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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 07:26

    Christian Kortmann: Der Läufer

    01.02.2010

    Die Hybris des Langstreckenläufers

    Egozentrik ist sein ganzheitliches Lebenskonzept. Tägliches Training räumt alle Hürden aus dem Weg. Jeden Tag den Körper spüren, seinen Hunger, seinen Schmerz, seine Sättigung – das ist sein Ziel. Ein vor Energie strotzender Titelheld startet durch. Von INGEBORG JAISER

     

    Ein wahrlich toller Hecht ist dieser Carlo Kornell: durchtrainiert, megasportlich, unverwundbar, immer unter Strom. Der geübte Sieger. Der geborene Überflieger. Das Ultraleichtgewicht. Der einsame Wolf. Läuft regelmäßig große Strecken, um den Körper müde zu halten, damit ihn die Aggressionen nicht übermannen. Blickt verächtlich auf die Weicheier, die er bei seinen strapaziösen Touren hinter sich lässt. Braucht nichts und niemanden. Von ein paar Bananen, etwas frischem Quellwasser und einem gelegentlichen Quickie mal abgesehen.

     

    Erfolg ist ein Selbstläufer

    Der 1974 geborene Autor Christian Kortmann hat mit Der Läufer ein Alter Ego geschaffen, das unübersehbare Parallelen zu seinem eigenen Leben aufweist: studiert, promoviert, smart. In München lebend. Oft an der Isar und in den Bergen unterwegs. Letztendlich vom geschriebenen Wort lebend, trotz aller Skepsis und Ambivalenz. „Erfolg ist, für das bezahlt werden, was man tut. Nachgefragt sein. Etwas entstehen lassen. Sozial interagieren, mit den eigenen Handlungen das Leben anderer beeinflussen. Schaffen. Eingeladen werden … Erfolg ist ein Selbstläufer.“ Wenn auch ein einsamer.

     

    Zurück zu Carlo Kornell. Der haust sehr reduziert in einer lärmumspülten Münchner Wohnhöhle, zwischen Arbeits- und Schlafkessel, wo offenbar ein Faxgerät und ein altmodisches Bakelit-Telefon zu den wenigen Einrichtungsgegenständen gehören. Hofft halbherzig auf den Durchbruch, den Vertrag, das Engagement, den überraschenden Erfolg – wofür er dann doch nur Verachtung übrig hätte. Und trotzdem haben ein paar kleine Erlebnisse seinen Erfolgswahn geschürt: hier ein Casting, dort eine Statistenrolle oder gar ein lukrativer Vertrag mit einem Designbüro. Selbstredend wurde diese Stelle nie angetreten.

     

    Nach Schach, Großstadt-Golfen und Fahrradfahren (natürlich nicht im spackenden Polyester-Dress auf einem hochgerüsteten Mountain-Bike, sondern sehr cool auf einem „Puch Elegance“ Dreigang-Rad, vielleicht sogar noch mit einer altmodischen Satteltasche) ist Carlo letztendlich beim Laufen hängengeblieben. „Das Training an sich ist die Performance – der Trip ist die Ankunft.“ Von München-Untergiesing immer schön an der Isar entlang. Vorbei an den durchgestylten Schicki-Micki-Läufern, vorbei an den rotgesichtigen, schwitzenden Familienvätern, die am frühen Abend wieder am heimischen Grill zu stehen haben.

     

    Forza Carlos, Vamos Kornell

    Und eines Tages startet Carlo Kornell zum längsten Lauf seines Lebens – und zum längsten inneren Monolog seit Arthur Schnitzler. 220 Kilometer und 272 Seiten später wird er am österreichischen Timmelsjoch angekommen sein, vollkommen ausgepowert, komplett ausgekotzt. Blank und schutzlos wird sein eigenes Leben vor ihm liegen: „Wer einen Ausweg sucht, muss Nomade werden.“

     

    Rauschhaft und diszipliniert zugleich schraubt sich Carlo hinauf, über Wolfratshausen, Bad Tölz, Lenggries, den Sylvensteinstausee, Wallgau, Telfs, Ötz, Sölden. Rekapituliert sein gesamtes Leben. Entfacht übermenschliche Kräfte. Läuft durch den Abend, die Nacht, die Morgendämmerung. Widersteht den Testosteron-Schüben  („Es zwickt in der Hose, mal aufräumen, reingreifen und den Kram nach links sortieren.“) genauso wie den Magen-Darm-Turbulenzen („Carlos Peristaltos“). Am Ende kommt ein Übermensch an, halb von Sinnen.

     

    Frustrierte werden Kortmanns Roman allzu gerne als Abrechnung mit der verhassten Leistungsgesellschaft interpretieren. Sportlich Untrainierte werden bei der Lektüre offenen Mundes staunen. Literaten werden sich an der schieren Wortgewalt ergötzen. Ein ungewöhnliches Debüt ist es allemal.

     

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