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Astrid Rosenfelds: Adams Erbe

18.04.2011

Tragikomödie mit schwarzem Humor

»Sich nicht zu fürchten ist die einzige Freiheit, die wir jemals erlangen können«, lautet das Lebensmotto in der jüdischen Familie Cohen, die im Mittelpunkt des Romanerstlings Adams Erbe der 34-jährigen Autorin Astrid Rosenfeld steht. Von PETER MOHR

 

Die Debütantin wollte ursprünglich Schauspielerin werden, arbeitete aber in den letzten Jahren in der Filmbranche in verschiedenen Jobs hinter der Kamera. Ihre Affinität zu den bewegten Bildern spiegelt sich auch in ihrem literarischen Debüt wieder. Sie hat eine flott erzählte, an Höhepunkten reiche Geschichte vorgelegt, mit bühnentauglichen Dialogen und einem bunten Figurenensemble.

 

Im Mittelpunkt des zweigeteilten Romans stehen Edward Cohen und sein Großonkel Adam. Wir befinden uns im zeitgenössischen Berlin, als der Boutique-Besitzer Cohen, Nachfahre von Holocaust-Überlebenden, im Nachlass seiner verstorbenen Großmutter auf ein dickes Bündel Papier stößt. Es sind Briefe seines Großonkels Adam, das schwarze Schaf der Familie, mit dem er oft verglichen wird.

Nach und nach bewegen wir uns aus Edwards eher trauriger Gegenwartsexistenz in die Vergangenheit seines Großonkels, in die späten 1930er Jahre, als der »schnurrbärtige August mit seinem Verein« die jüdische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte.

 

Wie einst Adam gilt auch Edward als Luftikus, als wenig pflichtbewusster und ehrgeizloser Mensch, der offensichtlich stark von seinem Stiefvater Jack geprägt wurde. Mit diesem aufschneiderischen, aber irgendwie doch liebenswerten Taugenichts, der sich mal als Bühnenkünstler, mal als Edelsteinhändler ausgab, zog Edward als Kind unbeschwert durchs Land, bis Jack eines Tages bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam und der Stiefsohn ohne richtige Schul- und Berufsausbildung vor dem Nichts stand. Seine frömmelnde Mutter war keine Hilfe, seinen leiblichen, aus Skandinavien stammenden Vater hat er nie kennen gelernt, Mittelpunkt der Familie war in Edwards Kindheit und Jugend die strenge und selbstbewusste Großmutter.

 

Sie fungiert auch als Bindeglied zur zweiten Romanebene, auf der Astrid Rosenfeld aus Adam Cohens bewegter Vita erzählt. Über den Großonkel rankten sich in der Familie viele Legenden, »offiziell« galt er nach dem Krieg als verschollen. Er hatte sich in das aus Polen stammende jüdische Mädchen Anna Guzlowski verliebt, war ihr mit gefälschten (arischen) Papieren nach Polen gefolgt und hatte als Gärtner des deutschen »Generalgouverneurs für die besetzten polnischen Gebiete« gearbeitet. Die Protektion hatte er dem Geliebten seiner Großmutter Edda, dem kunstbeflissenen Hitler-Verehrer Bussler zu verdanken. Gerade bei der Schilderung des gefährlichen Lebens in Polen, das geprägt war von Adams ständiger Angst vor Enttarnung, gelingen Astrid Rosenfeld geradezu beklemmende Sequenzen, die dem Leser das Blut in den Adern gefrieren lassen. Adams Erbe ist ein Buch, das mit ganz starker innerer Anteilnahme geschrieben ist, eine erzählerische Tragikomödie, die mit ihrem bisweilen schwarzen Humor an die Theaterstücke von George Tabori erinnert.

 

Am Ende hat sich der Kreis auch formal geschlossen. Adams Lebensweg wurde mit Hilfe der schriftlichen Hinterlassenschaften rekonstruiert, und Edward – und das wirkt dann doch etwas konstruiert – erzählt die doppelte Biografie auch einer jungen Frau: »Amy, jetzt habe ich dir die ganze Geschichte erzählt. Adams Geschichte und meine Geschichte, die sich auf einem Dachboden ineinander verschlungen haben.«

 

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