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Millaphon Records

25.08.2011

Frischer Südwind

Auch in Zeiten, da vor allem die Großen in der Musikbranche nicht mehr aus dem Jammern herauskommen, gibt es immer wieder Sturköpfe, die ihrer Leidenschaft folgen und neue Labels gründen. Seit Anfang 2011 gibt es das Münchner Label Millaphon Records. Ein Blick auf die Macher und die beiden bisherigen Releases betätigt die Hoffnung, es hier mit einer willkommenen Bereicherung für die bayrische Musiklandschaft zu tun zu haben. Von TOM ASAM.

 

Hinter Millaphon Records stehen Gerd Baumann, Till Hofmann und Mehmet Scholl. Baumann ist der Musiker an Board. Er studierte Komposition und Gitarre und verdient seine Brötchen bzw. Semmeln vor allem mit Filmmusik. Für seine Musik zu Rosenmüllers Erfolgsfilm Wer früher stirbt... bekam er den deutschen Filmpreis. Hofmann ist nicht nur Inhaber der Booking Agentur Eulenspiegel Booking und Veranstalter, er leitet auch diverse namhafte Bühnen in München – und ist aus der Kulturlandschaft der Bayernmetropole schlicht nicht mehr wegzudenken. Herrn Scholl dürfte nun wirklich jeder kennen, der weiß wie ein Fußball aussieht – ja es ist tatsächlich die Legende des FC Bayern München. Scholl ist bekanntermaßen seit langem ambitionierter Indiefan, der stets auf der Suche nach dem perfekten Popsong ist. Was soll da schiefgehen, bei einem Unternehmen hinter dem so viel geballter Fachverstand und Leidenschaft stecken!

 

Gegründet wurde Millaphon Anfang des Jahres relativ spontan, um der Band Moop Mama, die von Baumann und Hoffmann bereits finanziell unterstützt worden waren, eine Plattform für die Veröffentlichung ihres neuen Albums Deine Mutter zu schaffen. Mehmet fackelte nicht lange und entschloss sich, statt Nachwuchskickern künftig Nachwuchsmusiker zu supporten. Rock´n Roll!

 

Urban Brass Guerilla

Bei besagten Moop Mama handelt es sich um eine Marching Band, die den Sound zurück in den öffentlichen Raum bringen will. Nicht unspannend, wenn in Zeiten der – oft bis zur erstarrten Langeweile – durchorganisierten Konzerte jemand per Guerilla Gigs Leben in Parks und auf Plätze bringt. Eine willkommene Abwechslung gerade in einer Stadt wie München, in der der öffentliche Raum zunehmend mit  komplett kommerzialisierten Straßenfesten und aufgeblasenen Events besetzt wird. Der Urban Brass von Moop Mama wird getrieben von sieben Bläsern, zwei Drummern und einem MC. Das funktioniert wunderbar: Hip Hop der anderen Art: Verzicht auf vorproduzierte Beats und Sounds, dafür fette Bläser, tighte Drums und ambitionierter Sprechgesang von MC Keno, bekannt von der Formation Creme Fresh. Hier geht es ums Fernweh, die Leidenschaft des Musikers, Uniformität und Egowahn. Warum auch friedliebenden Menschen mal der Kragen platzt, wird mit aller Kraft in Anger Management herausgeschrien. Ein  frisches Album, das selbst Sprechgesang-Skeptiker wie Mehmet und den Verfasser dieser Zeilen überzeugt.

 

Bayrische Lebensaspekte

Sowohl die neuerwachte Lust an Blasinstrumenten als auch das explosionsartig gestiegene Interesse an in bayrischer Mundart vorgetragener Musik hat natürlich viel mit dem überragenden Publikumserfolg von La Brass Banda zu tun. Die Wiederentdeckung des Regionalen hat sicher mit der Gleichmacherei und Verunsicherung in Zeiten globalisierter Kommunikation und Finanzmarktperversionen zu tun. Wenn es bei jüngeren Wiesn-Besuchern seit Jahren fast schon zu zwangsverpflichtenden karnevalsmäßigen (Pseudo-)Trachtuniformierungen kommt oder wenn Bayern Drei die neue Bayrische Welle ausruft ist man eher unangenehm berührt. Doch gibt es auch jede Menge (junge) Menschen, die mit Elan und Glaubwürdigkeit darstellen, dass ein Leben in Bayern deutlich mehr Raum zwischen Laptop und Lederhose lässt, als ein paar Maß Bier auszufüllen in der Lage wären. Eine neue Plattform für die frische Darstellung bayrischer Lebensaspekte ist das etwa zur gleichen Zeit wie Millaphon gegründete Printmagazin MUH, eine Art professionelles Fanzine, in dem die Geschichte des bayrischen Flußsurfens neben Ludwig II., Pumuckl neben dem Keller Steff  aufs unterhaltsamste beleuchtet werden. Wobei wir beim zweiten Millaphon-Release wären.

 

Narrischer Bulldogfahrer auf großer Fahrt

Der 31-jährige ist einen langen Weg gegangen, um bei der Musik zu landen. Er hat Lehren abgebrochen, sich mit eher ungewöhnlichen Jobs wie Pistenraupenpilot oder Seilbahnführer durchgeschlagen oder als Haus- und Hofmechaniker bei La Brass Banda ausgeholfen. Der Trip mit den ebenso wie Steff aus Übersee am Chiemsee stammenden Erfolgstruppe per Mofas und Oldtimer-Bulldog (Traktor) nach Wien zur EM 2008 machte ihm klar: auch der zu dieser Zeit angestrebte Weg zum Bildhauer ist nicht das, was es wirklich bringt. Er entschloss sich, es kurzerhand ernsthaft mit der Musik zu versuchen – und erzielte mit dem 2009 selbstproduzierten und vertriebenen Album Bulldogfahrer einen beachtlichen Erfolg: 10.000 verkaufte Alben!  Gemeinsame Auftritte mit La Brass Banda und ein Auftritt bei Otti Fischers Schlachthof mit dem hitverdächtigen Kaibeziang waren willkommene Erfolgsbeschleuniger. Nun ist mit Narrisch bei Millaphon das zweite Album von Keller Steff und Band erschienen. Wieder bewegt er sich zwischen deutlichen Blueswurzeln und bayrischen Liedermachertum. Musikalisch gereift und ergänzt um Chris Stöger (Schlagzeug), Franz Gries (Gitarre) und Gerhard Zimmermann (Bass) ist es ein wirklich eine narrisch guade Plattn gwordn. Besonders weil man merkt, dass hier jemand den Mut findet Geschichten zu erzählen, die etwas mit seinem eigenen Leben zu tun haben. Ob Abbruch der Lehre (Lehrbua), streitende Großeltern (Oma und Opa) oder das Anecken bei den Eltern (Narrisch – “ja sog amoi bua, ha, wia host es denn eigentlich, ha, wenn du so weida machst, dann hoi i an contähna, dann schmeiß i di ausse mit deim ganzn graffe, und hoam kema brauchds a nimmer, des garantier i da, du bist ja nimma ganz da bua, ja sog a moi bist denn du total narrisch (…) a jeda von deine speze füäd a anstendigs lebm, kinder, frau haus, vielleicht sogar a hackschnitzelheitzung, wos is´n da dabei, wenn ma si amaoi aweng zammreißt, ha, wos is´n do dabei, oiwe mit deine musikerdeppen umandaziagn, des is ja woi ned normal, ja du bist ja ned bei da sach, i glab dir hods an kindawogn eineghagelt, sog amoi bua, bist du denn total naaaaarrrrisch!!“), hier werden mehr oder weniger autobiographische Themen mit dem nötigen Ernst und gleichzeitig jeder Menge  Humor aufs unterhaltsamste behandelt. Auch in ruhigeren Momenten wissen der Keller Steff und seine Burschn absolut zu überzeugen. So war es eine weise Entscheidung, das bereits auf dem Debut zu findende melancholische Marionetten in etwas aufpolierter Version noch einmal mit drauf zu packen. Ein zeitlos schönes Lied!

 

Millaphon hat jetzt schon für frischen Südwind gesorgt. Auf  weitere Taten darf man sehr gespannt sein.

 

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