der große Einzelgänger der französischen Literatur. Mit seinen „Witterungen II“ kann man sich erneut auf Entdeckungsfahrten eines Landschafts- & Bücherlesers begeben.

    Von Wolfram Schütte

     

    1910 geboren, heute also 95 Jahre alt, ist Julien Gracq einer der zwei großen Alten Männer der französischen Literatur. Der andere: Claude Simon, 1913 geboren, der in Perpignan lebt – in der tiefsten südlichen Provinz, wohingegen Gracq inder westlichen Provinz, in seinem Geburtsort Saint Florent-le-Vieil bei Nantes lebt, wo die Loire sich anschickt, in den Atlantik überzugehen (und er ein wiederkehrendes Beobachtungsfeld findet)..
    Zwei Solitäre, aus der Gegenwart ins Abseits der Provinz gezogen – out of time; denn ihr literarisches Lebenswerk ist abgeschlossen, allenfalls könnte man noch auf postume Brosamen spekulieren. Jedoch das von ihnen bereits Vorliegende reicht aus, um ihren Rang in der französischen Literatur zu bestimmen.
    Gracqs zwei Romane „Auf Schloß Argol“ (1938) und „Das Ufer der Syrten“ (1951) gehören zur phantastisch-symbolistischen Literaturgeschichte – wie z.B. „Der Herr der Fliegen“ oder „Auf den Marmorklippen“ –, aber weder sie noch Gracqs Erzählungen interessieren mich sonderlich. Dafür aber, was er sonst noch geschrieben hat und bei C. Hanser („Der große Weg“), überwiegend aber im österreichischen Verlag Droschl auf Deutsch erschienen ist: also vor allem „Lesend schreiben“, „Witterungen I“ und jetzt nun: „Witterungen II“.

    Sammlungen eines Nicht-Mitmachers

    Es sind Bücher, nichts als Bücher, schwer zu sagen, was sie in den uns zur Verfügung stehenden Kategorien sonst noch sein könnten. Leichter zu bestimmen, was sie nicht sind: keine Romane oder Erzählungen, keine Gedichte oder Dramen, und da sie ebenso weit vom Autor absehen, wie ihn doch auch als Membran für ihre literarische, sprachliche Erscheinung notwendigerweise voraussetzen, sind sie auch keine Fortsetzung der „Essais“ von Montaigne – wenngleich, wenngleich hier ein ganz & gar eigensinniger Kopf sich seine Welt-, Landschafts-, Meer -, Kunst- & Kulturerfahrung erschreibt und schreibend reflektiert.
    „Ich bin kein Autor für die Massen, ich schreibe, wenn ich Lust dazu habe, und zu meinem eigenem Vergnügen. Ich habe keine Geschichten in der Schublade, die verbrauchen zuviel Energie, die Poesie hingegen kennt kein Alter“, bemerkte der ehemalige Pariser Schullehrer, der den höchst dotierten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, als er ihn mit 41 Jahren erhielt, souverän ablehnte. Einer (und das macht ihn mir besonders sympathisch) aus der kleinen Bruderschaft der „Bartlebys“, die wie Melvilles wunderlich-großartiger Schreiber sagen: „I prefer not to...“, ein Nicht-Mitmacher: im Literaturbetrieb, bei literarischen Moden und beim Wechselgeschäft des Zeitgeists. Julien Gracq ist ein Kenner & Liebhaber, der einem beim Lesen seiner glossarischen Bemerkungen die Augen öffnet, weil „die Poesie kein Alter kennt“, aber auch keinen Gegenstand verschmäht, den sie (oder besser: den Gracq für sich) wahrnimmt, für wahr nimmt: sieht, hört, reflektiert, vergleicht, assoziiert – mit seiner Welt- & Kunsterfahrung, seinem Willen, dem Wahrgenommenen sinnlich-bildlich-gedanklich für den Moment seiner Aufnahme ins literarische Gedächtnis sprachlich Dauer zu verleihen. Ein „Konservativer“ aus Leidenschaft & unersättlicher Neugier.

