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Katharina Born: Schlechte Gesellschaft

02.05.2011

Wenn die Tochter mit dem Vater

Katharina Born hat für ihr nun erschienenes literarisches Debütwerk, die Familiengeschichte Schlechte Gesellschaft, reichlich Vorschusslorbeeren kassiert. 2007 wurde die heute 37-jährige mit dem »Literaturpreis Ruhr« ausgezeichnet, obwohl sie bis dahin lediglich als Herausgeberin von Briefen und Gedichten ihres 1979 verstorbenen Vaters Nicolas Born (Die Fälschung) in Erscheinung getreten war. Von PETER MOHR

 

Vor zwei Jahren gehörte sie für einen Auszug aus ihrer nun veröffentlichten Familiengeschichte zu den Preisträgerinnen beim Klagenfurter Bachmann-Preis. Eine künstlerische Hypothek, die der Autorin offensichtlich schwer zu schaffen machte.

 

Katharina Born hat sich für ihren Erstling wahnsinnig viel vorgenommen: Er liefert einen unendlich verschlungenen Familienroman aus der Schlüssellochperspektive, ein literarisches Puzzlespiel mit ironischem Seitenhieb auf die Germanistenschar, einen leicht folkloristischen Heimatroman und auch noch eine politische »Katastrophengeschichte«, die von der wilhelminischen Ära bis zum Mauerfall reicht. Auf nicht einmal 300 Seiten ist eine solch gigantische Stofffülle kaum zu bewältigen.

 

Übervater Nicolas Born

Im Mittelpunkt dieses auf drei Zeitebenen alternierenden Erzählkonvoluts steht der jung verstorbene Dichter Peter Vahlen, der seine Hochzeit in den unruhigen Jahren der Studentenbewegung erlebte (»viel zu schade für die Revolution«) und mit seinem später fürs Fernsehen verfilmten Roman Villa Westerwald einen Riesenerfolg hatte. Selbstverständlich gibt es gewisse Parallelen zwischen der Romanfigur Vahlen und dem realen Nicolas Born, der im Alter von gerade einmal 42 Jahren an Lungenkrebs gestorben ist, zwischen dessen Ehefrau Hella und der Born-Witwe Irmgard (beide sind Ärztinnen); dennoch haben wir es hier weder mit einem Schlüsselroman noch mit irgendeiner Spielform der dokumentarischen Prosa zu tun. Fakten und Fiktion werden stattdessen bunt miteinander vermengt.

 

Katharina Born hangelt sich trotzdem erzählend am Leben ihres Vaters entlang und betreibt durch die Figur der Tochter Judith auch eine ganz spezielle Form der Vatersuche. Gleichzeitig bemüht sie sich andernorts aber auch akribisch um Verstellungen und Tarnungen und legt auch bewusst falsche Spuren aus. So ist die Romanhandlung weder im Ruhrgebiet noch in Berlin oder im Wendland (Borns Lebensstationen), sondern im fiktiven Westerwaldörtchen Sehlscheid angesiedelt. Inzest, Seitensprünge und Vergewaltigungen, Kränkungen, Verletzungen, Irrungen und Wirrungen vor allem der in der Handlung dominierenden Frauenfiguren lassen die Rekonstruktion der Familienstammbäume zu einem wahren kriminalistischen Puzzlespiel werden.

 

Auf einer detektivischen Metaebene des Romans bewegt sich schließlich der Germanist Andreas Wieland, ein junger Doktorand aus Duisburg, der sich ebenso eifrig um den Vahlen-Nachlass wie um dessen Tochter Judith bemüht. Auf dem Dachboden der Vahlen-Villa stößt er nicht nur auf einen interessanten Briefwechsel zwischen dem verstorbenen Vahlen und seinem weniger erfolgreichen Dichterkollegen Peter Gellmann, sondern auch auf mysteriöse Aufzeichnungen über einen verästelten Familienstammbaum. Das mag von Katharina Born sehr ambitioniert geplant gewesen sein, doch diesem ausufernden Figurengewimmel mangelt es sowohl an Empathie als auch an adäquater formaler Gestaltung.

 

Man kann die Sprache, wenn man es salomonisch meint, karg nennen, aber auch betulich-simpel und unliterarisch. »Er war gespannt, was die Vahlen-Tochter von ihm wollte. Gleichzeitig machte ihn ihre körperliche Nähe nervös. Bei dem Versuch, die Missbildung ihrer Hand genauer zu betrachten, fiel Kittels Blick auf ihre halbdurchsichtige Bluse. Wenn der Dekan hereinkäme, könnte er die Situation falsch verstehen.« Das ist nicht nur sprachlich seichtes Niveau, sondern zeugt auch von einem arg klischeehaften Denken und Handeln der Figuren. In diesem Fall handelt es sich bei Kittel immerhin um einen Germanistikprofessor, nämlich um Wielands Doktorvater.

 

Katharina Born hat sich mit Schlechte Gesellschaft schlichtweg thematisch übernommen. Irgendwo zwischen verspielter Verschlüsselung des Lebens ihres Dichtervaters und autobiografischer Spurensuche ist sie hängengeblieben und hat uns ein gigantisches Exposé für einen Mehrteiler vorgelegt. Ein unfertiges Konvolut – zwischen der Schwarz-Weiß-Epoche der Familie Hesselbach und der zeitgenössischen Lindenstraße pendelnd.

 

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