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Montag, 27. März 2017 | 20:27

Das Cedar Lake Contemporary Ballet gastierte in Ludwigsburg

10.10.2012

Menschen im Käfig

Das Schlussbild ist grauenerregend: Die acht Tänzerinnen und sieben Tänzer sind in eine enge Zelle gesperrt. Einem nach dem anderen gelingt es, durch das Netz der Wände zu entfliehen. Der Letzte aber bleibt stecken. Blackout. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Die gitterartigen Wände liefern die Kulisse für »Orbo Novo« des Cedar Lake Contemporary Ballets aus New York, das im Ludwigsburger Forum am Schlosspark gastierte. Zu Beginn versuchen ein Mann und eine Frau sich durch die Öffnungen hindurch zu berühren, bis der Mann aufgibt und die Frau allein zurücklässt. Später bilden die Wände, deren Module stets aufs Neue verschoben und zu neuen Konstellationen vereint werden, einen Käfig, an dessen Begrenzung sich die Tänzer wie Affen herumhangeln.

 

Es gibt kaum Sprünge und Läufe in der Choreographie von Sidi Larbi Cherkaoui. Die Bewegungen der unterschiedlichen, ständig wechselnden Formationen gehen vorzugsweise von der Hüfte und den Schultern aus. Gleitende, schlangenartige Gesten sind häufiger als abrupte. Am faszinierendsten sind die Ensembleszenen, in denen Parallelaktionen von einzelnen Gegenbewegungen »gestört« werden.

 

Die Musik, von einem Streichquartett und einem Pianisten interpretiert, stammt von Szymon Brzóska und erinnert ein wenig an die Filmmusiken von Michael Nyman. In einer extrem langen Passage aber wird ganz auf Musik verzichtet. Die Tänzer sprechen stattdessen über Mikroport einen Text, der zunächst das Funktionieren des Gehirns erklärt und dann, subjektiv, das Erlebnis eines Schlaganfalls beschreibt. Immer, wenn der Zuschauer meint, in den Körperaktionen illustrative Elemente zu entdecken, verselbständigen sich die Gesten, konterkarieren die Semantik des gesprochenen Textes. Das ist nicht mehr neu, aber stets reizvoll. Das Cedar Lake Contemporary Ballet leistet, wie viele Tanzcompagnien in der Folge von Pina Bausch, Anne Teresa De Keersmaeker oder Sasha Waltz, Widerstand gegen ein immer platter werdendes Sprechtheater, das in Konkurrenz zum Fernsehen auf unmittelbar verständliche, ästhetisch kaum mehr verschlüsselte »Bedeutung« setzt.

 

Gegen Ende gibt es eine Szene, in der zwei Tänzer wie am Kopf zusammengewachsene siamesische Zwillinge erscheinen. Eine Tänzerin versucht sie zu trennen – vergeblich. Als sie sich schließlich doch trennen, geht der eine daran zugrunde. Man kann das in Verbindung bringen zu den Ausführungen über die linke und die rechte Gehirnhälfte im ersten Teil des Abends. Aber man muss nicht. Denn zu sehen ist eine Bilderfolge von großer Schönheit. Das Material des Tanzes ist der menschliche Körper, seine Position im Raum, im Verhältnis zu anderen Körpern.

 

Wenn dieses Material über sich hinaus auf Anderes verweist – sei's drum. Wenn man aber vor lauter Konzentration auf dieses Andere vergisst, was da, sinnlich, auf der Bühne passiert, hat das Tanztheater seine spezifische Funktion verloren. Der Bestseller einer Hirnforscherin habe ihn zu »Orbo Novo« angeregt, sagt der Choreograph. Sein Werk muss etwas haben, was das Buch nicht hat. Sonst könnte man gleich den Bestseller lesen.

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