TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 14:28

Nicolas Mahler: Engelmann. Der gefallene Engel

10.06.2010

10 Gründe, Engelmann zu lieben

Aufgelistet von BRIGITTE HELBLING

 

1. Der tragische Held

Noch besser als Superhelden sind diejenigen Superhelden, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Nicolas Mahlers Engelmann steht damit in einer langen und ehrwürdigen Tradition von Comicgeschichten über Männer mit (zweifelhafter) Superkompetenz, von Frank Millers Dark Knight über Ted McKeevers Eddy Current bis hin zu Thomas Otts Phantom-Strips, in denen der maskierte Rächer vor lauter Bieren gar nie bis zur Heldentat vordringt. Engelmann, ein ernsthafter kleiner Kerl, wird weniger vom Feiern als vom Markt an seiner Karriere gehindert. Die „Machos vom Story-Department“ des Konzerns, der ihn entwickelt hat, machen ihm von Anfang an das Leben schwer. Da sind seine Superkräfte: Empfindsamkeit, Ambivalenz und Gut-Zuhören-Können. Da ist seine bürgerliche Tarnidentität als Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift. Da sind die ständigen Änderungen im Heft-Konzept, die einen disparaten Charakter vor zusätzliche Herausforderungen stellen: Mal tritt Engelmann blutig mit Schwert auf, mal lockig-flockig als Traum aller kleinen Mädchen. Wen wundert es, wenn der Protagonist, in Mahlers Strich ein pinkfarbenes Radieschen mit Nase, Flügeln und knuffigen Boots, sich bald nur noch dank Psychopharmaka über die Runden retten kann?

 

2. Die Überraschung

Bisher ist Mahler in Sachen Superhelden vor allem mit den Identities-Siebdruck-Bilderpaketen aufgefallen, einer Art Kleckskunst mit Untertiteln, zu bestellen über seine Website (oder auch nicht) für einen Preis, den der Künstler (zumindest in einem Fall) nicht ernst meinen kann. Und nun also ein ausgewachsenes, fast 100-seitiges, hypercleveres Hardcover, angesiedelt im Batman/Spider-Man-Genre. Hätte man das dem produktiven Wiener zugetraut? Hätte man nicht. (Nebenbei: Größere Teile von Mahlers Gesamtwerk handeln von der permanenten Unterschätzung seiner Kunst durch die Allgemeinheit).

 

3. Was für ein Name!

Engelmann. Was für ein Name, was für eine Anmutung! Der Engel als Superheld, oder der Superheld, ein Engel auf Erden ... Die Flügel taugen zum Fliegen, auch wenn sie nicht so aussehen. Engelmanns Gegner ist eine schrankartige Krake, die mindestens fünfmal so groß ist wie der Kämpfer für das Gute, immerhin, fliegen kann „Gender-Bender“ nicht. Dafür ist seine Tarnidentität weniger peinlich als die von Engelmann: Er schlägt sich als Schönheitschirurg durchs Leben. Seine Tentakeln wachsen, kaum vom Heldenschwert abgeschlagen, sofort wieder nach.

 

4. Absurde Dialoge

Als Meisterstück mag das Gespräch auf dem Polizeikommissariat gelten, wo Engelmann und sein Kumpel Captain Analpho landen, nachdem sie beim Schwarzfahren erwischt worden sind. Den Geldbeutel hat keiner von beiden dabei. (Beult das Kostüm aus.) Und was sagt ein Superheld in Verkleidung, wenn er nach seinem „richtigen Namen“ gefragt wird? „Darf ich nicht sagen.“ „Wohnort?“ „Ein Versteck“. Und so weiter. Selten wurden die bürokratischen Zwickmühlen einer Superheldenexistenz so knapp und einleuchtend auf den Punkt gebracht.

 

5. Die Fußnoten!

Auf dem Polizeikommissariat ist die Fußnote ein kleines Bild, sonst begnügt sich Mahler mit hilfreichen Anmerkungen zu Dingen, die kein Leser je wissen wollte. Zum Beispiel die Tatsache, dass „35% aller Superhelden Analphabeten“ sind und „auch Legasthenie unter Menschen mit Superkräften weit verbreitet“ ist.

 

6. Captain Analpho

Die Auflösung der Frage, warum Engelmanns Superheldenkumpel „Captain Analpho“ heißt.

 

7. Warten auf den Nachtbus

Damit verbringen Engelmann und Captain Analpho viel Zeit. Im übrigen konzentriert sich der „Sammelband“ Engelmann nicht nur auf einzelne Ausschnitte aus den Heftabenteuern und auf Engelmanns Freizeitverhalten, sondern führt auch eine Reihe von Zeugenaussagen zum Aufstieg und Fall des Helden ins Feld; unter anderem zwei Schuljungen, einen Comic-Händler und einen äußerst kundigen „Kantinenwart“, der, wie sich irgendwann herausstellt, selbst ein Superheld war, bevor das Leben ihm eins über die Rübe zog.

 

8. Der "Engelmann"-Film

Kann man die Tatsache, dass der Flop des Engelmann-Films den Niedergang der boomenden Superheldenfilm-Industrie einläutete, als Heldentat sehen? Denkbar, wenn nicht a) Engelmanns eigener Untergang davon nur beschleunigt würde und b) die Barbarenfilme, die danach kamen, nicht als wesentlicher Fortschritt erscheinen. Engelmann schaut sie sich dennoch an. Bei seinem Medikamentenkonsum, vermutet der Leser, spielt es wohl keine Rolle mehr, wer vorne auf der Leinwand gerade das Blutschwert schwingt.

 

9. Engelmanns nicht vorhandenes Sexleben

Engelmanns nicht vorhandenes Sexleben. Mahler scheint zu wissen: Sex ist der Tod jeder ernstzunehmenden Megaheldenexistenz. Engelmanns kurze Begegnung mit „Wunden-Woman“ endet böse, für seine Frau ist der Held eine einzige Enttäuschung. Dass sie noch nicht mal existiert, stellt sich erst am Ende heraus.

 

10. Das Ende

Das Ende ist genau so, wie es sein muss: melodramatisch und groß gezogen und schrecklich rührend. Das finale Bild zeigt Wolken, die wie zerknautschte Aufback-Baguettes über einem Grabhügel schweben. Ein Anhang danach bietet unter anderem: Diverse Covers der Engelmann-Hefte, eine Antiquariats-Preisliste für gut erhaltene Objekte, eine weitere Fußnote und ein leeres Blatt für „selbst gefundene Logikfehler“. Da schreibt der Leser dann glücksvoll hin:

 

Warum nimmt Engelmann andauernd den Nachtbus, wenn er doch fliegen kann?

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Der Spielplatz macht zu

Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter