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Ludwigsburger Schlossfestspiele: C(H)OEURS

09.06.2012

Pina Bausch, Luis Buñuel und Alain Platel

Der Titel ist ein Kalauer. C(H)OEURS unterscheidet »Chöre« und »Herzen« im Französischen nur durch die Schreibweise, durch das H. Ausgesprochen werden beide Wörter gleich. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Der gefeierte belgische Choreograph Alain Platel hat für die Koproduktion mit dem Madrider Teatro Real und den Ludwigsburger Schlossfestspielen zwei ansonsten autonome Ensembles zusammengebracht: den Opernchor und das Ballett. Die Musik holte er sich vorweg bei den beiden Jubilaren des kommenden Jahres, bei Giuseppe Verdi und Richard Wagner, die beide 1813 geboren wurden. So friedlich teilten sich die Zwei wohl noch nie die Bühne. Verbunden werden sie durch die Tänzer.

 

Die freilich illustrieren nicht die Chöre aus Verdis Requiem, aus Tannhäuser, den Meistersingern von Nürnberg, Nabucco oder aus der stets ans Herz (!) greifenden Ouvertüre von La Traviata, die bereits den Tod der Titelheldin ankündigt. Sie stellen sich der Musik und den Inhalten der Werke, denen sie entstammt, vielmehr – vereinzelt häufiger als in parallelisierten Bewegungen – kontrapunktisch entgegen. Dabei wird eine Kunstrichtung zum Leben erweckt, die in Belgien wie in Spanien, wohin der Belgier Gerard Mortier das Projekt eingeladen hat, eine reiche Tradition hat: der Surrealismus. (Es ist übrigens bemerkenswert, wie sehr künstlerische Entscheidungen auf biographischen Erfahrungen beruhen: Mortier kommt aus der Heimat Platels, Thomas Wördehoff, der Intendant der koproduzierenden Ludwigsburger Schlossfestspiele, war lange Mitarbeiter von Mortier bei den Ruhrfestspielen.)

 

Es passt, dass dazu einige wenige Texte von Marguerite Duras eingesprochen werden. Sie könnten in ihrer lyrischen Ungefährheit auch von Alain Robbe-Grillet sein, aus Letztes Jahr in Marienbad, an dessen Verfilmung durch Alain Resnais man bei Platels Arrangements durchaus denken darf. Wenn Pina Bausch Luis Buñuel choreographiert hätte, wäre vielleicht so etwas herausgekommen wie dieser faszinierende Abend, den Platel einem begeisterten Publikum präsentiert hat.

 

Es sind – neben der vom Chor und vom Orchester des Teatro Real unter der Leitung von Marc Piollet hochdramatisch interpretierten Musik – die Details, die das fast zweistündige Stück so kurzweilig erscheinen lassen: zwei Kinder, die die Gesten des Chores mit befreiender Unsicherheit nachahmen; die Lichtregie, die den Chor aus dem Halbdunkel über eine kurze Treppe langsam in den Vordergrund schreiten und später wie als Zitat aus Panzerkreuzer Potemkin über diese Treppe purzeln lässt; das plötzliche Aufheulen eines Tänzers, der wie eine Sirene das Dies irae ankündigt. Das Aufregendste aber an C(H)OEURS ist die Symbiose von Chor und Ballett. Dass Opernchören durch die Regie komplexe Abläufe abverlangt werden, ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich. Längst müssen die Chorsänger auch Schauspieler sein. Hier aber, bei Platel, werden sie in die Choreographie einbezogen. Die Sänger tanzen, und die Tänzer singen sogar, wenn auch nur sparsam.

 

An einer Stelle hört man über die Lautsprecherboxen Gebrüll wie aus einem Fußballstadion. Wenn man nach einer Idee sucht, die C(H)OEURS zugrunde liegt, dann ist es die Reflexion über den ambivalenten Reiz der Masse. Auch Ortega y Gasset, der Autor von Der Aufstand der Massen, war Spanier. Und der Chor repräsentiert die Masse – im antiken Theater, bei Einar Schleef und seinen Epigonen und in der Oper sowieso. Die Masse kann den demokratischen Anspruch vertreten gegenüber dem aristokratischen Individualismus, den bei Platel die einzelnen Tänzer mit ihren Verkrümmungen und ins Groteske gesteigerten Gesten verkörpern. Sie kann aber auch bedrohlich sein. Elias Canetti hat mit Masse und Macht davon eindrucksvoll Zeugnis abgelegt.

 

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