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Meiner Seel´! - Moj Duh! / Bernarda Fink & Wolfgang Puschnig auf den Ludwigsburger Schlossfestspielen

14.06.2012

Aus Handkes Heimat

Wolfgang Puschnig ist einer der bemerkenswertesten Jazzsaxophonisten nicht nur Europas, sondern längst auch im internationalen Maßstab. Was den mittlerweile 56-Jährigen auszeichnet, ist seine unerschöpfliche Neugier. Seit er als Mitbegründer und zentrale Figur des Vienna Art Orchestra auffiel, hat er an zahllosen höchst unterschiedlichen Projekten, unter anderem mit der geistesverwandten Carla Bley, teilgenommen oder sie selbst initiiert. Und immer wieder fasziniert der gebürtige Kärntner durch seinen Witz und seine Spielfreude. Was er auch unternimmt: es wird stets hervorragende Musik daraus. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Aus Kärnten kommt auch das Männergesangsquartett schnittpunktvokal. In der Geschlossenheit des Klangs, in der Präzision der Stimmführung, in der Disziplin der dynamischen Differenzierung kann sich das Ensemble an den berühmten A-cappella-Gruppen à la King's Singers messen lassen.

 

Die Vienna Flautists sind ein ausschließlich aus Flötisten bestehendes Ensemble. Keine alltägliche Besetzung. Kurios, dass die sieben Frauen die höheren, die zwei Männer die tiefsten Instrumente der Flötenfamilie spielen, als wollten sie ihre natürlichen Stimmen imitieren. Dabei machen es doch Musikinstrumente so leicht, sich zu verstellen. Keine Lust am Maskenspiel? Unter den Sängern gibt es einen Countertenor, unter den Flötisten keinen männlichen Alt oder Sopran, keine Frau an der Bassflöte. Zufall? Psychologie?

 

Mark Feldman ist ein facettenreicher Jazzgeiger. Im aktuellen Kontext zeigt er sich von seiner avantgardistischen Seite, zurückhaltend, nur von Ferne an die Tradition erinnernd, die von Joe Venuti über Stéphane Grappelli bis zu Jean Luc Ponty oder Michal Urbaniak führt.

 

Peter Herbert ist ein Kontrabassist aus Vorarlberg, der, wie Puschnig und Feldman, mit den unterschiedlichsten Musikern aus aller Welt Erfahrungen gesammelt hat. Uneitel, drängt er nicht in den Vordergrund. Aber ohne ihn wäre der Sound ärmer. Das weiß er.

 

Bernarda Fink schließlich ist ein Mezzosopran aus Argentinien. Ihre Eltern stammen aus Slowenien. Das führt sie in den Kontext, von dem hier die Rede ist. Bernarda Fink hat eine so makellose, so volle, so in jeder Nuance schön klingende Stimme, dass man nur eins bedauern muss: dass sie an diesem Abend, Zugabe inbegriffen, nur vier Lieder singt.

 

Fotos: Sabine Braun Fotos: Sabine Braun

Wo all dies zusammen kommt, muss Unerhörtes entstehen. Am ehesten mag man an die Zusammenarbeit von Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble denken, aber das Konzept ist hier wesentlich breiter. Es geht, unter dem Motto „Meiner Seel' – Moj duh!“ um das Kärntnerlied, und zwar, wie der Titel bereits andeutet, um das deutschsprachige und das slowenischen Kärntnerlied. Denn „moj duh“ heißt auf slowenisch eben dies: „meiner Seel'“. Aber das Ergebnis hat nichts zu tun mit der Suche nach authentischen Quellen, wie sie für die USA etwa Alan Lomax betrieben und dokumentiert hat, und noch weniger mit der reaktionär-verlogenen Volksmusikauffassung eines Karl Moik. Nur zwei der vorgetragenen Volkslieder sind „echt“ in dem Sinn, dass ihre Herkunft weit zurück reichte, ihre Autoren unbekannt wären. Die übrigen stammen aus dem 20. Jahrhundert, nehmen aber die traditionelle Form und die (meist melancholische) Stimmung auf.

 

Nun wollen wir der Wahrheit die Ehre erweisen: Die österreichische, auch die Kärntner Folklore kann es in der musikalischen Komplexität und erst recht rhythmisch mit der Balkan-Folklore, der keltischen oder der lateinamerikanischen Folklore nicht aufnehmen. Die Melodien sind schlicht und wenig abwechslungsreich, die Dreiklangseligkeit ermüdet. Es sind die Arrangements, die das Volkslied zwar dem Kunstlied annähern, es zugleich aber interessant machen. Und so war dieser Abend bei den Ludwigsburger Festspielen ein weiteres Argument für Experimente, sowohl was die Konstellation der Interpreten, wie was den Zugang zum Material betrifft. Kärnten ist, heute weniger denn je, ein idyllischer Ort. Aber es ist mehr als die Erbschaft eines Jörg Haider. Das haben mit ihren Mitteln Wolfgang Puschnig und seine Mitstreiter bewiesen, wie es auf seine Art der wohl berühmteste Zeitgenosse aus dem südlichsten Bundesland Österreichs tut: Peter Handke.

 

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