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    Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens

    07.05.2012

    Seid umschlungen Millionen

    Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das »heiße« Pflaster Berlins zu stellen.

    Von HUBERT HOLZMANN

     

    Fast könnte man Aléa Toriks Erstling Das Geräusch des Werdens als ambivalenten Roman bezeichnen, spielt doch die Story teilweise in der alten rumänischen Heimat, teilweise in der neuen Wahlheimat Berlin. Es ist die »alte« Geschichte von Freundschaft und Liebe, von Trennung und Tod, Heimweh und Fernweh. Und dabei stammt beinahe das gesamte Personal, das beinahe wie eine große Familie miteinander in Beziehung steht aus dem kleinen Dorf, aus Marginime in Siebenbürgen.

     

    Die vielen kurzen Geschichten, Episoden, Erinnerungen, Schilderungen sind also Teil eines Ganzen. Ursprung und Auslöser ist eine – fast novellenartig anmutende – Rahmenhandlung, aus ihr entspringt der Erzähldrang, in ihr fließen aber auch alles zusammen: Ausbrüche, Umbrüche, Abbrüche. Den Rahmen bildet also die Erzählung des blinden Fotografen Marijam, der in Berlin mit seiner Freundin Leonie zusammenlebt und in einer der Galerien der Stadt eine Ausstellung seiner Aufnahmen vorbereitet. Am Abend der Vernissage soll er seine Fotografien mit ein paar Worten vorstellen. Er fühlt sich zu einer Erklärung genötigt, weshalb er gerade fotografiert, obwohl es ja vor allem die Geräusche sind, wodurch er seine Umwelt wahrnimmt. Aus diesen paar Worten erwächst seine Kindheitsgeschichte. Er blickt auf seine Herkunft zurück, erzählt von seiner Familie, seine Krankengeschichte. Und dieser Rückblick ist es auch, an den weitere Erzählungen von anderen Dorfbewohnern eingeschoben werden.

     

    Dies Märchen ist ganz musikalisch

    Marijas Geschichte beginnt in Rumänien, er erzählt von der Außenseiterrolle seiner Familie im Dorf. Es ist eine Geschichte voller Hiobsbotschaften, voller Verluste. Er verliert früh seinen Vater, erblindet mit 13 Jahren – er ist Opfer einer Fehldiagnose –, verlässt dann zusammen mit seiner Mutter das Dorf und geht nach Berlin, dort stirbt die Mutter durch einen Autounfall. Plötzlich ist er allein. Bis ihm Leonie begegnet. Sie selbst ist auch rumänischer Abstammung und ihr Vater kommt – wie der Zufall so will – aus demselben kleinen Marginime – einem Dorf, das wohl für alle siebenbürgischen Dörfer stehen könnte.

     

    Aléa Toriks einzelne Episoden haben alle ihre Wurzeln in diesem Dorf. Alle diese Geschichten, erzählt von der Dorflehrerin, dem Bürgermeister, dem Tischler und vielen anderen, verbinden sich zu einer gemeinsamen Dorfchronik – trotz mancher Wechselfälle, Trennungen, trotz zeitweiligen Untertauchens einzelner Figuren. Der Zufall führt sie wieder zusammen. Dieser Zufallsmoment ist jedoch nicht vordergründig Thema des Romans. Denn die einzelnen Bausteine passen scheinbar exakt ineinander, sind sie aus einem Steinbruch. Sie sind nur etwas verwürfelt, neu zusammengewürfelt von Frau Torik. In der Musik nennt man dieses Bauprinzip, das mit dem das Zufallsprinzip spielt und dennoch einem festen Gesetzen unterliegt, Aleatorik. Auch der gesamte Roman von Aléa Torik Das Geräusch des Werdens scheint vom Zufall bestimmt zu sein, das Konzept ist trotzdem aus einem Guss.

     

    Scheinbar zufällig reihen sich die einzelnen Kapitel aneinander, beleuchten einzelne Familien, einzelne Begegnungen, einzelne Personen. Im Kapitel Dass einem das Blut in den Adern gefriert erinnert sich die alte Schulmeisterin Silvana an die alten Zeiten im Dorf, an dessen Besiedelung, an die unterschiedlichen Familien. Sie schildert die Topografie des Ortes, das Leben im Einklang mit der Natur, den Umbruch: »Ich kenne die Geschichte Marginimes in allen Einzelheiten, war ich doch lange Zeit seine getreue Chronistin. Ich habe mir diese Rolle nicht ausgesucht. Sie ist mir zugefallen. Ich war beinahe fünfzig Jahre lang die Lehrerin dieses Dorfes... Sie [meine Nachfolgerin aus der Stadt] kennt das nur vom Hören, was uns anderen, die wir in Marginime geboren sind und seit jeher hier leben, in Leib und Seele steckt, in jeder Faser unserer Existenz, und was vor vielen Generationen mit einem erhobenen Arm anfing. In dieser unscheinbaren Geste sind wir alle hier auf Jahrhunderte in diese Erde hineingerammt worden.«

