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Donnerstag, 30. März 2017 | 10:47

 

Interview mit Manfred Theisen

19.09.2011

»Denn aus Unrecht lässt sich lernen!«

Manfred Theisen hat einen packenden Jugendroman geschrieben, der die Stasi-Vergangenheit der DDR thematisiert. BEATE MAINKA hat ihn getroffen und wollte wissen, wie es dazu kam und was wirklich wahr ist an seiner Geschichte Watching you.

 

Herr Theisen, was hat Sie bewogen, 21 Jahre nach der Wiedervereinigung und damit dem Ende des Überwachungsstaates DDR einen Agentenroman zu schreiben, noch dazu als Jugendbuch?


Das Thema brennt mir schon lange unter den Nägeln. Um genau zu sein seit 2001. Damals lernte ich einen der ehemaligen Top-Agenten der DDR kennen. Ich hatte zwar in meinem Politikstudium die »Deutsche Vereinigung« als Magisterthema, aber nun wurden James Bond & Co. plötzlich ganz real für mich. Ost- und Westagenten bekamen im Laufe meiner Recherche Gesichter; Gut und Böse hatten Namen und Familien. Sie waren anders als im Film – ganz anders, aber ebenfalls brutal. Dann stieß ich auf eine unglaubliche Geschichte, die jener im Buch sehr ähnelt. Es gibt tatsächlich den Onkel – er verstarb im vergangenen Jahr. Und es gab den Neffen, der ohne sein Wissen zum ›Stasi-Agenten‹ wurde – auch die meisten der Agentengeschichten im Buch sind ähnlich passiert. Warum es ein Jugendbuch ist? Ich weiß es nicht. Ich hätte auch einen ›Erwachsenenroman‹ schreiben können, der Übergang ist ja ohnehin fließend. Vielleicht ist es ein Jugendroman, weil die Hauptfigur ein Jugendlicher ist.

 

Warum haben Sie solange mit der Aufarbeitung gewartet?


Weil ich alles durchrecherchiert habe und mein Hauptinformant im vergangenen Jahr gestorben ist. Mehr Fakten konnte ich nicht mehr finden. Es hat dann noch gedauert, diese ganzen Informationen zu einer fiktiven Geschichte zu verknüpfen, wobei das Onkel-Neffe-Verhältnis und die Liebesgeschichte von vornherein feststanden.

 

In Ihrer Geschichte verstrickt Ihr jugendlicher Held Mark sich immer tiefer in die Machenschaften der Stasi, anfangs wegen des Geldes, doch zunehmend auch wegen des Nervenkitzels. Dabei gerät er mehr als einmal in Situationen, die einem James-Bond-Film entstammen könnten, etwa als er in einem Berliner Hotel einen Mann niederschlägt, der seinen Onkel bedroht. Wie authentisch sind diese Szenen?

 

Solche Szenen wie im Buch sind leider nah an der Realität. Wer die einschlägigen Stasiakten liest oder die Aussagen der Agenten von damals hört, wird überrascht sein, wie rau es zwischen Ost und West zuging. Eher witzig sind dagegen Details, wie sich beispielsweise ein etwas einfältiger Agent schwierige Zahlenkombinationen gemerkt hat – so stimmt die ›Lottozettel‹-Geschichte zu Beginn des Buchs exakt mit der Realität überein. Andere Dinge sind weniger lustig, sondern brutal. Aber so war der Kalte Krieg. Brutalität dieser Art findet heute wahrscheinlich auch statt, nur halt zwischen dem CIA und dem chinesischen Geheimdienst oder Russland und der Ukraine. Wer weiß, was da noch ans Tageslicht kommt ...

 

Hass auf die Nazis als Motivation, für die Stasi zu arbeiten – ist das wirklich glaubwürdig? Der Missbrauch der Macht und die brutale Bevormundung der Bürger vollzogen sich in beiden Systemen doch ähnlich.

 

