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    Sonntag, 20. August 2017 | 23:10

    Leonhard F. Seidl: Mutterkorn

    24.10.2011

    Fremd bin ich eingezogen

    Der Nürnberger Autor Leonhard F. Seidl bezeichnet seinen Debütroman Mutterkorn als »Geschichte einer Befreiung«. Eine Bestandsaufnahme von HUBERT HOLZMANN

     

    Ganz im Zentrum des Romans Mutterkorn von Leonhard F. Seidl steht der Krankenpfleger Albin, ein junger Mann, isoliert, drogenabhängig, traumatisiert vom Selbstmord seiner Freundin Almud. Seine Arbeit als Dauernachtwache im Pflegeheim Hasenberg ist stupide. Immer die gleichen fünf Nächte. Immer neun Stunden. Dann Übergabe. »Er setzte sich den beiden Schwestern gegenüber. Die mollige Maria musterte ihn, als warte sie nur darauf, dass sich die ersten Schweißtropfen über seiner Lippe bildeten. Bei ihr wuchsen dort schwarze Härchen.«

     

    Albin beobachtet sich und seine Umwelt sehr genau. Hochsensibel, nervös. Dazu mischen sich Stimmen, die zu ihm sprechen. Das sind nicht nur Zeichen von Anspannung, von Überspannung. »Der Druck zog in seine Unterarme, die zu schweren Gewichten wurden. Er war müde, wollte liegen und schlafen. Die Unruhe, die ihm so lange als Treibstoff gedient hatte, war jetzt dabei, seinen letzten Lebenswillen zu ersticken. Er dachte an die kleinen blauen Ruhespender. An König Valium. Aber er ging nicht nach unten, um den Stimmen damit das Maul zu stopfen. Zu groß war die Angst, dass er auffliegen konnte. Zu groß war der Wunsch, sich aus der Abhängigkeit zu befreien.« Albin ist mit seinem Latein am Ende und zieht freiwillig in eine Wohngruppe, um von seiner Drogen- und Medikamentensucht loszukommen.

     

    Die Vorgeschichte

    Albin ist eigentlich Punker, bereits als Jugendlicher wird er auf einem Volksfest von einem Neonazi zusammengeschlagen. Corinna, die Frau, die ihn blutend am Boden liegend findet, wird seine erste Freundin. »Ihre Wohnung war im ersten Stock. Albin zog seine verdreckten Schuhe vor der Haustür aus. Drinnen empfing ihn gemütliche Wärme. Corinna schob ihn ins Bad und verschwand. Es roch nach Corinna. Gerade wollte er eine Parfümflasche öffnen, da kam sie mit einem Verbandskasten zurück... Sie tupfte die Abschürfung an seiner Wange ab, kam ganz nah an sein Gesicht  heran. Ihr Atem streifte ihn. Dann küssten sie sich.«

     

    Mit Corinna fährt er dann nach Rostock. Zu dieser Zeit brennen in Deutschland wieder Asylantenheime. Die beiden schließen sich dem organisierten Widerstand der Antifa-Bewegung an und demonstrieren gegen den rechten Pöbel. Die Demo wird von der Polizei niedergeknüppelt. Später nimmt er zusammen mit einem Kumpel an den Chaostagen in Hannover teil. Die beiden plündern einen Laden und entgehen nur knapp einer Inhaftierung. Dann reisen sie nach Amsterdam, dort ziehen sie sich bei der ersten Gelegenheit ein »Ticket« rein. »Auf dem Bahnhofsvorplatz entfaltete sich die volle Wirkung der Droge. Vor ihnen die breite, leere Straße. Weiter hinten auf dem Wasser: unzählige Farbkleckse, vereint, verlaufen, verschlissen. Trotz des schweren Rucksacks fühlte sich Albin noch leichter. Seine Beine waren Sprungfedern, der aufgeputschte Körper hüpfte über die Straße.«

     

    Die Realität gerät für Albin mehr und mehr aus den Fugen, er nimmt sie verzerrt wahr, der Einfluss der Drogen wird deutlich. Merkwürdige Geräusche häufen sich, auch Traumgesichte. Und immer wieder sieht er sich Almuds Tod, den er nicht verhindern konnte, hilflos gegenüber. »Albin saß mit Almud in seinem Zimmer und rollte einen Joint mit schwarzem Afghanen. Er zündete ihn an... Dann drehte er den Joint um, steckte ihn mit der Glut voran in den Mund, ging mit dem Filter an Almuds Lippen und blies hinein: Da löste sich ein Schuss. Almus Gehirn klebte an der Wand und Albin schreckte aus dem Schlaf auf

     

    Die Therapie

    Die Therapie wird für Albin zur wirklichen Hölle. Entzugsqualen, Träume und die Stimmen sind dabei nur eine Seite des Terrors. Als ebenso fürchterlich stellen sich seine WG-Bewohner heraus. Einer von ihnen, Torben, ist nämlich ein Mitglied der rechten Szene. Die Vergangenheit holt Albin also in allen Details ein. Und die Konflikte bleiben nicht aus. Albin scheint durchzudrehen. Und als er dann auch noch Besuch von seiner ersten Freundin Corinna erhält, eskaliert die Situation.

     

    Allerdings schiebt sich an dieser Stelle ein zweiter, durchaus auf geschichtlichen Fakten basierender Handlungsstrom ins Romangeschehen: Es geschieht ein merkwürdiger Geldraub, Albin wird Zeuge des Geschehens. Trotzdem wird er verdächtigt und die Polizei nimmt ihn zum Verhör mit in die JVA. Eine rätselhafte SMS »die taube/ kriegt ihr mutterkorn/ bleib noch müller/ für dein brot« trägt entscheidend zur Aufklärung der Straftat bei. Albin kommt wieder frei. Stattdessen wird sein Mitbewohner Torben verhaftet. Der gesteht in buchstäblich letzter Sekunde seine Verstrickung in das geplante Bombenattentat auf die Eröffnungsfeierlichkeiten der Münchner Synagoge am 9. November 2003.

     

    So rätselhaft wie der Schluss ist auch der Titel des Romans: Mutterkorn. Das Mutterkorn bezeichnet einen giftigen Parasiten, der auf Getreide wächst und es enthält einen Stoff zur Produktion von LSD. Das Mutterkorn – eine Metapher für das Fremde, Ungenießbare, Verstimmende? Vielleicht das Verstörende im Menschen selbst, wie es im Motto des Buches, »Ihr kriegt uns hier nicht raus!«, einem Zitat von Peter Licht heißt?

     

    Albins Geschichte verstört. Und dennoch entwickelt sich eine ungeheuere Kraft – Albins Streben nach Befreiung: »Ich will eine Zukunft, in der ich frei sein kann... der Gedanke an dich macht mich stark und gibt mir Kraft.« Dieses Bekenntnis, das er an seine Betreuerin Nina schreibt, wird zum zentralen Wendepunkt im Roman. Das Ende: »ein Apfelbaum, von dem Ninas Beine baumelten. Albin ging zu dem Baum und hangelte sich nach oben.« – Hoffnung! Auch auf neue Romane von Leonhard F. Seidl.

     

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