    Die erwähnten Bücher sind museale Sammlungen Gracqscher Aufmerksamkeit, seines Staunens & Nachdenkens, das hier an & in unterschiedlichsten Gegenständen die Lust eines „glücklichen Materialisten“ belegen, „der sich mit dieser Erde begnügt und hier seine Nahrung findet für Geist und Traum“: weitgehend ungeordnet, fragmentarisch, schweifend & springend im Zielflug einer Poetik, die „das Lied“, das „in allen Dingen schläft“ (Eichendorff), beschreibend & erkennend wecken will, aber auch, nicht unkritisch, benennt, wo, wann & wodurch es entschlafen oder abgetötet wurde in Landschaften, an Orten, in der Literatur und Kunst.

    Die Aura einer Landschaft beschwören

    Denn so sehr der aufgeklärte Konservative Gracq seiner Heimat, Frankreich in seinen Regionen und der Literatur seiner Zeit verbunden ist und lieber erhellend zur Vergangenheit von Chateaubriand, Balzac und seinem Liebling Stendhal oder zu Hugo, Baudelaire, Rimbaud zurückkehrt oder mit Valéry, Mauriac oder Montherlant Umgang pflegt, so oft hat der passionierte Wanderer auch in viele andere Gegenden Europas oder der Vereinigten Staaten, wohin er als „poet in residence“ eingeladen worden war, seinen Fuß gesetzt und seine Aufzeichnungen von dort mitgebracht. Die französische Schriftstellerin Hélène Cixous meinte: „Gracq lesen heißt für mich, sich in einen Wald führen lassen, ohne zu fragen, wie weit oder wohin, ziellos“ und beschreibt damit die literarische Verführungskraft und subtile Magie dieses Gedankenerzählers und Wortbildners, der die hohe und seltene Kunst besitzt, in (noch) „natürlichen“ und in (bereits) menschlich-gesellschaftlich durchdrungenen Landschaften deren (sagen wir es mit Benjamin:) „Aura“ ebenso zu beschwören (als spezifische Stimmung und Atmosphäre), wie auch sie kulturell und gesellschaftlich zu „lesen“. (Kommt darin vielleicht seine Affinität zu Caspar David Friedrich, gesehen durch Heinrich v. Kleist zutage, den Gracq ins Französische übersetzt hat?)

    „Lettrines“ nannte der französische Autor zwei Sammlungen von Aufzeichnungen, die er 1967 und 1974 wohl aus einer noch umfangreicheren Sammlung seiner zugeschliffenen Fundstücke publizierte, denen er 1992 eine weitere, das „Tagebuch eines Wanderers“ folgen ließ, das in der Übersetzung von Elisabeth Edel und Wolfgang Matz bei Hanser unter dem Titel „Der große Weg“ 1996 erschienen ist.

    Die „Lettrines“, worunter man die Schmuckinitialen am Kapitelbeginn mittelalterlicher Handschriften verstehen muß, sind unter dem gar nicht so abwegigen, weil vieldeutigen deutschen Titel „Witterungen I“ 2001 und nun jetzt, jeweils in der tadellosen Übersetzung Dieter Hornings, als „Witterungen II“ bei Droschl herausgekommen. Diese Bruchstücke einer großen Konfession von den solitären Erfahrungen des Einzelgängers Julien Gracq mit & in der Welt sind über die sieben Jahre hinweg, die zwischen ihren zwei Lieferungen liegen, thematisch und stilistisch einheitlich geblieben – als ein großes Kaleidoskop von Gedanken-Bildern & Erzähl-Essays über Landschaften, Reisen, Orte, Lektüren, Kino- & Musikerfahrungen: erlebt & erinnert, visuell beschrieben & transparent reflektiert.

