Sartre und Chruschtschow
Die eine Handlungsebene also im Stil eines klassischen Entwicklungsromans. Michel wird auf wichtigen Stationen bis zu seinem Abitur begleitet, er macht erste Erfahrungen in politischen Diskursen, lernt Höhen und Tiefen von Freundschaft kennen, die erste Liebe. Der »Club« ist dabei pädagogischer, väterlicher Begleiter, eine Art »Turmgesellschaft«. – Das ist das eine. Guenassia schreibt aber auch einen Zeitroman: Ungarnaufstand, Mauerbau, Chruschtschows Sturz.
Viel Gewicht erhält der Algerienkrieg. Ein Teil der Familie Delaunay lebt in Algerien und verlässt das Land nach dem Votum für die Unabhängigkeit. Für die Familie nicht nur ein finanzielles Desaster. Das Trauma Algerien kulminiert auch im engsten familiären Kreis: Frank, Michels Bruder, der sich zunächst freiwillig für den Algerienkrieg meldet, desertiert aus der Armee und wird des Mordes an einem Offizier angeklagt. Nach ihm wird gefahndet, er flüchtet mithilfe des Vaters nach Südamerika. Die Mutter kündigt die Ehe auf.
In den Algerien-Passagen bezieht Guenassia deutliche politische Position und verlangt Aufarbeitung jüngster französischer Geschichte. Der »Prix Goncourt des lycées» wird ihm daher 2009 nicht zufällig von französischen Oberschülern verliehen. Denn es ist faszinierend und auch lehrreich zu lesen, mit welchem Engagement die damalige Opposition kämpfte, auf welch dünnem Eis sie sich bewegte. Das »Erschießt Sartre!« der Militärs, das von ihm mit unterzeichnete Manifest 121, das sich gegen die Verurteilung der Kriegsdienstverweigerer im Algerienkrieg richtete, sowie die Bombenexplosion 1962 in Sartres Wohnung sind Fixpunkte des Idealismus.
Sehr liebevoll dann auch Michels Begegnung mit Sartre im Club: »Er lächelte mich an. Ich wagte nicht, ihm zu sagen, dass wir etwas gemeinsam hatten, und ihn als ehemaligen Schüler von Henri IV anzusprechen. Ich wollte etwas Originelles von mir geben. Nur wusste ich nicht, was. Wie konnte man Jean-Paul Sartre gegenüber intelligent sein?« Sehr intim werden auch Sartres Gedanken zu Camus’ Tod einmontiert und in Szene gesetzt: Sartre lässt im Club einige Skizzen und Entwürfe liegen, in denen zum Erstaunen der Mitglieder dessen Verbundenheit mit Camus zum Ausdruck kommt.
Jean-Paul Sartre ist – wie auch der Autor der Belle du Jour, Joseph Kessel – hin und wieder Besucher des »Clubs der unverbesserlichen Optimisten«. Der Club im Hinterzimmer des Bistro Baltos ist der Versammlungsort für Emigranten »aus Ländern im Osten«, die trotz aller furchtbaren Erfahrungen mit dem Kommunismus, den Säuberungen, den familiären Katastrophen Optimisten geblieben sind. Hier versammeln sich alle Arten von Exilanten und Außenseiter beim Schachspiel: »Juden, Querköpfe, Intellektuelle, Schachspieler«. Dieses sonderbare Kabinett wird nicht bewegt vom Rock’n’Roll, von Science-Fiction und aufkeimender Jugendkultur, hier lebt die Kommunismus-Debatte der Sowjets erneut auf. Einige haben längst damit gebrochen, andere klammern sich nostalgisch daran fest.