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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 19:24

    Andreas Martin Widmann: Die Glücksparade

    04.06.2012

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen großer Pläne obsolet geworden ist? Um diese Fragen kreist der Debütroman Die Glücksparade von Andreas Martin Widmann. Schnörkellos und mit feinsinniger Beobachtungsgabe erzählt der Jungautor und Robert-Gernhardt-Preisträger darin die Geschichte des 15-jährigen Simon zwischen Trostlosigkeit und Hoffnung. Von CATHÉRINE WENK

     

    Dann also der Campingplatz. Simons Vater hat sich entschieden: Er wird die Stelle als Platzwart annehmen. Und ein Platzwart soll, findet er, wo er arbeitet, auch wohnen. Der Umzug ist damit beschlossene Sache. Das neue Heim von Simon und seinen Eltern ist ab jetzt ein Container, 29 Quadratmeter groß, inmitten der Campinganlage, abseits der Stadt gelegen. Der 15-jährige Simon nimmt die Entscheidung hin. Seine Mutter ist von der Idee wenig begeistert. Doch ihr bleibt keine andere Wahl, als sich dem Vorhaben ihres Mannes anzuschließen. Seit zwei Jahren ist sie arbeitslos, Simons Vater hat sich in dieser Zeit von Job zu Job gehangelt. Die Familie, auch ein Paradebeispiel für die neu entstandene Schicht des Prekariats.

     

    Jugend im Aufbruch? Simon lässt die Dinge lieber geschehen

    Der neue Wohnort von Simon und seinen Eltern wird im Roman zu einer in sich geschlossenen Topographie. Ihr gehören auch die übrigen Campingplatzbewohner an, die nach und nach ihr Quartier in der Anlage beziehen. Sie sind das, was in unserer Gesellschaft gern als gescheiterte Existenzen bezeichnet wird: Klaus, der eine eigene Flugschule aufmachen wollte, sich aber mit den Krediten verschätze, Bubi Scholz, der sich nach dem bekannten Boxer benennt, es aber selbst nie zum Profi gebracht hat. Doch Worte des Bedauerns über verpasste und verfehlte Lebensträume sucht der Leser in Widmanns Roman vergebens. Vielmehr haben die Protagonisten ihre Situation angenommen und sich arrangiert.

     

    Ein Grundton der Tristesse durchzieht den Roman wie eine dezente Hintergrundmusik. Simon, den Widmann seine Erlebnisse und Eindrücke aus der Ich-Perspektive schildern lässt, reflektiert sein Umfeld und zieht daraus seine ganz persönlichen Schlüsse: »Dass eines Tages etwas passieren würde, wonach sich alles änderte […], das war eigentlich kein Plan, aber so nah dran, wie ich es mir vorstellen konnte. Obwohl ich nicht mehr so sehr daran glaubte wie noch vor zwei oder drei Jahren. Nicht dass ich die Idee ganz aufgegeben hatte, aber ich hatte das Gefühl, es sei unangebracht, darüber zu sprechen, weil es andere dazu brachte, darüber zu lächeln und zu nicken oder sogar noch weiter nachzufragen. Egal, worum es ging, ich hatte begriffen, dass man Pläne für sich behalten und nur heimlich in die Tat umsetzen sollte. Wenn es schiefging, merkte es keiner.«

     

    Der Prozess des Erwachsenwerdens bedeutet für Simon auch die Erkenntnis, die Dinge mit sich selbst auszumachen. Den Gedanken eines möglichen Scheiterns hat er dabei fest in sich verankert. Simon ist kein Idealist – auch will auch keiner sein. Seine Betrachtung auf sich selbst und sein späteres Leben entspringen einem selbstverständlichen Realismus. Jugend ist für ihn nicht mit Aufbruch verbunden. Gelassen nimmt er die Gegebenheiten hin, ist zugleich aber auch auf der Suche nach neuen Eindrücken, die er in sich aufnimmt. Dieser Prozess spiegelt sich vor allem in den Naturerlebnissen Simons wider, die Widmann mehrfach in den Roman einbringt. So zum Beispiel, wenn der 15-Jährige zusammen mit seinem Hund die umliegende Landschaft des Campingplatzes erkundet.