     

    Nicht alle Kapitel haben diesen pathetischen Tonfall. Zwar klingen die einzelnen Überschriften durchaus etwas ambitioniert, besitzen einen betont artistischen Anstrich, klingen vielleicht wie alte rumänische Redewendungen – Je größer die Stadt, desto jünger die Leute, Dass die Seele mit den Füßen zu Fuß geht. Die Momente, von denen die Episoden dann im Einzelnen erzählen, sind durchaus intim gehalten: Valentins Idee von Paris, wie einem fernen Paradies, das er zeitlebens sucht. Der Widerstand des Großvaters gegen die Moderne, gegen die Erfindung der Straßenbahn – und als sein Widerstand gebrochen ist, stirbt er. Alles klingt durchaus bedeutsam, aufgeladen mit Symbolik – und trotz allem alltäglich, vorhersehbar.

     

    Wie im ganz normalen Leben: Die junge Leonie, die in Berlin aufwächst, beichtet von ihrer Mädchenfreundschaft. Der rumänische Tischler Varian schildert seine Probleme mit seinem Zwillingsbruder, der ebenfalls Varian heißt, und seine Schwierigkeiten mit seiner Ehefrau. Es wird erzählt, wie Joan, der Bürgermeister des kleinen Dorfes, zu einem Sohn kommt. Dieser Sohn, Nicolae denkt Jahre später als heranwachsender Knabe an Krisztina, eine Mitschülerin, die eines Tages auf Nimmer-Wiedersehen verschwindet. Das ist das Dorf Marginime. Die Freundschaft zwischen Joan, Valentin, Emil bricht entzwei, die Männer gehen getrennte Wege. Aber nicht für immer.

     

    In den Himmel über Berlin

    Valentin verlässt eines Tages das Dorf, wandert zur nächsten Bahnstation und kauft ein Zugticket – nach Paris. Und er strandet in Berlin. Dort begegnet er Liv, einer jungen Abiturientin, die seinetwegen mit den Eltern bricht und mit Valentin ein neues Leben beginnt. Nicht in Paris, in Berlin – einer Stadt, der Aléa Torik im Kapitel Der Salon Sucre eine besondere Liebeserklärung macht. Berlin wird in diesem Kapitel topografisch ausgelotet. Diese Annäherung erinnert ein wenig an den Beginn von Robert Musils Mann ohne Eigenschaften: »Irgendwo ... zwischen Aleutentief und Azorenhoch liegt Berlin geradewegs im meteorologischen Nirgendwo. Regen, nichts als Regen. Regen, Regen, Regen. Es regnet in allen Stadtteilen, in Frohnau und in Friedenau, in Steglitz und Schöneberg...«

     

    Und dann hebt die Erzählerin ab, überfliegt geradezu im Tiefflug die einzelnen Stadtteile Berlins, die verschiedenen Seen, listet die Gebäude und Institutionen auf, die Geschäfte und Kneipen. Es sind Kamerafahrten wie in Wim Wenders Himmel über Berlin – und dazwischen »unter dem Hauseingang steht mitten in der Nacht ein Liebespaar, da stehen ein Mann und eine Frau, sie haben lachend Zuflucht vor den Regenschauern gesucht... Sie haben alles Zeit der Welt.«

     

    Und auf wundersame Weise begegnen sich die drei Freunde am Schluss erneut – im kleinen, etwas zurückgebliebenen, liebenswerten Dorf, wie es Joan sieht, in der Hölle, die es für Emil und seine Frau bedeutet, die das Verschwinden ihrer Tochter Krisztinas auch nach Jahren nicht verkraftet haben, im »Paradies«, das es für den Heimkehrer Valentin bedeutet.

     

    Das Geräusch des Werdens ist ein Debütroman, der voller sehr persönlicher Erfahrungen steckt, voller erstaunlicher und intimer Momente, und natürlich voller Zufälle: Personen begegnen und wenden sich wieder ab. Und im Zentrum: eine berührende Liebesgeschichte – auch diese ein Kind des Zufalls. Marijam und Leonie setzen an einem eigentlich fremden Ort, in Berlin, das fort, was Generationen vor ihnen in Marginime begonnen haben: ein Gespür für ein Zuhause, für Lebensräume, Zwischenräume, für die Ambivalenz von Sehen und Nichtsehen, von Erinnerung und Gegenwart. In diesem Dazwischen: das Liebespaar. Im Crescendo der Musik. Aléa Toriks Das Geräusch des Werdens – eine gelungene Komposition.

     

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