    In mythologisierenden Untiefen

    Nur wo er, wie sein Bewunderer Ernst Jünger, die mythologisierende Maschinerie anwirft, um mit deren Rückenwind seine Beobachtungen zu überhöhen, gerät er, jedoch selten genug, in aufgesteilte Untiefen wie z.B. an jener Stelle, wo Gracq kurz nach der Landung der Alliierten eine Bucht in der Normandie besucht und beschreibt: „Am Rand des Strandes sah man im Aufriß einen entzweigesprengten Bunker und längs der abgetrennten Betonfläche auf eineinhalb Metern, rußig und regelmäßig wie ein Kaminrohr, den Einschußkanal einer Panzergranate. Das eingemummte, graue, fröstelnde Meer, das diese von Müllhalden garnierten Schuttflächen bespülte, wirkte weniger gebieterisch anwesend als gewöhnlich und wie in sich gekehrt; die apokalyptischen Spuren der Katastrophe, die an seinen Ufern stattgefunden hatte, entzogen ihm das Besitzrecht und beeinträchtigten für den Geist ein unvordenkliche und vereinbarte Ordnung, weil“ – und jetzt wird jüngerisch gedonnert: “die Amme der Stürme zum ersten Mal keinen Anteil hatte an dieser kolossalen Verwüstung: es scheint fast leise auf den Zehenspitzen herbeigehuscht zu sein, um neugierig ein Wüten zu beschauen, das bei Neptun noch nicht zu sehen gewesen war“.

    Der Versuchung, die Lektüre der „Witterungen II“ zu summieren, um das Buch, wenn auch nur annäherungsweise, auf seinen „Begriff“ zu bringen, könnte nur einer (aber erfolglos!) nachgeben, der das Buch nicht wirklich gelesen hat und von der Fülle seines gedanklichen und literarischen Reichtums nichts begriffen hat. Denn Gracqs „Denkbilder“, um noch einmal mit einem Wort Benjamins diese kleinen, intensiven Aus-& Abschweifungen versuchsweise zu charakterisieren, sind weder chronologisch noch thematisch geordnet, und selbst wenn man bemerkt, daß z.B. eine Gruppe von ihnen während eines USA-Aufenthalts entstanden ist oder eine andere von einer Nordlandreise provoziert wurde, so ergeben solche Nebensächlichkeiten noch keine Struktur des Buches. Der Autor bleibt sich und seiner Methode des erinnernden Beschreibens oder auch Beschwörens treu, und jedes seiner undatierten, prägnant und luzide formulierten poetischen Notate ist ihm gleich nahe.

    Beispiele für eine Lesekunst in Landschaften

    So will ich aus der Vielzahl meiner Anstreichungen nur einige zitieren, um die Spannbreite von Julien Gracqs Überlegungen und Formulierungen anzudeuten.
    Eine Landschaftsimago: „Die Hochebene von Salers in der Sechsuhrsonne: lange, kahle und weiche Hänge, die zu den Vulkanspitzen führen: mehr noch als auf der weniger südlich gelegenen Hochebene von Saint-Flour verleiht die Sonne hier den Farben der Stoppelfelder einen wunderbaren Goldglanz; der Rasen glänzt gestriegelt wie das Fell eines Vollbluts. Die Stille der Nacht inmitten der Viehweiden hat etwas Häusliches an sich; die Glocken der Kühe wachen zuweilen auf und bimmeln leise: nichts ist frischer und naiver als das Glockenspiel der träumenden Kühe. Im dichten Morgennebel, der das Tal füllt, fällt vor meinem Fenster ein steiler Grashang ab, auf dem die Kühe mit erhobenem Schädel verstreut und reglos stehen wie Meeresvögel am Rande einer Felsklippe...“
    Landschaften lesen: “Ortschaften ohne Charakter in der Ebene des Roussilion: Bauten mit spärlichen Öffnungen, ockerfarben oder blaßrosa verputzt, dicht aneinandergedrängt wie die Häuser in einem lothringischen Dorf, Straßen ohne Bürgersteige. Die ganze Ebene ist ein Garten, also brauchen die Häuser keinen: keine Blumen auf den Gassen, wenig Grün; ein nach Wein stinkender Kellergeruch dringt aus diesen kühlen und finsteren Gruften“.
    Eine andere verwandte Landschaftslektüre: „Ich mag die kleinen Ebenen in Vaucluse nicht (...) Die Einteilung in Parzellen ist zu kleinlich, zu zersplittert und unharmonisch; keine Spur von der mächtigen und weiten Chlorophyllatmung der holländischen Landstriche. Nicht mehr Land – und dennoch kein Garten. Die Idee des Ertrags, die in dieser ganzen Landschaftsfabrik unschön anklingt, verträgt sich nicht mit der des Gartens, der nur Selbstlosigkeit und liebevoll vergeudete Zeit ausstrahlt. Gemüse und Obstbäume entlehnen hier dem Geld, in welches sie sich verwandeln, etwas Welkes und Sprödes. Das Aussehen bleibt dabei, trotz der Bewässerung, merkwürdigerweise das eines Trockenanbaus: nirgends die weiche, saftige Fülle, die in Wörtern wie verger (Obstgarten) oder potager (Gemüsegarten) anklingt“.