     

    Detailreich schildert Widmann in diesen Szenen die sinnlichen Erlebnisse des Jugendlichen: den Geruch des brackigen Wassers, den Blick auf die blühenden Holunderbüsche, das Geräusch der davon fliegenden Enten. Diese Momente stehen exemplarisch für die gesamte Erzählweise des Romans: Ungefiltert und völlig selbstverständlich lässt Widmann den Leser an den Gedanken und Beobachtungen Simons teilhaben. Dabei verzichtet er auf künstlich erzeugte Dramatik oder bewusst gesetzte Spannungspunkte. Die Dinge, so hat der Leser das Gefühl, passieren einfach – und das in einer ganz unspektakulären Art.

     

    Vorbilder gibt es für den 15-Jährigen nicht mehr

    Genau hier liegt die große Stärke des Romans. Denn er zeigt, dass das Erwachsenwerden in unserer heutigen Zeit keinen Stoff mehr birgt für große, aufregende Geschichten. In Simons Leben gibt es kein Schwarz-Weiß, nur unterschiedliche Grau-Töne. Für ihn gilt es sich einzurichten, in unserer Welt, die Glücksmomente, aber auch Trostlosigkeit bereithält. Und diesen Prozess muss er ganz allein bewältigen. Vorbilder gibt es keine mehr, wie der Roman am Beispiel der Vater-Sohn-Beziehung deutlich macht. Denn auch wenn zu Beginn bereits klar ist, dass Simons Vater beruflich gescheitert ist, bewundert ihn der Sohn für dessen Lebenskünstler-Attitüde. Sein Vater, so erscheint es Simon, manövriert sich gekonnt durch alle Situationen.

     

    Doch im Verlauf des Romans kommt es zum Bruch. Am Beginn jener Entwicklung steht Lisa, die hübsche Tochter des Camper-Ehepaares Heller, von der man sich erzählt, sie werde bald eine eigene Fernsehshow moderieren. Die Sendung soll den Namen »Die Glückparade« tragen. Hoch symbolisch ist dieser Titel gewählt, findet doch auf dem Campingplatz vielmehr ein Aufmarsch der Glückslosen statt. Simon entdeckt Gefallen an Lisa. Doch mit der Zeit wächst der Verdacht in ihm, sein Vater könnte eine Affäre mit ihr haben – was sich jedoch als falsch erweist.


    Die gedankliche Loslösung vom Vater hat da aber bereits begonnen. Die Erkenntnis und der Wille, allein auf sich selbst angewiesen zu sein, manifestieren sich für Simon schließlich in den letzten Szenen des Romans: Seine Mutter ist ausgezogen, sein Vater hat getrunken und ist mit dem Auto von der Straße abgekommen. Mit einer Platzwunde am Kopf sitzt er am Straßengraben – klein und bemitleidenswert. Ein Schlüsselmoment für Simon: »Er wusste nicht mehr, was richtig war und was nicht, hatte es vielleicht nie gewusst und musste es sich in diesem Moment hier draußen in der Kälte und in der Nacht eingestehen.« Simon macht sich auf den Weg zurück zum Campingplatz, es hat begonnen zu schneien. Und so wie der Schnee alle Dinge bedeckt, so schließt auch Simon mit dem Vergangenem ab. »Die heutige Zeit, von der mein Vater immer sprach, hatte auch für mich begonnen und ich war froh, dass da draußen im Dunkeln, zwischen den Schneeflocken, die immer dichten fielen, und in den leeren Wohnwagen, keiner war, der etwas davon mitbekam.«

     

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