Das Nazi-Regime ist schwer mit dem Regime der DDR vergleichbar. Das liegt nicht zuletzt an der historischen Abfolge. Zuerst Nazidiktatur, dann DDR-Regime. Ohne die Hitler-Diktatur hätte die Geschichte ja einen völlig anderen Verlauf genommen. Die DDR war ja auch eine Folge des Nazi-Regimes, die Teilung eine Folge des verlorenen Krieges. Einige der DDR-Köpfe glaubten überdies wirklich, dass es sich bei der Mauer um einen antifaschistischen Schutzwall handele – auch wenn uns das heute lächerlich vorkommt. Aber konkret zum Buch: Man muss sich folgendes Szenario vorstellen. Ein Mann wurde im KZ Dora von Nazis gequält. Dann wird er aus dem KZ entlassen. Was aber geschah mit seinen Peinigern nach 1945? Wurden sie lebenslänglich verhaftet? Im konkreten Fall ist die Antwort ein klares NEIN! In dem Roman nimmt der Bruder des Ex-Inhaftierten die Verfolgung der Nazis auf. Genau das hat es gegeben, allerdings lebte der Peiniger nicht in Berlin. Ob es viele solcher Fälle von »Rache« gab, weiß ich nicht. Ich kenne nur den einen konkreten. Interessant ist für mich gewesen, dass dieser »Rächer« gleichzeitig Handlanger der Stasi und ein Ganove war, der jedoch auch die Mörder von dem namhaften Politiker Ernst Thälmann verfolgt hat, der 1944 im KZ Buchenwald erschossen wurde. Er hat also das DDR-Unrechtssystem genutzt, um ehemaliges Unrecht zu vergelten, was natürlich wiederum aus heutiger Sicht Unrecht gewesen war. Dabei hat er sich indirekt vor einen politischen DDR-Karren spannen lassen. Denn das ostdeutsche Regime hatte stets Interesse daran, dem Westen nachzuweisen, dass seine Richter und Rechtsanwälte zuvor Nazis gewesen seien. Wahrheit und Lüge und Propaganda sind hier schwer voneinander zu trennen. Das war auch ein Problem für mich – und so uferte die Recherche immer weiter aus. Im Roman wird hoffentlich klar, wie brutal der Onkel gewesen ist, aber gleichzeitig auch, dass er ideologisch verblendet in einzelnen Fällen tatsächlich geglaubt hat, er stehe auf der richtigen Seite. Die Menschen glaubten damals halt viel stärker an politische Ideologien. Im Konsumzeitalter können wir dies nur schwer nachempfinden.

 

Unsere Kinder sind die erste Generation, die ohne Mauer, Kalten Krieg und unüberwindbare Systemgrenzen aufwachsen. Glauben Sie, dass damit auch die »Mauer im Kopf« schwindet?

 

Die Mauer in den Köpfen ist schon weg. Die meisten Jugendlichen haben damit nichts mehr zu tun. Im Osten der Republik ist das Thema noch etwas präsenter, aber im Westen ist es Geschichte – zumindest bei den Jugendlichen in den Schulen. Dabei muss man ein Phänomen sehen: Die Jugendlichen in Magdeburg oder Schwerin haben Eltern, die ja noch eine DDR-Vergangenheit mit sich herumtragen. Für jene Eltern im Westen hatte sich nichts Grundlegendes geändert. Bei den Eltern im Osten ist es schon anders: Sie waren nach der Wende plötzlich Bundesbürger, Ausländer im eigenen Land. Die im Westen mussten sich nicht anpassen. Und was ist mit jenen Deutschen, die nicht zur Montagsdemo auf die Straße gegangen sind, die womöglich für das Ost-Regime waren? Plötzlich waren sie BRDler wider Willen. Diese Menschen hatten ja auch Kinder und haben diese beeinflusst. Ich weiß nicht, wie das gewirkt hat. Konkret kenne ich keinen Jugendlichen mehr, der eine »Mauer im Kopf« hat. Es mag noch welche geben, aber sie sind vermutlich in der absoluten Minderheit. Das sind wohl eher Erwachsene, die dieses Problem mit sich herumtragen.

 

Die Vergangenheitsbewältigung der Nazi-Diktatur hat im Jugendbuch breiten Raum eingenommen und wird, wenn auch nicht mehr so umfangreich, immer wieder thematisiert. Halten Sie eine ähnliche Entwicklung zur Aufarbeitung der Historie der DDR als Unrechtsstaat für nötig und möglich?


Eine Aufarbeitung in Schule und Roman ist unbedingt notwendig. Denn aus Unrecht lässt sich lernen. Aber die Aufarbeitung ist schwierig. Der Mauerfall war etwas anderes als das Kriegsende 1945. Die meisten Ostdeutschen haben sich nach dem Fall der Mauer freiwillig dem neuen System zugewandt. 1945 waren sie ohnmächtig und froh, überhaupt überlebt zu haben. Die Situationen sind nicht zu vergleichen. Deshalb muss auch die Aufarbeitung anders ablaufen. Zudem haben wir heute die Stasi-Akten. Ein Nazi-Akten-Archiv gab es damals nicht in dieser Form. Und wir haben heute durch die Aufarbeitung des Nationalsozialismus die Erfahrung, wie Geschichte aufgearbeitet werden kann. All diese Informationen und Erfahrungen machen das Thema umso komplexer. Interessant ist ein Blick über die Grenzen: Wie arbeitet zum Beispiel Russland seine Sowjet-Vergangenheit auf? Wie Polen oder die Ukraine? Wie gehen die Kroaten damit um? Wie die Serben? Vielleicht sollten wir ein wenig den Blick schweifen lassen und lernen. Ich selbst habe jedenfalls durch die Beschäftigung mit dem Thema mehr gelernt, als in fünf Jahren Politikstudium, was allerdings keine große Kunst ist.

 

Herr Theisen, ich danke Ihnen für dieses Interview!

 

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