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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 07:26

    Daniela Dröscher: Die Lichter des George Psalmanazar

    14.09.2009

    Biblisch-märchenhafte Figuration

    Fernab jedweder „jungen Prosa“ rollt Daniela Dröscher in ihrem Romandebüt Die Lichter des George Psalmanazar den funkelnden Topos des singulären, heiligen Wesens auf leicht verklärende Weise wieder auf. Von MARIUS HULPE

     

    Wenn auf eines ganz besonders geachtet werden darf bei einem jungen deutschsprachigen Debüt, dann auf die Art und Weise, wie und wo jemand erzählerisch aufsetzt, wo eine Sprache sich platziert und was das mit dem zu tun hat, was diese Sprache erzählt. Selten, dass sich etwas so sehr von seiner Zeitgenossenschaft abhebt, wie es beim Romandebüt Die Lichter des George Psalmanazar der 1977 geborenen Daniela Dröscher der Fall ist. Denn eines ist diese Geschichte von George, der Fische mit bloßen Händen aus dem Meer fängt, einem Bischof sowie einem Gelehrten die Sinne und Nerven raubt, mit Aphorismen und Psalmen jongliert wie nicht einmal ein Priester dazu in der Lage wäre, eines ist diese Geschichte nicht: das typische erste Buch einer jungen deutschsprachigen Autorin.

    Sakraler Vordergrund

    Hier, und das ist vom ersten bis zum letzten Buchstaben zu spüren, will jemand partout nicht auf den fahrenden Zug springen, will und muss etwas anderes sein – märchenhafter, prunkvoller und weitwinkliger als vieles, was gegenwärtige Selbstschauprosa zu bieten hat. Eine verklärende Figuration spielt sich in diesem postmittelalterlichen Dunstkreis ab, viele Menschen ranken sich um einen einzigen, eine Art Nichtwesen, ihn, George. Dieser verhilft nicht nur dem Bischof von Innes zu wieder gewonnener Aufmerksamkeit unter seinen Schäfchen, auch zieht er seinen Nutzen daraus, dass er eines Tages ein Angebot von diesem Bischof bekommt, mit ihm zu gehen. Nach einem kurzen nüchternen Abwägen, was ihm das bringen könnte, lässt er alles stehen und liegen und steigt in dessen Kutsche. In der bischöflichen Residenz angekommen, bewundert er noch dessen Bibliothek: „Nie zuvor hatte George so viele Bücher aus der Nähe gesehen, aber es war, als gäbe es hier etwas zu erinnern.“ Doch bald geht es für ihn in die „Kammer“, eine Erziehungsmaßnahme, man schreibt das Jahr 1749. Zudem ist der Bischof neugierig, macht erste Bekehrungsanstalten, doch der merkwürdige Junge gibt nicht einmal preis, woher er stammt oder wie sein vollständiger Name lautet.

    Irgendwann fällt George doch etwas zu seiner Herkunft ein, dann allerdings gleich im Überfluss, als wären diese Identitätsversatzstücke aus einem Lehrbuch für skurrile Abstammungslehre.

    Doch die Hoffnungen des Sonderwesens George auf einen Nutzen durch den Bischof sollen nicht in dieser Falle aus wenig aufklärerischer Neugier und protestantischem Eifer erstickt werden. Er gerät in feinere Kreise, wird an den berühmten Londoner Dichter und Gelehrten Samuel Johnson verkauft, gerät in eine Liebschaft mit dessen Tochter und verwächst zusehends mit dem öffentlichen Leben. Beinahe ist es, als fände hier eine Befleckung eines Unschuldigen durch die öffentliche Rohheit statt. Und dies nicht nur im christlichen Sinne, denn aufgeladen mit biblisch-mystischen Bezügen ist das Buch ohnehin reichlich. Hinzu kommt eine anthropologische Ebene, Rousseau wird zitiert, der Junge als Wilder stilisiert, insbesondere vom Bischof, der lange davon träumt, großes Geld mit George zu machen. Fragen hinsichtlich der Determination als Mensch stellen sich zunehmend mit der Entwicklung von George zu einem vermeintlichen Außenseiter, der dennoch vollends integriert ist in das städtische Gewusel.

    Anziehungskraft trotz Allgemeinheit

    Die Liebe zur Tochter Johnsons gerät angesichts der viel eindringlicheren Fragen, die dieser Roman stellt, zum Nebenschauplatz, auch wenn es keine unsympathische Liebe ist, die da zustande kommt.

    Aber vielleicht ist das auch besser so. Denn im Einflechten des Liebestopos offenbart der Roman eine seiner Schwächen, die anderswo besser versteckt sind. Zu glatt, zu abrundend und verherrlichend wirkt die Lovestory. Leider bewegt sich auch sprachlich manches nahe am Abgrund, ohne je unglaubwürdig zu sein, allein das poetische Arrangement übersteigt manches Mal das erträgliche Maß an Allgemeinheit und Süße: „Sie fuhren über Wege und Straßen, Klippen und Kornfelder wechselten einander ab, und überall glaubte sich George vom Duft des Meeres begleitet.“ Hier sind gewisse Hände von einem „edlen Handschuh“ bedeckt, dort findet sich ein „überaus zartes, schön anzusehendes Muster“ oder ein „Eiland“, das „von solch unerhörter Schönheit war, dass er von sich aufsah“.

    Auch fühlt man sich hier und dort an den Einzelgänger Grenouille erinnert, dem millionenfach beim Morden über die Schulter gesehen wurde. Sprachlich wird einfach zu flott etwas behauptet, beispielsweise, dass etwas „schön“, „wunderbar“ oder „glänzend“ ist. Ein Aussagewert ist damit nicht gewonnen. Solche Passagen helfen dem Roman nicht, tragen den Plot nicht auf eine bildliche Ebene hinaus, was aber nicht zwingend ein Problem sein muss. Denn er hilft sich, wie auch George, selber. Der lichte, melancholische, aber stringent erzählte Inhalt sowie die Charakterentwicklung allein bereiten große Freude. Erzählerisch darf sich ohnehin gefreut werden angesichts von Frau Dröschers Wagemut. Ein bisschen mehr von diesem bei der sprachlichen Durchführung, weniger schale und dafür mehr ungewöhnliche Poetisierung, und es wäre einer der großartigsten deutschen Romane der letzten Jahre geworden.

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