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Mariss Jansons im Wiener Musikverein

24.10.2012

Wo Sir Simon Rattle seinen Abend verbringt

Dass sich Künstler für die Arbeit ihrer Kollegen interessieren, ist eher die Ausnahme als die Regel. Wenn also der Chef der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle mit großer Aufmerksamkeit beobachtet, wie Mariss Jansons die vierte Symphonie von Brahms dirigiert, ein Werk, das ja auch Rattle nicht ganz unbekannt sein dürfte, dann darf man das als Ausdruck der Wertschätzung deuten.

Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Jansons gastierte mit seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Wiener Musikvereinssaal. Der ist wunderschön und seine Akustik gilt bekanntlich als optimal im internationalen Vergleich, weshalb hier auch gerne Schallplatten aufgenommen werden. Dass auch diese Überlieferung der Spezifizierung bedarf, konnte der Berichterstatter erfahren, als er sich für die Zugabe aus der 20. Reihe des Parterres zehn Reihen weiter nach vorne begab: Der Klang des Orchesters war wie verwandelt, voller, satter, in den Tiefen präsenter.

 

Für den ersten Abend des auf zwei Abende verteilten aktuellen Besuchs wählte der in Lettland, also in der Sowjetunion sozialisierte Dirigent zwei Komponisten, mit denen er sich intensiv und mit ungewöhnlicher Konsequenz beschäftigt: Dmitrij Schostakowitsch und Johannes Brahms. Voraus aber ging die nicht angekündigte österreichische Erstaufführung des Werks eines Komponisten, der im Westen immer noch viel zu wenig bekannt ist (wie im übrigen viele zeitgenössische Künstler Osteuropas – daran hat die Öffnung der Grenzen wenig verändert). Rodion Schtschedrin, Jahrgang 1932, gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den wichtigsten russischen Komponisten der auf Prokofjew und Schostakowitsch folgenden Generation. Auf den Konzertprogrammen westlicher Häuser muss man seinen Namen mit der Lupe suchen. Zu Unrecht, wie auch sein »Selbstporträt für Orchester«, einigen Buhs aus den hinteren Reihen – weshalb wohl? – zum Trotz, bewies.

 

Eindringlich, ja schrill erklingt ein markantes Motiv, getragen von Bläsern über einer bedrohlichen Grundierung der tiefen Streicher, das weniger entfaltet, als in unterschiedlichen Instrumentierungen und Variationen wiederholt wird. Die 1984 uraufgeführte, also mit einer Verspätung von 28 Jahren (!) nach Österreich »importierte« Komposition, besticht durch dynamische Kontraste, die Jansons – offenbar zur Freude des anwesenden Komponisten – zwar deutlich akzentuiert, aber nicht als äußerlichen Effekt realisiert hat.

 

Auf diese überraschende »Ouvertüre« folgte ein Werk von Schostakowitsch aus dem Jahr 1933, das sich einer ungewöhnlichen Besetzung bedient: Klavier, Trompete und Streichorchester. Am Klavier brillierte einmal mehr der famose russische Pianist Yefim Bronfman, der eben erst, bei den Salzburger Festspielen, unter der Leitung von Simon Rattle Brahms gespielt hatte, mit virtuoser Technik und einem zwar trocken-kräftigen, aber nicht kraftmeierischen Anschlag. Mit Hannes Läubin stand oder vielmehr saß ihm ein kongenialer Trompeter zur Seite, wenngleich Schostakowitsch ihm weniger Raum zur Selbstdarstellung gelassen hat als dem Pianisten. Und Jansons dirigierte sein ihm eng verbundenes Orchester wiederum ohne jede Effekthascherei, gleichsam als wolle er dem russischen Kollegen Valeri Gergiev zeigen, dass Power nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss, zumal wenn sie als Dauerphänomen auftritt.

 

Mariss Jansons insistiert auf Genauigkeit, sein Differenzierungsvermögen, das eher zum Understatement als zur Übertreibung neigt, kommt auch seinen Brahms-Interpretationen zugute. Zwar kostet er die emotionale Fülle, vor allem im ersten Satz der vierten Symphonie, voll aus, aber er hütet sich vor Schwelgerei. Was gemeint ist, wenn man Brahms als Beethovens eigentlichen Erben in der Geschichte der Symphonie betrachtet, wird hier deutlich wie selten. Diese Interpretation ist in einem ganz altmodischen Sinn schön, sie verleugnet auch nicht das Pathos, das in der Melodieführung – besonders in dem hymnischen Motiv des zweiten Satzes – und in mancher Klimax steckt, aber sie setzt nicht auf Überwältigung. Die Strukturen bleiben erkennbar, nein: werden erst richtig hörbar.

 

Mariss Jansons, ohne Zweifel, ist einer der großen Dirigenten unserer Gegenwart. Und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks konnte auch in Wien wieder demonstrieren, was Deutschland an den Orchestern seiner öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hat. Mit RTL und Pro7 wären wir aufgeschmissen. Dies dem Intendanten und Kulturvernichter des SWR ins Stammbuch.

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