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Interview mit Isabell Ertl und Lara Sielmann vom Salon e.V.

06.07.2011

»Wir haben den Raum verbuchlicht«

Weit draußen in der niedersächsischen Tiefebene erscheint dieser Tage der Jahreskatalog des »Salon e.V.« – die Herausgeberinnen Lara Sielmann und Isabell Ertl gehen damit inhaltlich und ästhetisch ungewöhnliche Wege. JAN FISCHER hat mit ihnen gesprochen.

 

Das Wohnzimmer in Hildesheim wirkt, als hätte sich ein Stück gentrifiziertes Hamburg einfach irgendwie materialisiert, direkt neben einem Ofen-Zentrum, das mit dem Slogan Wir heizen Hildes Heim wirbt. Wo nicht gerade sorgfältig unrenovierte, nackte Wand hervorschaut, sind Astra-Logos, und wo keine Astra-Logos sind, da sind Fritz-Cola-Logos. Im Hintergrund der Aufnahme des Interviews sind schwummerige New-Soul-Beats zu hören. Später wird jemand beginnen, Gitarre zu spielen, deutsche Singer/Songwriter-Nummern. Er hat ein paar Freunde mitgebracht, die ihn eifrig beklatschen.

 

Lara Sielmann und Isabell Ertl kommen zusammen, sie winken, und gehen erstmal an die Bar: Alster und Rotwein, und gehen damit in den Raucherraum. Der Aschenbecher wird im Laufe des Interviews zweimal geleert.

 

Der Katalog des Salon e.V. heißt Kein Katalog. Was soll das?

 

Lara Sielmann: Letztendlich ist es natürlich doch ein Katalog. Was wir gemacht haben, ist mit dem Format und den Rahmenbedingungen des Objektes »Katalog« zu experimentieren. Kein Katalog, das ist ja erst mal nur eine Behauptung, von der wir selber wissen, dass wir mit ihr spielen und mit der sich der Leser auseinandersetzen muss.

 

Isabell Ertl: Der Arbeitstitel war auch: Performativer Katalog. Unser Anspruch war von Anfang an, alle Ereignisse des Jahres 2010 wiederzugeben plus ihre Hintergründe. Eigentlich hatten wir eher an ein Archiv gedacht – und daran, das zu trennen und zu klassifizieren: Das eine, das ist eine Kunstausstellung, das andere, das ist ein Konzert, eine Lesung. Aber das funktioniert einfach nicht, da gibt es eine Ausstellung mit Konzert, und das funktioniert nur, weil es zusammen gemacht wird. Oder wir hatten Musikveranstaltungen, die aber keine Konzerte waren, oder eine Performance mit literarischen Einschüben. Und dann saßen wir da, und fragten uns: Ja, was machen wir denn jetzt?

 

Lara Sielmann: So sind wir dann auf die Idee mit dem Performativen und Non-linearen gekommen, weil es eben unmöglich war, alle Veranstaltungen gleichberechtigt darzustellen und einen Bezug untereinander herzustellen.

 

Isabell Ertl: Verschiedene theoretische Arbeiten haben uns dabei geholfen. Am meisten Heinrich von Kleists Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, worin im Prinzip steht, dass jedes Mal beim Reden mit dem Gegenüber die Bedeutung erst generiert wird. Im Katalog entsteht die Bedeutung in der Rezeption. Es ist keine lineare Erzählweise. Ich bin gespannt, wie die Leute das wahrnehmen, womit sie anfangen, ob es ihnen zu konfus ist, oder vielleicht nicht gewagt genug. Es ist ja auch ein Experiment – und eben eine Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Praxis. Wir versuchen, neue Wege bei der Kulturvermittlung zu gehen.

 

Lara Sielmann: Um diese Fülle an Material, seien es Kritzeleien, amtliche Briefe, Email-Austausch mit den Künstlern, Fotos usw. strukturell übersichtlich darzustellen, haben wir sie chronologisch angeordnet. Irgendeine Art von Rahmen braucht man. Wenn es einfach nur wüst diese Dokumente wären, wäre der Katalog ja unlesbar.

 

Isabell Ertl: Sonst wäre es auch kein Katalog, sondern ein Zettelkasten oder ein Archiv.

 

Hattet ihr Vorbilder? Kataloge, die ähnlich funktionieren?

 

Isabell Ertl: Nicht in der Interdisziplinarität. Nur bei der Bildenden Kunst. Es gibt einen Katalog von Thomas Hirschhorn, Musée précaire Albinet, der hat mit den Bewohnern eines Pariser Vorortes ein vorübergehendes Museum aufgebaut und dort z.B. Werke von Duchamp oder Malevitch gezeigt, was einfach ein wahnsinniger bürokratischer Aufwand war, den er anhand von Dokumenten in seinem Katalog auch abbildet und ausbreitet.

 

Lara Sielmann: Die Lesart bei Hirschhorns Katalog allerdings ist eine ganz andere: Da gibt es dann eine Seite z.B. auf dem ein Dokument ist, auf das direkt erklärend Bezug genommen wird. Wir thematisieren das nicht groß, es wird nicht erklärt, nur dokumentiert.