    Eine kleine Soziologie der Ferien-Strand-Besucher: “Um vier Uhr nachmittags kommen, wenn die Sonne scheint, die Ferienlager wie Ameisnenkolonnen aus dem Wald, überqueren auf den Bretterstegen den Dünenkamm und verteilen sich in gruppierten Schwärmen auf dem Strand: um sechs sammeln sie ihre Truppen ein und führen sie zurück: nun tauchen, mit Sonnenschirmen und Badetüchern gewappnet, die schütteren kleinen Inseln der bisher in der jugendlichen Flut untergegangenen Sommergäste auf dem Sand auf, die noch eine kleine halbe Stunde bleiben: ein winziges aristokratisches Plus, das den Familien vorbehalten ist. Am Abend, nach dem Abendessen drehen die, die in den Häusern unmittelbar am Wasser wohnen, in der Kühle noch eine Runde am Strand oder auf den Felsen: das ist die Hautevolee von Sion-sur-l´Ocean – die Zelter hinter ihren Weidekrautzäunen sind schon zu weit weg verbannt“.

    Oder: in der „Leere des Atlantiks“ beobachtet: „... wenn man sich eine Weile auf der Reling aufstützte, nichts in Sicht, außer bisweilen Banden von fünf oder sechs Vögeln, groß wie Sperlingsvögel, die wenige Zentimeter über dem Wasser dahinglitten wie Pfeile, wobei sie in die flüssigen Wellentäler hinabtauchten und hinter jeder Sturzwelle verschwanden. Unglaublich war ihre Schnelligkeit, unglaublich die Dringlichkeit ihrer Patrouillenflüge: sie blieben ständig in den Mulden dieser feuchten Talwege und flogen nie über einen Wellenkamm; sie schienen in den Falten dieses salzigen Ergs gefangen zu sein wie in einem Labyrinth. Es sah aus, als suchten sie fieberhaft, panisch den Ausgang“.

    Zuletzt noch eine seiner Überlegungen, die auch auf seine Prosastücke zutrifft: „Mir scheint, man hat die für mich sehr frappierende Tatsache kaum betont, daß in einem Roman alles für immer zusammen ist: Personen, Tiere, Wolken, Gesprächsfetzen, Winkel von Landschaften, alles das wird in einem kompakten Block von zweihunderttausend Wörtern eingeschmolzen wie in ein Sulfid – die Zeit und die zeitlichen Abstände haben jede Elastizität eingebüßt, zwischen dem ersten jugendlichen Gefühlsüberschwang der Heldin und dem Auftritt der Randfigur werden für immer fünfundzwanzig Seiten liegen, der kleine Einschub von eineinhalb Zeilen wird den vornehmen Vater für immer zwingen, sich Tabakkrümel vom Revers seiner Jacke zu wischen, nachdem er seine zweite Prise Tabak geschnupft hat – und sooft man den Roman aufschlägt, beginnt das identische Spieldosentempo vom ersten bis zum letzten Wort von neuem (...) und dennoch lebt das alles auf gewisse Weise! Und kann bei Gelegenheit von neuem leben: was für eine Demut für den Schöpfer, was für ein Genie beim Leser!“

    Wolfram Schütte


    Julien Gracq: Witterungen II.
    Aus dem Französischen von Dieter Horning.
    Literaturverlag Droschl, Graz Wien, 2005.
    197 Seiten, Engl. Broschur, 23 ¤

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter