Chick Coreas Spielweise ist weniger ätherisch als die von Keith Jarrett. Sein eher perkussiver Anschlag prädestiniert ihn für ein Duo mit dem Vibraphonisten Gary Burton, der mit ihm in München auftrat. Burton, der aussieht wie ein braver College-Student, meilenweit entfernt vom klischeehaften Image des drogensüchtigen, anarchistischen Jazzers, ist ja nicht nur einer der größten Virtuosen seines Instruments seit Lionel Hampton, Red Norvo und Milt Jackson, er ist ungemein anpassungsfähig und hat im Übrigen auch mit Keith Jarrett musiziert. Das ist der Reiz einer DVD, die ja nicht für Musik erfunden wurde: Man kann zuschauen, wie Chick Corea und Gary Burton aufeinander eingehen, wie sie nicht nur übers Ohr, sondern auch mit Blicken einen Kontakt herstellen, der die Instrumentalstimmen zu einer einzigen Einheit verschmelzen lässt.
Im Laufe seines Lebens ist Chick Corea mit einer ganzen Legion bedeutender Musiker aufgetreten und ins Studio gegangen. Er kennt das Standardrepertoire wie kaum einer. Aber er hat auch selbst eine ganze Reihe oft nachgespielter Melodien erfunden. Sehr oft klingen lateinamerikanische und spanische Harmonien und Rhythmen an. Es gibt so etwas wie die typische Chick-Corea-Handschrift. Aber immer wieder sucht der Pianist auch nach neuen Möglichkeiten, nach Erweiterungen. Er lässt sich anregen und verarbeitet Einflüsse. Selbst einem Bartók hängt er, bei aller Bescheidenheit, ein eigenes Postskriptum an – und das geht auf.
Wenn heute jemand – Andrea Breth zum Beispiel oder Luc Bondy – am Theater Regie führt wie vor zwanzig Jahren, wenn jemand Bilder malt in einem Stil, den er schon in seiner Jugend entwickelt hat, wenn jemand Musik macht wie schon eine Generation vor ihm – und tatsächlich ist das jetzt auf DVD vorliegende Konzert immerhin fünfzehn Jahre alt –, dann sind sofort ein paar Kritiker und Blogger zur Stelle, die »Anachronismus« schreien oder »Museum«. Sie verwechseln Kunst mit Mode. Und weil sie meistens auch noch ungebildet sind und keine Ahnung haben, übersehen sie meistens, dass, was sie für neu und originell halten, in Wahrheit auch seine Vorläufer hat, längst durchprobiert wurde und nicht mehr ist als ein Imitat. Die Künste entwickeln sich nicht geradlinig auf ein Ziel zu. Was angeblich veraltet ist, kann morgen schon wieder aktuell, und was auf der Höhe der Zeit sich zu befinden scheint, kann in Wahrheit ein alter Hut sein. Sophokles und Shakespeare sind nicht »anachronistischer« als Botho Strauß, Chick Corea und Gary Burton und auch Bartók sind nicht unzeitgemäßer als der Schmarren, den wir täglich um die Ohren geschlagen bekommen. Vielleicht würde Chick Corea heute ein anderes Hemd tragen als damals, 1997. Aber wen interessiert das schon?