 

Isabell Ertl: Wir verlassen uns da auf die Leser.

 

Lara Sielmann: Ein anderer Katalog, der uns inspiriert hat, ist M'as-tu vue von Sophie Calle, ein Katalog über die gesamten Werke und Arbeiten der Künstlerin. Einmal ist er schön anzuschauen, da sie mit vielen verschiedenen Einschüben arbeitet. Dann ist es interessant zu sehen, wie sie arbeitet, was für Prozesse hinter ihren einzelnen Ausstellungen stattgefunden haben.

 

Isabell Ertl: Kein Katalog sieht allerdings ganz anders aus als der von Sophie Calle. Ich bin selber gespannt, wie er dann letztendlich sein wird, wenn wir ihn in der Hand haben, bsher kennen wir ihn ja auch nur als PDF. So viel kann ich aber schon sagen: Es gibt einen durchlaufenden Text, daneben sind Dokumente, Emails, Radiointerviews, und darüber sind dann teilweise die Kunstwerke gelegt, die in dem Salon ausgestellt wurden. In dem Katalog sind mehr als 50 Leute vertreten, mit Texten, mit Fotos, mit Bildern.

 

Lara Sielmann: Und das ist nur auch nur ein Zehntel des Materials, was wir vorher hatten. Die Grundidee war auch gar nicht, dass es so sehr um den Salon geht, sondern dass wir exemplarisch auch die Strukturen von allen Arten von Kulturveranstaltungen zeigen. Da gibt es ja meistens immer die gleichen Probleme, die gleichen Organisationsfragen.

 

Isabell Ertl: Es ist ja auch ein Blick hinter die Kulissen, wenn wir Emails preisgeben. Darüber hinaus haben wir versucht, den Katalog wieder zu einem eigenständigen Kunstwerk zu machen; das, was der Salon räumlich ist, in den Katalog zu übertragen. Wir haben ihn sozusagen »verbuchlicht«. Der Salon ist deshalb über seine Funktion als exemplarischer Kulturort hinaus wichtig, weil man das Konzept des Katalogs auf alles Mögliche anwenden kann: Für einen Teil des Zielpublikums allerdings ist er relevant, denn das ist eigentlich dasselbe Zielpublikum wie das, was wir auch im Salon haben. Und das ist ja auch ungewöhnlich für Hildesheim, dass sich die Studenten – aus Hildesheim und von anderen Unis – und die Hildesheimer Bürger vermischen, dass die zu denselben Veranstaltungen gehen. Und das wollen wir auch mit dem Katalog: Nicht einfach nur Fachwissen auszubreiten, sondern auch andere Zugänge zu schaffen. Indem man eben aufdeckt, wie das überhaupt entsteht.

 

Wie wichtig ist der Standort Hildesheim für den Salon und für den Katalog?

 

Lara Sielmann: Hildesheim selbst thematisieren wir nicht groß. Relevant ist die Stadt in einem Beitrag, in dem es um die freie Kunst- und Kulturszene in Kleinstädten geht. Die interessante Frage ist dann natürlich auch, ob der Salon jetzt auch in einer Großstadt funktioniert hätte oder nicht. Oder ob man sich das getraut hätte.

 

Hättet ihr?

 

Isabell Ertl: Ich hätte es anders gemacht. Der Salon ist ja entstanden, weil wir eine Institutionenanalyse gemacht haben. Deswegen liegt der Schwerpunkt auch auf Kunst, weil es in Hildesheim kaum Orte gab, an denen zeitgenössische Kunst kontinuierlich angeboten wird. In einer Großstadt, wo es ein Überangebot gibt, muss man damit anders umgehen. Was uns immer mal vorgeworfen wird, ist, dass wir das machen, was die anderen schon seit fünf Jahren machen. Der Punkt ist aber, dass in Hildesheim vieles etwas Neues ist, vor allem für diejenigen, die wir damit ansprechen. Deshalb ist ja auch genau ein Schwerpunkt des Salons die Kulturvermittlung.

 

Was habt ihr so an Arbeitszeit in den Katalog gesteckt?

 

Lara Sielmann: Wir sind befreundet, wohnen nah beieinander. Irgendwann lässt sich das nur noch schwer auseinanderhalten, was Arbeit ist und was nicht. Meistens haben wir uns bei Isabell getroffen, irgendwann kam der Wein dazu und der Katalog entstand allmählich.

 

Isabell Ertl: In Berlin waren wir auch oft, um uns mit unseren Grafikern, Korbinian und William, zu treffen. Die haben schon viel im künstlerischen Bereich mit ihrer Firma Basics 09 gearbeitet. Was absolutes Glück für uns war, weil sie mit unseren Ideen, die manchmal etwas undefiniert waren, so arbeiten konnten, dass etwas Konkretes daraus wurde.

 

Lara Sielmann: Mal sehen, wie es wird. Am 16. Juli stellen wir den Katalog dann im Rahmen unseres Sommerfestes vor.

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